Der Papst ist kein Antisemit. Martin Mosebach

Laizistischer Populismus

Laizistische Sektierer in der FDP machen mobil gegen eine angebliche Staatskirche in Deutschland. Sie betreiben den Abbruch eines Ethos, auf dem unsere Freiheit erst gedeiht.

Weil die FDP mit den klassischen Themen wie Steuersenkung, Deregulierung oder Datenschutz angesichts eskalierter Staatsverschuldung, deutschem Normierungsperfektionismus und terroristischer Bedrohung nur noch schwer durchdringt, sucht man sich offenbar Nebenkriegsschauplätze, auf denen Reformeifer scheinbar nichts kostet und "Genosse Trend“ nutzbar gemacht werden kann. Als solchen haben einige Schlaumeier um Generalsekretär Christian Lindner wohl die Entchristlichung der deutschen Gesellschaft ausgemacht und beschlossen, endlich wieder mal Avantgarde zu spielen: "Dort geht mein Volk, ich muss ihm nach, ich bin sein Führer“ (Talleyrand).

Volkszorn gegen die christliche Minderheit

Erst schwang sich ausgerechnet eine liberale Justizministerin dazu auf, den Volkszorn gegen eine gesellschaftliche Minderheit zu schüren – die kirchentreuen Katholiken und ihren Klerus –, sie an den Pranger zu stellen und einer Sonderbehandlung zu unterziehen. Die sichtlich affektgeladene Forderung der Beirätin der kirchenfeindlichen Humanistischen Union, die katholische Kirche allein habe sich einem "Runden Tisch“ zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in ihren Einrichtungen zu stellen, zerschellte bald an der Realität und dem kühlen Kopf ihrer Ministerkollegin Kristina Schröder (CDU).

Inzwischen hat auch FDP-Generalsekretär Lindner die Schwäche der Kirchen für sich entdeckt. Er hielt es für angebracht, eine Republik auszurufen, die wir längst haben, und eine "Staatskirche“ abzulehnen, die in deutschen Landen seit bald 100 Jahren gar nicht mehr besteht. Doch schon Lindners marktliberales Vorbild Friedrich von Hayek lehnte zwar für sich selbst den Glauben an einen persönlichen Gott explizit ab, würdigte aber, dass dieser die Menschen zu ökonomisch vernünftigem Verhalten anhalte, zum Beispiel zu Ehrlichkeit, Vertragstreue, Respekt vor dem Eigentum und der Familie. Sollte Lindner seinen Hayek im Original wenig gelesen haben, hätte er zumindest in der von Politikern gut beobachteten Süddeutschen Zeitung (13.9.2006) von dessen ausdrücklicher Wertschätzung des Glaubens an Gott lesen können: Selbst ein Agnostiker müsse "zugeben, dass wir unsere Moral und die Traditionen, die nicht nur unsere Zivilisation, sondern nachgerade unsere Existenz ermöglicht haben, dem Festhalten an wissenschaftlich so unannehmbaren Tatsachenbehauptungen verdanken“.

Sektiererischer Laizismus

Gern hörte man zu dem uninformierten und unreflektierten Geschwätz des – horribile dictu – Impulsgebers eines neuen FDP-Grundsatzprogramms die Meinung seines Parteivorsitzenden. Guido Westerwelle sagte der Westdeutschen Zeitung vom 8. April 2005 auf die Frage nach seinem Verhältnis zur Kirche: "Ich bin Mitglied meiner Kirche nicht aus Trägheit, sondern aus Überzeugung. Ich glaube, dass Werte in die Politik hineingehören.“ Auf die Nachfrage: "Christliche Werte?“ antwortete er: "Werte wie Nächstenliebe, Verantwortung füreinander – diese Werte nennt man zu Recht christlich. Sie prägen und führen mich in meiner politischen Arbeit.“

Manche bibelfundamentalistischen oder ultrakatholischen Eiferer, denen zum Politiker Westerwelle nie etwas Erleuchteteres einfiel als abfällige Sprüche über seine private Partnerschaft, könnten sich noch zurücksehnen nach diesem FDP-Chef, wenn erst mal Geistesgrößen wie Leutheusser und Lindner seine Nachfolge angetreten und die FDP ins "Freiheit und sonst nichts“-Ghetto eines sektiererischen Laizismus zurückkatapultiert haben – hierin sogar einig mit den SED-Erben in der Linken. Deren Fraktionschef Gregor Gysi allerdings bekennt: "Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Damit ist er, wie zahlreiche sozialwissenschaftliche Daten zum Zusammenhang von Christentum und Freiheitsethos belegen, Herrn Lindner um einiges an Realitätssinn voraus.

Andreas Püttmanns aktuelles Buch “Gesellschaft ohne Gott: Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands” ist im Gerth Medienverlag erschienen.

Leserbriefe

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    Frank Naumann – 15.12.2010 - 08:13

    Dieser Diskussionsbeitrag scheint mir der bisher inhaltsleerste in der Debatte “Kirche und Staat” zu sein.

    Viele heute vom Christentum vereinnahmte Werte wurden gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen durchgesetzt. Wer den wahren Kern der monotheistischen abrahamitischen Religionen in Reinform noch heute hautnah erfahren will, gehe nach Afghanistan oder Saudi Arabien. Dort sieht man die unverfälschte abrahamitische Religiosität und ihre Werte. Wer die Reformation und Luther für einen Neuanfang hält vergisst seinen latenten Antisemitismus und sein Festhalten an der Hexen- und Ketzer-Verfolgung. Evangelikale sind heute weit “fundamentalistischer” als es die katholische Kirche ist, und im Gegensatz zu letzterer eine reale Bedrohung für unsere Demokratie.

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    Frank Naumann – 15.12.2010 - 08:41

    »Guido Westerwelle sagte der Westdeutschen Zeitung vom 8. April 2005 auf die Frage nach seinem Verhältnis zur Kirche: “Ich bin Mitglied meiner Kirche nicht aus Trägheit, sondern aus Überzeugung. Ich glaube, dass Werte in die Politik hineingehören.”«

    Es ist schon tragischkomisch, wenn sich Homosexuelle homophoben Glaubenssystemen und deren institutionellen Überbau anbiedern.

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    Rolf Kohl – 15.12.2010 - 10:05

    Ich muss gestehen das ich mit der Kirche nicht viel am Hut habe. Für mich ist religiöser Glaube reine Privatsache und eine Angelegenheit des Einzelnen die er mit sich und seiner Religion abmachen muss. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, das es einem Herrn Lindner nur um Stimmenfang geht, keinesfalls aber um seine Überzeugung. Wendet sich das Blatt mal wieder zu Gunsten der Kirche und die Gläubigen werden mehr, schert sich Herr Lindner nicht mehr darum was er Heute oder Gestern gesagt hat, sondern schwenkt um 180 Grad und behauptet das Gegenteil. Es ist also vergebene Mühe, einem solchen Wendehals seine Wertvolle Zeit zu opfern.

  • Theeuropean-placeholder
    Andreas Püttmann – 15.12.2010 - 10:58

    Werter Religionskritiker Naumann,
    wenn mein Beitrag Sie so aufregt, dass Sie gleich zweimal schreiben, kann er ja so “inhaltsleer” nicht sein, gel? Zumindest den Nobelpreisträger von Hayek sollten Sie schon ernster nehmen, wenn er als Agnostiker die segensreichen ökonomischen Wirkungen des Glaubens analysiert. Ein paar empirische Hinweise reiche ich gern nach:
    Etwa dass christliche Bürger laut soziologischen Studien ein ausgeprägteres Rechtsbewusstsein aufweisen. Sowohl bei der sogenannten Alltagskriminalität – Steuerhinterziehung, Sozialkassen- und Versicherungsbetrug, Schwarzfahren – als auch bei politisch motivierten Regelverletzungen wächst der Prozentsatz entschiedener Ablehnung mit der Nähe zur Kirche. Erst jüngst erklärte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, für christliche Schüler in Westdeutschland sei – anders als bei muslimischen – „das Ausmaß der religiösen Bindung (…) durchweg ein das Risiko delinquenten bzw. abweichenden Verhaltens reduzierender Faktor. Je stärker sich katholische und evangelische deutsche Jugendliche an ihren Glauben gebunden fühlen, umso seltener begehen sie Ladendiebstähle bzw. Sachbeschädigungen und umso seltener gehören sie zu den häufigen Alkoholkonsumenten“; auch hätten sie „signifikant seltener Kontakt mit delinquenten Freunden und einen deutlich geringeren Gewaltmedienkonsum“.
    Nach einer Allensbacher Umfrage (März 2008) ist die Toleranz regelmäßiger Kirchgänger (altersbereinigt; < 50 J.) gegenüber Minderheiten wie Moslems, Juden, Hindus, Ausländern/ Einwanderern und Menschen anderer Hautfarbe, psychisch Kranken, kinderreichen Familien und Homosexuellen (etwas) größer als die Toleranz kirchendistanzierter und konfessionsloser Bürger. Moslems „nicht gerne als Nachbarn“ zu haben, erklärte 2008 jeder sechste regelmäßige Gottesdienstbesucher, aber fast jeder dritte kirchenferne Bürger. Wenn der FDP die Toleranz so wichtig ist, sollte ihr das zu denken geben.
    Last but not least: Die dem Werbefachmann Lindner sicher bekannte Allensbacher Werbeträgeranalyse (AWA 2007) ermittelte die Zustimmungsbereitschaft zu dem allerheiligsten FDP-Motto: „Möglichst viel Eigenverantwortung, nicht mehr Staat als nötig“. Es wurde von religiösen jungen Deutschen häufiger (zu 39 Prozent) für „wichtig im Leben“ gehalten als von nichtreligiösen (31%).

    Und jetzt noch eine kleine Hausaufgabe für Sie:

    1. Reflektieren Sie die Einschätzung des renommierten Staats- und Steuerrechtlers, Verfassungsrichter a.D. Professor Paul Kirchhof: „Die imago-dei-Lehre enthält den radikalsten Freiheits- und Gleichheitssatz der Rechtsgeschichte“! (Hilfe: „Imago-dei-Lehre“ bezeichnet die jüdisch-christliche Idee von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen.)

    2. Welche weltanschaulichen Bewegungen haben im 20. Jahrhundert in Europa die umfangreichsten und schwersten Verletzungen von Freiheit und Menschenrechten organisiert:
    a) jüdische und christliche religiöse Eiferer
    b) areligiöse Ideologen rechter und linker Provenienz

    3. Der Gründungskanzler unserer Republik, Konrad Adenauer, war überzeugt: „Nirgendwo prägt sich das Christentum, die christliche Überzeugung stärker aus als in dem Verlagen nach Freiheit“ (30.6.1957). Diskutieren Sie diese Einschätzung im Blick auf
    a) die Bibelstellen 2 Kor 3,17, Gal 5,1 und Gal 5,13 (Bibel darf benutzt werden)
    b) die Weltkarte freiheitlich verfasster Staaten in den religiös unterschiedlich geprägten Weltregionen

    Zur Vertiefung empfehle ich: “Gesellschaft ohne Gott. Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands” (Asslar 2010)

    Freundliche Grüße!
    Ihr Andreas Püttmann

  • Theeuropean-placeholder
    Redaktion The European – 15.12.2010 - 20:22

    Die Redaktion hat einen Leserbrief mit persönlichen Beleidigungen entfernt. Bitte die Netiquette beachten.

  • Theeuropean-placeholder
    Christian – 15.12.2010 - 14:19

    Herr Püttmann,

    sorry, aber Sie haben scheinbar ein echtes Problem. Erstens verstehen Sie Lindner – genauso wie Herr Görlach – ganz offenbar und absichtlich falsch, um wieder ne Möglichkeit zu finden, der Trendsportart FDP-Bashing zu frönen. Zum zweiten ist die Art, wie Sie sich hier aufführen, – wenn ich es vorsichtig ausdrücken darf – befremdlich; um nicht “widerlich” sagen zu müssen.

    Das oberlehrerhafte Verteilen von “Hausaufgaben” ist derart herablassend, dass es einen nur anekelt. Gehen Sie bitte mal an die frische Luft, da sind Sie Gott näher als an ihrem beheizten Schreibtisch und Sie fassen vielleicht auch den einen oder anderen brauchbaren Gedanken. Und keine Dummheiten anstellen draußen, damit die Empirie weiter Ihre Freundin bleibt.

    Es grüßt Sie herzlich ein rechtstreuer (nicht mal Punkte in Flensburg besitzender), nicht vorbestrafter und ich denke auch sehr toleranter Atheist, der diese ganze, völlig sinnlos aufgebauschte Religionsdebatte hier auf TheEuropean ohnehin für so überflüssig hält wie einen Kropf.

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