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„Persönliche Daten sind das neue Öl“

Andrew Keen, Kritiker des Web 2.0, ist für ehrliche Worte bekannt. Im Interview mit Lars Mensel und Florian Guckelsberger spricht Keen über persönliche Daten, die neue Währung der digitalen Gesellschaft, die Zukunft des Journalismus und die Paid-Content-Modelle von New York Times und Wall Street Journal.

The European: Sie sind einer der bekanntesten Internetkritiker. Was treibt Sie an?
Keen: Ich bin Unternehmer aus dem Silicon Valley, aber ich bin auch jemand, der die Dinge beim Namen nennen will. Als Mitte der 2000er alle anfingen zu erzählen, wie nutzergenerierte Inhalte die klassischen Medien verdrängen würden, habe ich dieser Einschätzung widersprochen. Es war nicht so, als ob sich für Autoren und Publizisten plötzlich sorglos neue Märkte auftaten. Die neuen Medien haben die traditionellen nicht ersetzt, sondern entwickelten sich parallel.

Es wurde immer schwieriger, Medienprodukte in den neuen Medien zu Geld zu machen, weil die Leute nicht bereit waren, dafür zu zahlen. Von Anfang an war ich Piraterie und maßlosen Inhalten wie Pornografie gegenüber kritisch eingestellt. In meinem ersten Buch, „The Cult of the Amateur“, habe ich mich deswegen gegen einige der extremen Utopien ausgesprochen. Solche Leute findet man in der digitalen Gesellschaft immer, weil hier Utopisten und Idealisten besonders angezogen werden.

„Persönliche Daten sind das neue Öl der digitalen Gesellschaft“

The European: Wogegen richten Sie sich heute?
Keen: In meinem neuen Buch, „Digital Vertico“, schreibe ich über den neuen Kult. Der heutige Trend geht dahin, alles sozial zu gestalten. Wirklich alles im Silicon Valley wird sozial, von Facebook und Twitter bis hin zu diesen ortsgebundenen Diensten. Persönliche Daten sind das neue Öl der digitalen Wirtschaft. Wir leben im Internet wie richtige Menschen, während wir ahnungslos unsere Privatsphäre und Sicherheit aufgeben. Das Ziel meines Buches ist, uns klarzumachen, dass wir nicht in die alte Welt zurückkehren können.

Ich will auch nicht den Teufel an die Wand malen, denn selbstverständlich haben soziale Medien Wichtiges geleistet, beispielsweise bei den Aufständen in der arabischen Welt oder Russland. Auch ich selbst habe einen Twitter-Account, weil ich begriffen habe, dass das Vorteile für einen Autor hat. Aber ich mache mir Sorgen, dass wir als Menschen vergessen, wer wir sind und warum wir so öffentlich und transparent leben. Viele Theoretiker glauben, diese Transparenz sei gut für die Menschheit, indem sie sie frei und ehrlich macht. Ich bin mir nicht sicher, ob uns Transparenz wirklich zu besseren Menschen machen kann. Mit meiner Arbeit will ich nur daran erinnern, welche Werte das Alleinsein haben kann, während die digitale Kultur unser Leben immer öffentlicher macht.

The European: Der Autor Nicholas Carr sagte kürzlich, dass die sozialen Medien das Selbstbildnis der Menschen verändern. Würden Sie dem zustimmen?
Keen: Ja, ich glaube tatsächlich, dass Leute ihre Persönlichkeit immer mehr für den Blickwinkel der digitalen Welt optimieren. Aus ihnen werden so etwas wie Mediencharaktere, das ist keine schöne Entwicklung. Nicholas Carr wird das ähnlich gesehen haben. In einem abgeschlossenen Raum könnten wir solche Identitäten überhaupt nicht entwickeln, sie entstehen allein deswegen, weil wir uns ständig darüber Gedanken machen, wie wir wahrgenommen werden. Dieses Phänomen nenne ich auch digitalen Narzissmus, wir baden in unserem eigenen medialen Ruf. Leider sind aber die meisten von uns nicht sehr interessant oder haben etwas Interessantes zu sagen. Irgendwann wird uns dieser Narzissmus zum Verhängnis, indem die digitale Welt unsere schwachen Seiten offenlegt. Im Internet lässt sich kaum verbergen, dass wir manchmal unreif und dumm handeln oder in Zusammenhang mit Sex und Drogen gesellschaftlich inakzeptable Präferenzen haben. Wir müssen lernen, dass wir erst am Anfang einer Revolution durch die sozialen Medien stehen. Und wir müssen lernen, mit unseren digitalen Identitäten umzugehen.

The European: Aber werden wir nicht jetzt schon dazu konditioniert, Dinge online zu teilen? Denken Sie an Applikationen wie Path, die sämtliche Wege unseres Alltags dokumentieren.
Keen: In meinem Buch warne ich genau vor solchen Diensten. Es gibt Beispiele aus jedem Bereich – bei Reisen, im Fernsehen oder in der Bildung. Sie alle werden dazu benutzt, unsere wahre Identität freizulegen. Ich glaube, dass diese Entwicklung sehr gefährlich ist, weil uns die Programme ausnutzen und uns in den sensibelsten Dingen ausspähen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Mein Buch warnt vor der Allgegenwart sozialer Vernetzung in neuen Medien. Jede neue Entwicklung im Silicon Valley geht dahin, die soziale Anschlussfähigkeit ist der treibende Faktor. Und Path ist dabei noch harmloser als Facebook und Twitter. Tatsächlich besteht ein Teil des Erfolgs von Path darin, Dinge vom Rest der Welt abzutrennen.

„Kostenlose Inhalte sind der falsche Weg“

The European: Google sammelt Inhalte, die traditionelle Medien teuer produzieren. Müssen wir über neue Vergütungsmodelle nachdenken?
Keen: Obwohl ich Google-Kritiker bin, kann man hier keinen Vorwurf erheben. Ich bin kein Freund der Idee, Medienunternehmen von Suchmaschinen bezahlen zu lassen. Google ist nichts als eine Maschine, die Links findet und bereitstellt. Wenn eine Zeitung es nicht will, braucht sie nicht mitzumachen. Rupert Murdoch beispielsweise hat entschieden, sich komplett abzuschotten. Seine „London Times“ und das „Wall Street Journal“ sind kostenlos nicht zu haben. Es ist also möglich, Grenzen zu ziehen, und die Tatsache, dass Suchmaschinen eine wichtige Stellung einnehmen, müssen die Medien einfach akzeptieren. Vor allem müssen sie lernen, damit umzugehen. Ich denke also nicht, dass Medien sich von Google bezahlen lassen sollten, zumal Google für sie ein exzellenter Werbeträger ist, der Links zu ihren Seiten bereitstellt. Dafür dürfen sie Google nicht bestrafen. Medienunternehmen müssen selbstständig einen Weg finden, sich zu finanzieren. Kostenlose Inhalte sind jedenfalls der falsche Weg.

The European: Warum sind kostenlose Inhalte problematisch?
Keen: Es gibt drei Hauptprobleme. Zunächst gibt es das Problem mit der Piraterie, vor allem in den Vereinigten Staaten, wo gerade eine Reihe von gemäßigten Befürwortern der Piraterie einen großen Kampf gegen SOPA (Stop Online Piracy Act) gewonnen haben. Mich besorgt ihre Ideologie, mit geistigem Eigentum derart lax umzugehen und zu behaupten, Inhalte sollten nichts kosten. Ihr Standpunkt ist mir zuwider. Zweitens glaube ich, dass die klassischen Medien in den 1990er-Jahren einen Fehler gemacht haben, als sie ihr Material kostenlos herausgegeben haben. Einige haben es mittlerweile gemerkt und Bezahlsysteme eingeführt, wie die „New York Times“ und die „Financial Times“. Damit scheinen sie nicht schlecht zu fahren. Das dritte Problem ist, dass die Kunden nicht verstehen, wie viel hochqualitativer Journalismus kostet. Irgendjemand muss bezahlen. Es ist das gleiche Prinzip wie bei Facebook. Facebook ist kostenlos, also verkaufen sie schon per Definition Nutzerdaten. Wie sollte es auch anders sein? Ich würde mich also darüber freuen, wenn viel mehr Firmen von ihren Kunden bezahlt werden, sei es ein soziales Onlinenetzwerk oder eine Anwendung wie YouTube.

The European: Genau das scheint doch aber zu passieren, insbesondere bei mobilen Anwendungen.
Keen: Ja, das stimmt. Der App-Sektor stimmt etwas hoffnungsvoller. Das Schlimmste ist vorbei. Vor fünf Jahren noch gab es wenige, die sich gegen kostenlosen Inhalt gestellt haben. Aber noch immer muss man die Kunden wachrütteln und ihnen sagen, dass es gute Produkte nicht für lau gibt. Entweder können sie Müll auf Blogs lesen, der ist kostenlos. Das ist auch in Ordnung, weil viel davon werbefinanziert ist oder von Amateuren stammt. Oder Sie lesen qualitativ hochwertige Beiträge und zahlen dafür. Das ist die Wahrheit und das wird sich nie ändern. Im Internet werden die grundlegenden ökonomischen Gesetze nicht neu erfunden, Knappheit hat weiterhin ihren Wert.

„Blogs sind aus der Mode gekommen“

The European: Also ist die ganze Blogosphäre tot?
Keen: Zumindest sind Blogs etwas aus der Mode gekommen. Die größte Aktivität haben inzwischen Mikro-Blogging-Dienste wie Twitter oder Facebook. Viele Blogger haben einfach die Nase voll. Sie haben Jahre damit zugebracht, zu schreiben und nicht wirklich viel daraus gelernt. Insgesamt schwindet die Unterscheidung zwischen neuen und klassischen Medien. Einige der besten Blogs wie die „Huffington Post“ werden professionalisiert, gekauft und damit selbst zu klassischen Medien.

The European: Aber die „Huffington Post“ funktioniert doch als Sammelstelle von Beiträgen.
Keen: Ich bin mir noch nicht sicher, wo ich die „Huffington Post“ wirklich einordnen soll. Ob sie ein Portal für kostenlosen Meinungsjournalismus bleibt, oder zum klassischen Medium wird, ist noch nicht entschieden. Immerhin hat ihre Gründerin Arianna Huffington eine Menge klassischer Journalisten angestellt und viel Geld darin investiert, lokal wie international guten Journalismus anbieten zu können. Mir ist noch nicht klar, wo die Reise hingeht. Auf Dauer können sie sicherlich nicht Blog bleiben, aber den Anspruch einer „New York Times“ haben.

The European: Sind Sie sicher, dass die qualitativ hochwertige Presse überleben wird?
Keen: Ja. Die „New York Times“, das „Wall Street Journal“ oder die „Financial Times“ machen einen guten Job. Eine der Ironien der digitalen Revolution ist, dass sie den Unterschied zwischen einer kleinen Informationselite und dem Rest vergrößert hat. Im Grunde ist es wie überall im Internet: Es gibt ein großes Meer voll kostenlosem Müll und einen kleinen Anteil hochwertiger Inhalte, für die zumindest ein Teil der Leser bereit sind, zu zahlen. Die alte Welt war demokratischer. Die Massengesellschaft war sowieso viel sympathischer, viel gleicher als unsere digitale Welt. Ironischerweise führt das Internet zu weniger Demokratie, wie man zum Beispiel bei Twitter merkt. Das Geschehen wird von einer kleinen Zahl Prominenter mit Millionen von Nutzern bestimmt, während die überwiegende Mehrheit nur ein paar Hundert Follower hat.

The European: Eine klassische Tageszeitung ist demokratischer als ein Mikro-Blogging-Dienst, der es erlaubt, mit jedem jederzeit zu kommunizieren?
Keen: In diesem Punkt sind einige Medien vielleicht nicht schlecht. Die „New York Times“ zum Beispiel versucht, beide Welten zu verknüpfen. Sie lernt, zwischen freien und bezahlten Inhalten zu justieren und nicht jeden durch ein exklusives Bezahlsystem auszugrenzen. Das funktioniert recht gut, obwohl man noch nicht beurteilen kann, ob es dauerhaft ökonomischen Erfolg haben wird. Interessanterweise wird man auf der ganzen Welt einen Trend dahingehend beobachten, dass Zeitungstitel ihren Marktplatz erweitern. Der „Guardian“ aus London ist schon jetzt sehr stark in den USA und die „New York Times“ hat gute Chancen, eine globale Marke zu werden. Letztlich wird es eine Reihe hochwertiger Blätter geben, für die man zahlen muss. Der Rest stirbt aus.

The European: Was muss passieren, um den Qualitätsjournalismus im Onlinebereich zu sichern?
Keen: Die Leute müssen für journalistische Inhalte genauso bezahlen wie für ihr Essen, ihre Reisen oder ihre Wohnung. Ihnen muss klar werden, dass sie professionelle Journalisten bezahlen müssen, wenn sie wollen, dass der Qualitätsjournalismus überleben soll. Wenn die Bevölkerung entscheidet, dass Journalisten nichts wert sind, dann wird es den Beruf nicht länger geben.

Dieses Interview entstand im Rahmen der DLD-Konferenz 2012 in München. The European ist Medienpartner der Veranstaltung.

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