Geld statt Liebe

Andreas Kern20.07.2015Sport

Schweinsteigers Wechsel nach England zeigt vor allem eins: Die Regeln des Business gelten auch im Sport – Geld regiert die (Fußball)Welt.

Ganz Europa diskutiert über den Grexit, das mögliche Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone. In Deutschland lässt zusätzlich der „Schwexit“ die Emotionen hochkochen: Der Wechsel von Bayern-Urgestein Bastian Schweinsteiger zu Manchester United. Seit der Übersiedlung von Franz Beckenbauer nach New York hat kein Auslandstransfer die Nation so sehr bewegt. Dabei sind die Zeiten längst andere geworden. Wechselten in den 1970er-Jahren nur wenige deutsche Profis in fremde Ligen, so gilt dies spätestens seit dem Bosman-Urteil in den 1990ern als normales Geschäft.

Mehr als nur ein kickendes Maskottchen

Allerdings war Schweinsteiger sowohl für den FC Bayern als auch für den DFB eine absoulte Identifikationsfigur. Schon in jungen Jahren hatte sich der blonde Kämpfer ins Herz der Fans gespielt. Auf dem Platz überzeugte er durch Einsatz; außerhalb des Spielfeldes gefiel er als unbeschwerter Schweini, der neben Fußball viel unbeschwerten Unfug im Kopf hatte. Die Flausen gingen, der sportliche Erfolg nahm stetig zu. Anders als Kumpel „Poldi“ Podolski war Schweinsteiger bald mehr als nur ein kickendes Maskottchen.

Es ist sicher nicht falsch, zu behaupten, dass kein aktueller Spieler den deutschen Fußball so sehr verkörpert wie der Bayer aus dem Landkreis Rosenheim. Beim WM-Finale 2014 überzeutgte der Mann mit dem für Ausländer unaussprechlichen Namen so sehr durch Willenskraft und Führungsstärke, dass er in seiner Heimat zu einer fast schon mythischen Figur aufstieg. Fußballgott nennen sie ihn in München, beim DFB wurde er zum Mannschaftskapitän erkoren. Und nun verlässt so ein Heldencharakter seine Stammlande, um in Manchesters Fußballkapitalismus noch mehr Millionen zu scheffeln? Für viele Hardcore-Fans passt das nicht ins Weltbild.

Für Schweini-Treue liegt es nahe, Pep Guardiola den Auszug aus dem gelobten Land anzulasten. Setzt der polyglotte Katalane doch eher auf Taktik und Theorie als auf Herz und Emotion. Zudem hat der Trainer bei Personalentscheidungen mehrfach bewiesen, dass vergangene Lorbeeren für ihn keinen allzu hohen Wert haben. Für den Verbleib des zuletzt häufig angeschlagenen Schweinsteiger dürfte sich der Spanier daher nicht wirklich ins Zeug gelegt haben.

Upgrade zur globalen Marke des Sports

Bei allem, was zwischen Spieler und Coach vorgefallen sein mag, die Gründe für den Schwexit sind vielschichtiger. Dieser Transfer ist Sinnbild für den modernen Profi-Fußball, der zumindest für Guardiola und Manchester United absolut nichts mehr mit der Elf-Freunde-müsst-ihr-sein-Mentalität eines Sepp Herberger zu tun hat. Guardiola ist nicht Herberger – und Schweinsteiger nicht Fritz Walter. Solche Fußballunternehmer taxieren – ähnlich wie Manager in der Wirtschaft – nüchtern ihre Optionen, bevor sie anschließend rationale Entscheidungen treffen.

Zum Münchner Herzbuben taugt Schweinsteiger vielleicht nicht mehr; de-facto hat er für sich und seinen Ex-Klub aber eine Win-win-Situation geschaffen. Guardiola hat nun die Option, das Team weiter nach seinem Geschmack umzugestalten. Schweinsteiger indes eröffnet der Wechsel gleich mehrere Möglichkeiten. Zum einen ist da das Finanzielle: Eine Vertragsverlängerung bis 2018 sowie eine nochmalige klare Gehaltssteigerung hätte er in München wohl nicht erhalten. Darüber hinaus eröffnet der Arbeitsplatzwechsel dem DFB-Kapitän die Option, sich in einem internationalen Umfeld – und an der Seite des serbischen Tennis-Stars Ana Ivanovic – neu zu erfinden. Ähnlich wie einst Beckenbauer könnte Schweinsteiger das Upgrade zur globalen Marke des Sports gelingen. Perspektiven der Anschlussverwendung nach dem Karriereende eingeschlossen.

So zeitgemäß rationale Entscheidungen erscheinen, langfristig könnte eine Durchrationalisierung dem Fußball die Basis nehmen, die ihn zur beliebtesten Sportart gemacht hat: die Leidenschaft der Fans. Bayerns Ex-Präsident Uli Hoeneß hat das erkannt. Daher pflegte er – allen internationalen Erfolgen zum Trotz – immer das Image des Familienvereins. Geriet ein ehemaliger Spieler irgendwie in die Bredouille – Hoeneß kümmerte sich um Alkoholiker, Schwerstkranke und zur Haft Abgeurteilte. Auch setzte er den Verein nie den Gesetzen des Kapitalmarktes aus. Herr im Haus wollte er bleiben; allenfalls strategische Partnerschaften mit bekannten Unternehmen kamen in Betracht.

Beckham und Rooney die Scheinriesen von einst

Hätte sich Hoeneß nicht wegen einer bekannten Geschichte aus dem aktiven Geschäft zurückziehen müssen, vielleicht hätte er – entgegen aller sportlichen Vernunft – um Schweinsteigers Verbleib gekämpft. Tradition und Emotion lassen sich eben nicht mit Geld aufwiegen. Ohne den Schutzmantel der Fanleidenschaft sind Fußballklubs knallhart den rauen Winden der Kapitalmärkte und des Wettbewerbs ausgesetzt.

In England ist eine solche Entwicklung weit fortgeschritten. Fußball ist dort zum gigantischen Marketing-Hype geworden, bei dem der Sport oft nur noch Bühne für Show und große Namen ist. Einschaltquoten müssen her, koste es, was es wolle. Da sind zum einen die mächtigen Pay-TV-Sender, die mit ihren Milliarden das System überhaupt am Leben halten. Zudem brauchen die Marketingabteilungen der Klubs internationale Aufmerksamkeit für ihr Merchandising. Und natürlich erwarten Investoren die Amortisierung ihres Kapitaleinsatzes. Unter solchem Druck gehen Vereine oft kaum Risiken ein. Arsenal, Manchester City und sogar Stoke City liefen in der vergangenen Spielzeit mehrfach mit elf Ausländern in der Startelf auf. Selbst bei Burnley stammt das halbe Team nicht aus dem Königreich. Die bescheidene Performance der englischen Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren scheint da die logische Folge zu sein. Doch auch in der Champions League waren englische Klubs zuletzt nicht wirklich erfolgreich. Zu allem Überfluss erinnerten Stars wie David Beckham oder Wayne Rooney mitunter an den Scheinriesen Tur Tur aus Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf“. So groß, wie sie das Marketing gemacht hat, so klein waren sie, wenn sie sich bei Welt- und Europameisterschaften echten Herausforderungen stellen mussten.

Dafür sind die Eintrittspreise horrend. Bei Arsenal etwa kostet eine Saisonkarte fast 1.200 Euro. Bei deutschen Spitzenklubs wie Bayern München und Borussia Dortmund ist der Spaß schon für ein Drittel des Preises zu haben. Während die echten Fußballfans die Premier League immer öfter nur im Pay-TV sehen, füllen die Schönen, Reichen und Mächtigen die Stadien.

Gerade Schweinsteigers neuer Verein ist so etwas wie der Prototyp der schönen neuen Fußballwelt. Laut Beratungsunternehmen Deloitte gilt Manchester United als der zweitumsatzstärkste Klub auf diesem Globus. Eine halbe Milliarde Euro werden pro Jahr bewegt. Dieser Geldfluss ist lebenswichtig, hat der englische Rekordmeister doch Schulden in etwa gleicher Höhe. Nur so lange Zinsen und Tilgung bedient werden, kann neues Geld in Transfers und Gehälter fließen. Bricht dieses Schneeballsystem zusammen, wird die Fallhöhe sehr groß sein. In der realen Wirtschaft können wir aktuell anhand der Griechenland-Krise verfolgen, wie solche Mechanismen ablaufen.

Schweinsteiger wird während seiner aktiven Zeit in Manchester sicher keinen Systemzusammenbruch erleben müssen. Nachhaltig ist Eventfußball auf Pump aber gewiss nicht.

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