Jeder hat soviel Recht, wie er Macht hat. Baruch Spinoza

Stein um Stein

Noch immer setzen Politiker weltweit auf Mauern – dass Probleme damit bloß zementiert werden, ficht sie nicht an. Für das trügerische Gefühl der Sicherheit zahlen wir am Ende einen hohen Preis, wie die deutsche Geschichte lehrt.

Morgen jährt sich der Baubeginn der Berliner Mauer zum 50. Mal. Heute ist sie nur noch an wenigen Stellen sichtbar, der Mauerverlauf selbst kaum noch vorstellbar. Das Gedenken an die Mauer verschwindet jedoch nicht. Ob Gedenkstätte an der Bernauer Straße, wo die zentrale Gedenkfeier stattfinden wird, Mauermuseum am Checkpoint Charlie, die East Side Gallery oder die Weißen Kreuze neben dem Reichstag – die Geschichte ist präsent und wird aufgearbeitet.

28 Jahre lang prägte die Berliner Mauer das Stadtbild und hat unzählige Tragödien hervorgebracht. Ihr Fall 1989 symbolisiert gleichsam das Ende einer Ära und den friedlichen Wandel. Auch wenn die oft zitierte Mauer in den Köpfen bei einigen noch weiter bestehen mag, will das Bauwerk keiner zurück. Von der PARTEI vielleicht einmal abgesehen.

Wer hat Angst vor der Mauer?

In anderen Teilen der Welt erlebt die Idee des Mauerbaus in den vergangenen Jahren jedoch eine Renaissance bzw. haben bestehende Mauern ihre Schwester in Berlin lange überlebt. Die Liste ist erschreckend lang. Formen von Trennmauern bzw. Zäunen finden sich heute in Belfast, an der Grenze zwischen Israel und Palästina, um die spanischen Enklaven in Marokko Ceuta und Melilla, in Nikosia (die „Grüne Linie“), an der Grenze zwischen den USA und Mexiko und als demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea. In Griechenland hatte der bestehende Sperrzaun zur Türkei offenbar nicht den gewünschten Effekt, sodass nun noch ein Graben ausgehoben wird.

Warum baut man im 21. Jahrhundert noch Mauern? Wir, die wir in einer vernetzten, globalisierten Welt leben, setzen tatsächlich immer noch auf das Instrument Mauer, um Terrorismus und organisierte Kriminalität zu verhindern und Flüchtlingsströme zu kontrollieren? Nicht zuletzt die Berliner Mauer sollte uns doch gelehrt haben, dass Mauern Menschen nicht davon abhalten irgendwo hinein- oder herauszukommen, wenn sie es unbedingt wollen und dafür unter Umständen ihr Leben aufs Spiel setzen. Wer erinnert sich nicht an die schrecklichen Bilder von vor sechs Jahren, als Tausende Afrikaner versuchten, mit Leitern die Grenzzäune von Ceuta und Melilla zu überqueren? Die zynische Konsequenz der Behörden war eine Verstärkung der Grenzanlagen, sodass heute der Weg in Nussschalen über das Mittelmeer geeigneter erscheint. Mit allen bekannten Folgen.

Mauern sind ein Symbol des Versagens

Mauern lösen keine Konflikte; sie schieben sie nur auf. An der Grenze zwischen den USA und Mexiko werden auch weiterhin Drogen geschmuggelt und illegale Einwanderer ins Land gebracht. Mauern sind vor allem ein Symbol für das Versagen auf politischer Ebene. Wenn für ein Problem keine diplomatische Lösung gefunden werden kann, mauert man es eben ein. Aber dadurch verschwindet es nicht. Mauern mögen vielleicht ein subjektives Sicherheitsgefühl vermitteln, aber zu welchem Preis? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Leben in einer eingemauerten Stadt wie Ceuta wirklich lebenswert ist. Oder wie es sich in Belfast lebt, wo katholische und protestantische Wohnviertel durch Mauern und Zäune voneinander getrennt sind.

Die Berliner Mauer ist zum Glück Geschichte. In anderen Ländern ist das jedoch leider nicht so und vermutlich werden eher noch mehr Mauern gebaut als welche eingerissen. Lösungen sind nicht in Sicht. Das ist gleichsam traurig und frustrierend.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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