Wir sollten uns nicht von Größe, sondern von Komplexität beeindrucken lassen. Martin Rees

Über Stock und Stein

Die S 45 rollt wieder! Damit haben Touristen seit zwei Jahren endlich wieder eine realistische Chance, die Stadt, in der sie gelandet sind, auch zu Gesicht zu bekommen. Für den letzten Zeitzeugen des Normalfahrplans kommt das allerdings zu spät.

Liebe Leser, vielleicht sollten Sie sich jetzt lieber hinsetzen, denn es gibt tatsächlich gute Neuigkeiten von der Berliner S-Bahn: Die S 45 fährt ab Ende Oktober wieder. Nach mehr als zwei Jahren verkehrt die Linie dann wieder zwischen dem Flughafen Schönefeld und dem Südkreuz. Warum das bedeutend ist? Zusammen mit der S 9 gibt es dann wieder einen 10-Minuten-Takt in Richtung des zukünftigen Großflughafens BBI.

Provinz, Provinz und noch mal Provinz

Das ist nicht nur für die Reisenden angenehm, sondern führt in meinen Augen auch zu einem Imagegewinn für die Hauptstadt. Denn welches Bild vermittelte sie bislang an ihrem südöstlichen Rand? Provinz, Provinz und noch mal Provinz. Wie oft stand ich schon hier und wartete eine gefühlte Ewigkeit, zusammen mit zig Touristen, weil ich gerade die S-Bahn verpasst hatte und womöglich auch noch die Regionalbahn bzw. die mich nicht an mein Ziel gebracht hätte? „Willkommen in der Weltstadt Berlin, aber Sie müssen sich leider noch etwas gedulden, bis Sie sie zu Gesicht bekommen.“ Das ist doch peinlich. Zumal der Bahnhof Schönefeld auch wirklich nicht zu den schönsten seiner Art zählt.

Und halten Sie sich fest, es geht noch weiter mit den guten Nachrichten: Da nun offenbar wieder mehr Wagen zur Verfügung stehen, können die Züge der Linien 1 und 7 wieder auf 6 bzw. 8 Wagen verlängert werden. Dann fühlt man sich vielleicht endlich nicht mehr wie eine Sardine in der Dose.

Das alles soll natürlich nicht über die noch immer katastrophale Situation hinwegtäuschen. Die Unannehmlichkeiten werden uns noch eine ganze Weile begleiten. Die Rückkehr zum Normalfahrplan wird immer weiter nach hinten verschoben. Man kann sich auch jetzt schon auf die Probleme in den Wintermonaten einstellen, sobald nur eine Schneeflocke quer auf den Gleisen liegt. Und wer weiß, was die Zukunft bringt, schließlich läuft der Verkehrsvertrag mit der Deutschen Bahn 2017 aus und von Teilausschreibung einzelner Linien bis zu einer Übernahme durch die BVG scheint alles möglich.

Uns sind doch allen die Hände gebunden

Erstaunlich ist jedoch, wie schnell man sich an das ganze Übel gewöhnt hat. So hatte ich z.B. ganz vergessen, dass es die S 45 überhaupt gibt. Man wird seltsam gleichmütig, wenn man mal wieder über Verspätungen wegen Signalstörungen liest oder es auf dem Bahnsteig aus dem Lautsprecher plärrt: „Der Zug nach XY, fahrplanmäßige Abfahrtszeit war um 9.07 Uhr, fällt ersatzlos aus. Der nächste Zug in voraussichtlich 20 Minuten.“ Interessanterweise funktioniert alles irgendwie trotzdem. Zum Glück gibt es die BVG, die eine ganze Menge auffängt und auch das Fahrrad erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Ob es da einen direkten Zusammenhang gibt? Keine Ahnung.

Sarkasmus bleibt natürlich nicht aus. Was soll man auch anderes tun, schließlich sind uns doch allen in dem Fall die Hände gebunden. So veröffentlichte der „Kojote“ im Mai dieses Jahres bereits einen Nachruf auf Albert Schlotz, „den letzten Zeitzeugen des Normalfahrplans der Berliner S-Bahn“, welcher im Alter von 107 Jahren gestorben war. So weit kommt es hoffentlich nicht. Übrigens: „Schlotz starb am Sonntag an Auszehrung, als er auf einen Zug der S 45 wartete.“ Das kann jetzt immerhin nicht mehr passieren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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