Daten erzählen Geschichten. Jure Leskovec

Die wildeste Story des deutschen Fußballs

Mit einfachen Rezepten und wenig Geld schaffte Darmstadt-Trainer Dirk Schuster ein Fußball-Wunder. Was die Gesellschaft vom Aufstieg des Underdogs lernen kann.

Als gebürtiger Hesse verfolgt man den Höhenflug des SV Darmstadt 98 aufmerksam, auch wenn das Fußball-Herz für den arrivierten Bundesligaklub Eintracht Frankfurt schlägt. Der Aufstieg der Lilien ist aber nicht nur aus Gründen des Lokalkolorits ein Ereignis. Für Fußballexperten quer durch die Republik ist es eine regelrechte Sensation. Mit einem Spielerbudget von nur fünf Millionen Euro – was in etwa dem Jahressalär des Hamburger Stars Rafael van der Vaart entspricht – und Profis, die in der Zweiten und Dritten Liga auf dem Abstellgleis standen, haben die 98er die vielleicht wildeste Story im deutschen Profi-Fußball geschrieben. Zudem haben die Darmstädter bewiesen, dass kein Geld auch Tore schießen kann.

Den höher gehandelten Mitbewerber RB Leipzig, der mit österreichischen Brause-Millionen gepimpt und vom Fußball-Professor Ralf Rangnick am Reißbrett entwickelt wurde, haben die Lilien locker hinter sich gelassen. Dabei wirken die Darmstädter mit ihrem Kleinstetat und dem maroden Stadion, in dem es fast nur Stehplätze gibt, wie ein Museumsstück der 70er-Jahre-Fußballherrlichkeit. Was für ein Gegensatz zu millionenschweren Werksklubs wie Leverkusen, Wolfsburg oder Mitaufsteiger Ingolstadt! Mentalität schlägt eben doch Qualität – so wie es der Vater des Erfolgs, Trainer Dirk Schuster, gebetsmühlenartig oft wiederholt.

Überhaupt Schuster – ohne den gebürtigen Chemnitzer gäbe es kein Aufstiegsmärchen und nächstes Jahr keinen Bundesliga-Fußball am Böllenfalltor. Nicht nur Fußballfreunde sollten sich den Mann, der sowohl für die DDR- als auch die DFB-Nationalelf verteidigte, genau ansehen. Seine Methoden sind wie gemacht für ein Managerhandbuch. Manchen missmutigen, übervorsichtigen oder zum Bedenkenträgertum neigenden Zeitgenossen möchte man eine Frischzellenkultur am Böllenfalltor verordnen.

Weltschmerz und falsche Vorsicht? Nicht in Darmstadt!

Bei Schuster wird gemacht, angepackt, gekämpft – und das alles mit Leidenschaft. So kam dem 47-Jährigen niemals in den Sinn, angesichts der wirtschaftlichen Engpässe und der limitierten spielerischen Mittel Angst vor dem Aufstieg zu verbreiten und sich stattdessen im Umfeld von Liga zwei einzurichten. Zum einen wäre es zum Aderlass der Leistungsträger gekommen, zum anderen ist ein Platz in der Bundesliga die beste Garantie dafür, ein Jahr später nicht in Liga drei spielen zu müssen. Falsche Vorsicht und Weltschmerz sind in Darmstadt fehl am Platz. Wie wohltuend in einem Land, in dem ein Bahnhof zum Menschheitsproblem hochstilisiert wird und man sich an Orten vor Muslimen fürchtet, in denen es kaum welche gibt!

Schon bei der Personalauswahl achtet Schuster darauf, die richtigen, hungrigen Typen anzuheuern. Damit potenziellen Neuzugängen klar wird, auf was sie sich einlassen, führt der Coach sie erst einmal persönlich über das urzeitliche Trainingsgelände (auf das Urteil seiner Scouts kann Schuster vertrauen; das sind – mangels Finanzkraft – sein Vater sowie der Vater des Co-Trainers Sascha Franz).

Nur wer aus Überzeugung „Ja“ zur Welt der begrenzten Möglichkeiten sagt, den nimmt der Trainer unter Vertrag. Dafür stellt er sein Spielsystem auf die Menschen ab. In der „Trabi-Werkstatt“ Darmstadt einen fußballerischen Mercedes bauen zu wollen, käme dem Sachsen nicht in den Sinn. Niemand muss etwas tun, was nicht seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schwärmt Mannschaftskapitän Marco Sailer daher: „Er (Schuster) lässt das spielen, was wir können, er ist mit seinem Trainerteam verantwortlich dafür, dass dieser Haufen Verrückter da gerade in Darmstadt zusammen auf dem Fußballplatz steht.“

Mit Kreativität, Leidenschaft und Konzept gegen den Geld-Fußball

Mit Menschenkenntnis und Motivation gelang es dem Trainer, aus einer Gemeinschaft der Gescheiterten ein Siegerteam zu formen. Fehlerkultur und zweite Chance? In Darmstadt wird vorgelebt, was in der deutschen Berufswelt nicht überall Alltag ist. Auch hierzu der O-Ton des Kapitäns: „Der Zusammenhalt zwischen Trainerteam, Mannschaft, Fans und Präsidium ist einmalig. Da kann man sich nur wohlfühlen. Der Trainer redet uns in gewisser Weise den Trainingsacker schön. Aber genauso akzeptiert er es, wenn Fehler passieren aufgrund des Platzes. Wir lachen manchmal gemeinsam darüber, auf was für einem schlechten Platz wir trainieren. Umso mehr Bock hat man, am Wochenende auf guten Plätzen zu spielen.“

Auch der Umgang mit Kritik scheint in Darmstadt zu funktionieren. Glaubt man Sailers Worten, dann sagt man sich in der Lilien-Elf klare Worte, liegt sich aber anschließend wieder in den Armen. Offene Kommunikation – die Sache kritisieren, nicht die Person. Nicht anders steht es in den Lehrbüchern.

Mentalität schlägt Qualität – die südhessische Erfolgsgeschichte sollte zu denken geben. Zum einen in der Fußballwelt, die immer mehr von den Werksklubs oder Branchengrößen wie Bayern München und Borussia Dortmund dominiert wird. Während Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim dank potenter Finanziers ins internationale Geschäft aufrücken können, verschwinden Traditionsklubs wie Nürnberg, Kaiserslautern oder Duisburg im Grau der zweiten Liga. Andere Klubs – Frankfurt, Hannover, Köln oder Hertha Berlin – befinden sich ständig im Abstiegskampf oder im Fahrstuhl zwischen den Ligen. Viele beklagen das, Schuster tut was. So widerspricht der Darmstädter Höhenflug der These von Frankfurt-Boss Heribert Bruchhagen, dass Geld den Fußball zementiert. Kreativität, Leidenschaft sowie ein klares Konzept können einige Nachteile wettmachen.

Der „Darmstädter Weg“ hat Vorbildfunktion

Auch in der Berufswelt könnte sich manch einer ein Beispiel an Schuster und seinen Methoden nehmen. Mit richtiger Menschenführung, Motivation und wertschätzendem, offenem Umgang ließe sich sicher manche krankheitsbedingte Fehlstunde reduzieren. Zudem können motivierte, engagierte Teams Ziele erreichen, die nach den Gesetzen der Schwerkraft eigentlich zu hoch erscheinen. Das Beispiel Darmstadt zeigt, dass man dabei sogar Spaß haben kann. Übervorsichtigen Risikoanalysten und Menschen, die Fleiß oder übermäßiges Engagement per se als „Dummheit“ abtun (warum denke ich hier an Faulheitsapostel Jan Korte?), täte es gut, etwas mehr dem „Modell Dirk Schuster“ nachzueifern.

Bleibt zu hoffen, dass die Lilien auch in der höchsten deutschen Profi-Liga der einen oder anderen Größe ein Bein stellen werden. Mannschaft, Umfeld und Fans wäre es zu gönnen. Zudem würden dann auch andere auf den „Darmstädter Weg“ aufmerksam.

Warum aber, fragt man sich, werden Schusters Methoden – sein Umgang mit „vorerst Gescheiterten“, Herausforderungen, Fehlern und Motivation – gerade von einem klammen Klub genutzt, der kurz vor dem Zwangsabstieg in Liga vier stand – und nichts mehr zu verlieren hatte? Muss der Leidensdruck wirklich erst sehr hoch sein, damit voller Leidenschaft gekämpft wird? Und man öffentlich sagen kann: Leistung muss sich nicht nur lohnen, sie kann auch Spaß machen?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Andreas Kern: Valar Morghulis

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