Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht. Thilo Sarrazin

Komm schon, Alte Dame

Hertha BSC hat wieder einmal das Pokalfinale im heimischen Stadion verpasst. Doch in der Stadt sorgt das für erstaunlich wenig Gesprächsstoff. So richtig will der Funke zwischen Verein und Berlinern nicht überspringen.

Das Finale des DFB-Pokals 2012 im Olympiastadion findet mal wieder ohne Hertha BSC statt. Immerhin erreichte man in diesem Jahr das Viertelfinale, was das letzte Mal in der Saison 2006/2007 gelang. Die blau-weißen Finalträume sind aber trotzdem erneut vorzeitig geplatzt, auch wenn das Aus diesmal äußerst unglücklich zustande kam – Igor de Camargo brach nach einer vermeintlichen Tätlichkeit von Herthas Roman Hubnik wie vom Blitz getroffen zusammen und der daraus folgende Elfmeter läutete die Niederlage ein.

Der Funke will nicht überspringen

In den Foren toben nun heftige Diskussionen ob dieser Unsportlichkeit de Camargos, aber irgendwie ist das in der Stadt kein richtiges Thema. Und das dürfte am Verhältnis der „Alten Dame“ zu den Berlinern liegen. Fußball ist in Deutschland unbestritten die beliebteste Sportart, aber in Berlin will der Funke von der Hertha nicht so richtig zu den potenziellen Fans überspringen. Auch über 20 Jahre nach der Einheit haftet dem Club noch immer das „West-Etikett“ an; nahezu unvorstellbar erscheint ein Freiwilligen-Engagement wie beim Umbau der Alten Försterei.

In meiner Wahrnehmung agiert der Verein oft provinziell. Alles, was man mit den Händen mühsam aufgebaut hat, wird mit dem Arsch alsbald wieder eingerissen. Ich erinnere mich noch gut an die Saison 2008/2009. Hertha BSC wurde als Meisterschaftskandidat gehandelt und belegte am Ende Rang vier. Da fieberte die ganze Stadt mit; es folgte ein neuer Rekord, was die Dauerkarten anging. Aber ach, Favre wurde im September 2009 entlassen, unter Friedhelm Funkel stieg die Mannschaft schließlich ab. Das Pokalspiel gegen Gladbach, wo ausgerechnet Favre nun Trainer ist, „am Mittwoch sahen um die 47.000 Zuschauer“, obwohl das Olympiastadion etwas mehr als 74.000 Plätze hat. Vielleicht lag es an den eisigen Temperaturen, aber mal ehrlich, welcher Verein will schon Schönwetter-Fans? Das Spiel versprach eine Menge: Viertelfinale und dann auch noch gegen den aktuellen Tabellenvierten. Zudem läuft es ja gerade alles andere als rund, denn der neue Coach Michael Skibbe hat mit der Hertha noch immer nicht gewinnen können und anhand der Geschwindigkeit, mit der sich das Trainerkarussell in der Liga dreht, könnte jedes Spiel für den Coach auch schon das letzte sein, aber all diese Gründe sorgten nicht für ein volles Stadion.

Schluss mit den Skandalen

Gerade in der Außenkommunikation ist noch viel Platz nach oben für Verbesserung. Weder der Abgang von Favre, auch wenn die private Pressekonferenz nicht hätte sein müssen, noch der von Babbel hätten so unschön ablaufen müssen. Letzterer hatte vermutlich wirklich keinen Bock mehr auf Berlin, aber dass er und Manager Michael Preetz sich in aller Öffentlichkeit der gegenseitigen Lüge bezichtigten, geht zumindest von Seiten des Vereins gar nicht. Auch in der jetzigen Krise sind schon wieder unschöne Details nach außen gedrungen. So nahm sich Skibbe nach der Niederlage gegen den HSV Christian Lell zur Brust. Überliefert sind folgende Worte: „Sei froh, dass du die 5. Gelbe Karte gesehen hast. Du hättest sowieso nicht mehr gespielt …“

Es ist bedauernswert, dass Hertha BSC statt durch etwaige Titelgewinne nur durch solche internen Querelen sowie spektakuläre Fehleinkäufe von sich reden macht. Exemplarisch seien hier nur Artur Wichniarek (gleich zwei Mal …) oder Alex Alves genannt. Denn es gibt genug Potenzial für den Verein in der Stadt, trotz der vielen anderen Sportangebote. Hertha dürfte über die größten finanziellen Ressourcen sowie die beeindruckendste Spielstätte verfügen. Dafür muss aber mit diesen Skandalen und Skandälchen Schluss sein. Der Sport sollte wieder die Schlagzeilen schreiben. Komm schon, liebe „Alte Dame“, du musst dir doch nicht selbst das Leben schwermachen.

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