Die Medien sind Spielball im Kampf um Deutungshoheit. Wadah Khanfar

„Der freie Markt funktioniert nicht“

Google ist ein Monster, Uber ein Hirngespinst und Internet-Kenner völlig verrückt. In seinem neuen Buch rechnet Technik-Skeptiker Andrew Keen mit dem Internet ab. Er hat uns erklärt, warum das Netz mehr Regulierung braucht.

The European: Herr Keen, in der Rezension Ihres Buches „Das digitale Debakel“ nennt Sie die „Washington Post“ einen Ludditen. Und meint das durchaus positiv: Sie seien nicht vornehmlich gegen Maschinen, sondern für Menschen.
Keen: Ludditen ist einer dieser Begriffe, die jegliche Bedeutung verloren haben. Er steht für die Maschinenstürmer, für gewalttätigen Widerstand – nichts, was ich befürworte. In dem Sinne liegen Sie also falsch.

The European: Aber?
Keen: In den USA wird jeder automatisch Luddit genannt, der Technik infrage stellt. Insofern bin ich mit der Bezeichnung wieder einverstanden. Aber das Problem ist doch, dass der Begriff abwertend ist: Ein Luddit gilt als reaktionär und davon bin ich nun wirklich weit entfernt. Ich bin weder Reaktionär noch Nostalgiker. Ich glaube aber, dass man Technologie kritisieren darf – selbst wenn man anerkennt, dass sie die Zukunft ist. Utopisten, das sind die wahren Ludditen.

„Das Internet hat seine Versprechen nicht erfüllt“

The European: Wieso das?
Keen: Utopisten sind Nostalgiker! Sie hängen an ihren romantischen Vorstellungen der Vergangenheit und glauben, dass wir zu einer besseren Welt zurückkehren können. Sie sind wie Großstädter, die einer Dorfidylle hinterhertrauern. Auch Marx war ein Utopist: Er glaubte daran, dass Technologie uns befreien und wieder menschlich machen könnte. Ich möchte die Uhr aber nicht zurückdrehen, ich möchte verdeutlichen, dass die Versprechen der Technikoptimisten und Utopisten nicht wahr geworden sind.

The European: Das Internet ist eine verpasste Gelegenheit?
Keen: Viele Menschen argumentieren, dass das Internet uns enttäuscht hat. Aber das Internet ist keine Sache: Es hat selbst nichts versprochen. Menschen wie Kevin Kelly, Chris Anderson oder John Perry Barlow haben dagegen gesagt, dass Technik die Demokratie verbessern, zu mehr Gleichberechtigung und neuen Jobs führen würde. Das stimmt einfach nicht. Die Herren sind ein leichtes Ziel und ich möchte nicht zu sehr auf ihnen herumhacken – das wäre wie Dynamitfischen im Ententeich. Aber Fakt ist: Sie haben den Bezug zur Realität verloren.

The European: Inwiefern?
Keen: Ich mag Kevin Kelly, aber er ist ein Verrückter. Allein die Idee, dass Technik eine Seele hätte – kompletter Schwachsinn. Er ist ein christlicher Mystiker, der aus Technik eine Religion macht. Er und die anderen sind aber nicht das eigentliche Problem.

The European: Sondern?
Keen: Das Internet ist kein Hirngespinst, kein Wunschtraum des Silicon Valleys. Es existiert und verändert dabei alles: Journalismus, die Unterhaltungsbranche, Bildung, Gesellschaft. Jede Branche hat sich verändert. Aber die utopischen Versprechen gingen nicht in Erfüllung: Stattdessen hat das Internet viele Probleme verstärkt, die es vorher schon gab. In meinem Buch knöpfe ich mir drei von ihnen vor.

The European: Welche?
Keen: Erstens: Das Internet verstärkt Ungleichheit und vergrößert die Schere zwischen der kleinen Minderheit und der großen Mehrheit von Menschen. Es lässt die Mittelklasse verschwinden – sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht. Das ist vermutlich der wichtigste Punkt in meinem Buch: das Entstehen einer Winner-Takes-It-All-Wirtschaft. Zweitens geht es um Jobs: Anstatt neue Arbeitsplätze zu schaffen, hat das Internet bloß existierende Jobs obsolet gemacht. Die wenigen neuen Arbeitsplätze, die entstanden sind, sind prekär: Es sind Teilzeitjobs, die daraus bestehen, eine Stunde lang Uber-Taxi zu fahren. Der dritte Aspekt ist die Überwachungswirtschaft, welche die freie Wirtschaft verdrängt hat. Der amerikanische Krypto-Experte Bruce Schneier hat das wie folgt zusammengefasst: „Überwachung ist die dominante Geschäftspraktik im Netz.“

The European: Sie meinen die Verwendung von Kundendaten zu Werbezwecken?
Keen: Genau. Google und Facebook verpacken uns als Produkte. Diese drei Punkte illustrieren alles, was das Internet bislang geliefert hat. Wenn wir nichts dagegen tun, wird das in Zukunft nicht besser.

„Wir brauchen mehr Regulierung“

The European: Lassen Sie uns über Ungleichheit sprechen. In der Erzählung vom Internet heißt es immer, es würde zu mehr Gleichheit führen, da es traditionell ausgeschlossenen Menschen Beteiligung ermöglicht. MOOCs, im Internet abrufbare Universitätskurse, machen Bildung beispielsweise allen Bevölkerungsschichten zugänglich.
Keen: In der Theorie! Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Manche Leute können an diesen Kursen teilnehmen, die ihnen sonst verwehrt geblieben wären. Aber das Phänomen ist noch längst nicht groß genug, um einen tatsächlichen Einfluss zu haben, genauso wenig gibt es dafür überzeugende Geschäftsmodelle.

The European: Selbst wenn jeder Teilnehmer einen kleinen Betrag zahlt?
Keen: Auch crowdfinanzierte Ideen entsprechen der Logik von Großkonzernen, sie halten sich an die Regeln der Winner-Takes-It-All-Mentalität, die ich vorhin anprangerte. Einigen wenigen Menschen öffnet sie Türen, sie können sich selbst zur Marke machen. Im Gegenzug verlieren aber andere. Es gibt Superstar-Professoren wie Michael Sandel, dem Tausende bei YouTube und Twitter folgen. Aber was ist mit all den anderen? Was ist mit all den Professoren an gewöhnlichen Unis oder Lehrern an Schulen? Sie werden durch das Internet langfristig arbeitslos. Das ist keine Verschwörung, die Ungleichheit zum Ziel hat, es ist schlichtweg ein Netzwerkeffekt unseres Systems, das es den 1% erlaubt, den Ton für 99% anzugeben. Schauen Sie sich nur Google an! Angeblich ein offenes Unternehmen, in Wirklichkeit aber längst ein monopolistisches Monster!

The European: Offene Technologie führt nicht unbedingt zu offenem Handeln.
Keen: Auf gar keinen Fall!

The European: Liegt das an der Technik, oder daran, wie wir sie verwenden?
Keen: An beidem, aber größtenteils an der Technik.

The European: Das Internet hat also einen großen Fehler?
Keen: Ihre Aussage impliziert, dass es ein ideales Internet geben würde, eins ohne Fehler. Das Internet ist eine Plattform und ein Wirtschaftssystem, das die Mittelschicht untergräbt. Wenn man das erwartet, dann hat das Internet in der Tat einen Fehler. Jedes neue Wirtschaftssystem läuft Gefahr, von Oligarchen missbraucht zu werden. Google ist einer der mächtigsten und gefährlichsten internationalen Großkonzerne, die es gibt. Alleine weil er in so vielen Branchen tätig ist: sei es Kartografie, Anzeigen oder Musik. Früher gab es mal einen Witz: Wenn die USA husten, bekommt die Welt eine Lungenentzündung. Heute ist es anders: Wenn Google hustet, bekommen ganze Branchen Lungenentzündung. Das macht sie aber noch zu keiner schlechten Firma …

The European: … nach allem, was sie gerade gesagt haben, ist das überraschend.
Keen: Ich möchte Google nicht verteufeln. Das wäre genauso blöd, wie zu argumentieren, dass Google gut ist. Google ist wie ein traditioneller Großkonzern auf Steroiden, und diese Steroide sind der Netzwerkeffekt, die Geschwindigkeit und Allgegenwärtigkeit der Internetwirtschaft.

The European: Unterscheidet diese sich so fundamental von der klassischen Wirtschaft?
Keen: Die digitale Revolution, die wir aktuell erleben, ist für unsere Wirtschaft so wichtig, wie es die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert war. Sie transformiert nicht nur die Wirtschaft, sondern die Gesellschaft an sich. Diese Veränderungen sind aber nicht gut. Der freie Markt funktioniert nicht, wir brauchen mehr Regulierung. Das Ziel meines Buches ist es, den Menschen klarzumachen, was das Internet nicht ist – und wie sehr wir alle verwöhnt wurden. Amazon bietet Bücher zu unglaublichen Spottpreisen und liefert sie an unsere Türschwelle. Aber was schafft es für Arbeitsplätze? Die Mitarbeiter von Amazon bezahlen die Differenz. Sie arbeiten unter prekärsten Bedingungen, damit Sie Ihre Bücher ein wenig günstiger bekommen als in einer normalen Buchhandlung. Amazon wird gerade zu einem Monopolisten in der Verlagsbranche und verhält sich wie ein Schläger auf dem Pausenhof, der unabhängige Verlage erpresst und intern als „Gazellen“ beschimpft: Amazon sieht sich als Panther und kleine Verlage als leichte Beute. Wir finden Online-Shops großartig, aber wir wurden betrogen: Es ist zu schön, um wahr zu sein. Jede Technik hat ihren Preis.

The European: Sie wollen uns die Kehrseite vor Augen führen.
Keen: Genau. Das Internet kam nicht plötzlich, eines Nachts vom Himmel gefallen. Es hatte Entwicklungskosten und die Investoren möchten ihr Geld zurück. Mein Buch richtet sich daher an ein allgemeines Publikum, an die Menschen, die das Internet benutzen und nicht erkennen, dass sie ausgebeutet werden.

The European: Lassen Sie uns noch einmal kurz auf die Gemeinsamkeiten zwischen der digitalen und der industriellen Revolution zurückkommen, die Sie vorhin nannten. Die industrielle Revolution hatte anfangs viele Schattenseiten wie Luftverschmutzung und prekäre Arbeitsbedingungen. Doch letztendlich hat sie zu einer wohlhabenderen Gesellschaft geführt. Könnte man anhand der Parallelen nicht Gleiches von der digitalen Revolution erwarten?
Keen: Genau darauf will ich hinaus. Aber beachten Sie, dass diese Entwicklung nicht von selbst zustande kam, sondern wegen strenger Regulierung. Hätte man sich nur auf den Markt verlassen, würde es heute noch Kinderarbeit geben und Smog unsere Städte unbewohnbar machen. Wir müssen einsehen, dass das Internet diese Art von Regulierungen braucht.

„Das Internet ist doch kein Schulprojekt!“

The European: Der englische Titel Ihres Buches lautet „The Internet is not the answer“. Wie lautet die Frage?
Keen: Was ist das beste Betriebssystem für das 21. Jahrhundert? Das Internet kann nicht die Antwort sein. Wenn ein Unternehmen wie Uber – ein Silicon-Valley-Wall-Street-Wagnis – zum globalen Monopol wird, läuft etwas grundlegend schief. Es gibt noch viele andere Beispiele, wie AirBnB. Zu allen gibt es den ideologischen Glauben, dass der Markt sie regulieren wird – wird er aber nicht. Das Internet wird heute zu sehr mit der libertären Idee eines freien Marktes vermischt und das schafft Probleme. Das Internet ist nun einmal kein Schulprojekt von Peter Thiel, der damit den freien Markt erklärt.

The European: Die EU setzt vermehrt auf Regulierung – besonders in Sachen Google – während die USA hier hinterherhinken. Vor allem, weil viele Verteidiger des freien Marktes behaupten, Google würde nichts Verbotenes tun, sondern nur die bestehenden Chancen nutzen.
Keen: Ich stimme dem nicht zu. Was Google heute tut, tat Microsoft in den 1990er-Jahren: beide verstießen gegen das Kartellrecht. Google ist wie Microsoft und so wie wir damals das alte Microsoft zähmen mussten, um das neue Microsoft zu schaffen, müssen wir nun Google zähmen, um ein neues Google zu schaffen.

The European: Die meisten Menschen sind sich bewusst, dass Google ihre Daten nutzt, stören sich aber nur wenig daran. Obamas CTO, Harper Reed, erzählte uns im Interview, dass wir unsere Privatsphäre sogar bewusst für ein paar nette Features an diese Firmen abtreten.
Keen: Es stört die Leute, aber sie sind auch sehr faul. Aber je weiter das Internet der Dinge voranschreitet, je weiter unser Alltag vom Internet beeinflusst wird, desto mehr Leute werden sich über die Nutzung ihrer Daten aufregen. Die Frage ist: Werden sie aktiv dagegen vorgehen?

The European: Ihre Einschätzung?
Keen: Es gibt die Bereitschaft, etwas zu tun, aber es bleibt abzuwarten, wie sich das in die Realität umsetzen lässt. Einige Menschen werden sich vielleicht die Mühe machen, Google-Alternativen wie DuckDuckGo zu benutzen.

The European: Ist nicht genau das das Problem: Wir vertrauen darauf, dass man Technologie mit Technologie umgehen oder reparieren kann?
Keen: Diese Einschätzung teilt nur ein Bruchteil der Gesamtbevölkerung. Außer ein paar Geeks weiß doch niemand, wie Verschlüsslungssoftware funktioniert. Mein Buch richtet sich aber an die große Masse, nicht an ein paar Tech-Gurus aus dem Silicon Valley.

The European: Abschließend – was ist Ihr Rat an die Leser?
Keen: Mein Buch soll wachrütteln. Das Internet verändert unser aller Leben und wir sollten es nicht den Jungs aus dem Silicon Valley überlassen, den Weg vorzugeben.

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. DVA, 2014. 320 Seiten. € 19,99

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09.04.2014
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