Wenn man länger als eineinhalb Stunden über Bürokratie-Abbau spricht, ist das dann Bürokratie? Franz Müntefering

Vom Wert der Aufklärung

Rolf Bergmeier beschreibt in die „Christlich-abendländische Kultur“ genau diese als Legende. Sachliteratur, so spannend wie gute Belletristik.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Immanuel Kant

Klar, Sachliteratur lebt von ihrer Informationsdichte. Richtig unterhaltend wird’s aber erst, wenn mit großer Sorgfalt gearbeitet wird, oder besser, eine griffige These hinzukommt, die kraftvoll genug ist, gewohnte Denkmuster zu durchbrechen. Dann liest sich Sachliteratur so spannend wie gute Belletristik. Das haben in jüngster Zeit beispielhaft Florian Illies unter Beweis gestellt mit seinem magisch-musischen Blickwinkel auf die europäische Avantgarde der Jahrhundertwende in „1913“ und Christopher Clark mit der akribisch ausgeführten These vom blinden Hineinschlittern der Mächte in den Ersten Weltkrieg in „Die Schlafwandler“. Zwei ganz unterschiedliche Bücher, die nachhaltig die Grenze zwischen Sachbuch und Belletristik verwischt haben.

Rolf Bergmeier ist ebenfalls Sachbuchautor. Sicher kein Feingeist wie Illies und ohne diese beneidenswerte Almanach-Kompetenz, die Clark so stark macht, dafür aber mit der deutlich steilen These des Sachbuchdramatikers. Nun kann die spektakulärste These nichts reißen, wenn sie nicht zu wachsender Gewissheit heranreift, indem sie konsequent den finalen Beweis sucht.

Europas Freiheit

Einfacher: Der Verfasser einer These behauptet erfolgreich seine Wahrheit. Nun gibt es beinahe so viele Wahrheiten wie Thesen. Die Wahrheit des Rolf Bergmeier in „Christlich-abendländische Kultur“ lautet kurz und knapp: diese Kultur ist eine Legende.

„Das Christentum ist in der europäischen Gesellschaft verwurzelt. Doch das bedeutet keineswegs, dass diese christliche Wurzeln hat.“ Weiter: Alles, was wir heute europäische Werte nennen, hat nichts zu tun mit jenen kümmerlichen Werten, die das Christentum anbietet und die da wären: „Gebet, Buße, Gehorsam, Schweigsamkeit, Demut“. Warum? Weil es für Bergmeier „die Idee der Freiheit (ist), die diesen Kontinent begehrenswert macht“. Weil „Freiheit“ Europas konstituierender Wert schlechthin ist. „Wo aber fordern“, so fragt er, „die heiligen Schriften“ Denk- und Glaubensfreiheit?“

Sie merken schon, die Sache hat Verve. Noch mehr, wenn man mit der Kirche eher über Kreuz geht, als bei ihr zu Kreuze zu kriechen. Schauen wir also mal, wie der Historiker, der Philosoph, der Generalstabsoberst a.D., der 74-jährige gebürtige Oberhausener seine These belegt oder genauer, seine Thesen! Denn in Wahrheit serviert uns der Autor gleich ein ganzes Bündel davon. Eine behauptet, dass Mitteleuropa nicht zu geringen Teilen der arabisch-islamischen Kultur die Renaissance, die Aufklärung, zu verdanken hat, die uns letztlich über die Französische Revolution hin zur Freiheit geführt hat.

Hunderte von Jahren christliche Düsternis

Der ungeheure Machtzuwachs christlich-religiöser Kräfte in der Zeit der Spätantike ging mit einem zivilisatorischen Rückschritt einher, von dem sich Europa erst beginnend mit dem 15. Jahrhundert mit der Wiederbelebung der antiken Kultur erholen konnte. Verlorene Jahrhunderte. Erst vom arabisch geprägten Sizilien aus sprang der Funke über auf das italienische Festland.

„Die Renaissance [brandete] mit voller Wucht gegen die Dämme an, die über Jahrhunderte gegen Neugier, Begehren, Individualität, gegen die Welt und gegen die Ansprüche des Körpers errichtet worden sind.“

Wer dazu parallel die ersten Bände von Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ liest, weiß, mit wie vielen Tausenden von Menschenopfern dieser Dammbau verbunden war. Damals verfielen also nicht nur die alten Bibliotheken, sondern es mangelte zusehends an Lesern.

Für Bergmeier ist es also dem arabisch-islamischen Kulturkreis mit zu verdanken, dass das von der Kirche verschmähte Wissen der Antike in den Hunderttausende von Werken starken Bibliotheken der arabischen Welt überdauert hatte und die Bücherverbrennungen des Christentums überstand, um erst wieder in der Renaissance in der Rückübersetzung aus dem Arabischen ins Lateinische seine Wiedergeburt zu erleben. Die Wiedergeburt Europas nach Hunderten von Jahren christlicher Düsternis und Verblendung. Die Heimkehr der europäischen Werte an die Orte ihrer Entstehung. Als Initial, als Erlösung am Ende sogar für eine darniederliegende Kirchenkultur hin zu einem „wahren Feuerwerk sakraler Kunst“.

Exzellent durchdekliniertes Sachbuch

Starker Tobak? Bei Ihnen schrillten schon alle Alarmsirenen, als der Chronologiekritiker Heribert Illig „Das erfundene Mittelalter“ erkannt haben wollte und fragte: „Hat Karl der Große je gelebt?“ Sie haben sich für solche Verstörungen einen undurchdringlichen Filter angelegt, den Sie auch noch „gesunden Menschenverstand“ nennen? Sie gehören zu denen, die unangenehm berührt waren, als Christian Wulff erklärte, der Islam gehöre doch zu Deutschland? Und Sie waren heilfroh, dass Wulffs Nachfolger, der ehemalige evangelisch-lutherische Pastor und Kirchenfunktionär Joachim Gauck, die Sache wieder gerade gerückt hatte, als er Wulffs These widersprach?

Dann verspreche ich Ihnen, sind Sie der ideale Lesekandidat für Rolf Bergmeiers „Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende“. Ein Sachbuch, das Ihnen genau jene schaudernde Spannung bereitet, die man von einem bisweilen den eigenen Standpunkt bis auf die Grundfeste erschütternden Thesenbündel erwarten darf – noch dazu, wenn diese Thesen so exzellent durchdekliniert sind wie hier.

Wussten Sie, dass das Hypotenusenquadrat des Pythagoras schon weit mehr als tausend Jahre alt war, „(w)ährenddessen das christliche Mitteleuropa bis in das 13. Jahrhundert auf dem Niveau der Grundrechenarten“ verharrte? Wussten Sie, dass der gotische Spitzbogen arabischen Ursprungs ist?

Bagdad, eine blühende Metropole

Wussten Sie, dass Juden und Christen nach der maurischen Eroberung der iberischen Halbinsel weitestgehend ihren Glauben, Freiheit und materielle Güter behalten durften? Wussten Sie, dass viele der antiken philosophischen und naturwissenschaftlichen Werke kommentierte Rückübersetzungen aus dem Arabischen sind, dass die Araber noch viel mehr als nur die mathematischen Lösungsansätze in aller Welt einsammelten und alles akribisch zusammenführten?

Und wussten Sie, dass, während Bagdad zu einer blühenden Metropole mit über zwei Millionen Einwohnern heranwuchs, die Städte Mitteleuropas verkümmerten? „(K)lein und unbedeutend ducken [sie] sich im Schatten alles überragender Kathedralen und stinken. Das alte Rom verfügte fünfhundert Jahre lang über rund zehntausend Kilometer befestigte Landstraßen, während im christlichen Mitteleuropa „die wenigsten Städte über wenigstens eine gepflasterte Straße“ verfügten. Die nicht-klerikale Stadtkultur der Antike war unterm Kreuz weitestgehend zusammengebrochen. Im Mittelpunkt standen nicht mehr der Senat, die Schulen, Foren, Thermen und Theater, sondern wuchtige Sakralbauten. Trutzig-sakrale Wehrtürme im Nichts. Vieles jenseits dieser Dome und Bischofssitze verwilderte.

Das christliche Europa verwilderte also, während „Bagdad, Grenada, Sevilla und Toledo das spätantike Rom an Gelehrsamkeit, Luxus und Wohlstand“ noch übertrafen. So verfügte das islamische Cordoba „um das Jahr 1000 über Kanalisation und Straßenbeleuchtung“ und die Bewohner reinigten sich in 300 Dampfbädern, während das Statussymbol des reichen Mannes eine gut ausgestattete Bibliothek mit Tausenden von Büchern war, während man im verdüsterten christlichen Teil Europas Klosterbibliotheken mit ein paar Hundert monothematischen Werken für ein Maximum an Literatur hielt. Der US-amerikanische Historiker Elmer H. Wilds, den Rolf Bergmeier als Zeuge aufruft, schlussfolgert sogar: „Bildung war so allgemein verbreitet, dass es hieß, es sei schwierig, einen Muslim zu finden, der nicht lesen oder schreiben konnte.“

Schlechtes Zeugnis für die mittelalterliche Klosterkultur

Rolf Bergmeier startet dort, wo er mit „Schatten über Europa“ begonnen hat. „Geist, Schönheit, Pragmatik. Die Kultur der Spätantike.“ Dort, im Paganismus identifiziert er erneut die wahren Wurzeln Europas. Also keine Sorge, Bergmeier scheint auch mit dem Islam in all seinen unseligen Facetten nicht viel anfangen zu können. Befindet er doch die andalusische Hochkultur im Spätmittelalter für verloren im „Würgegriff der Fundamentalisten“: von Marokko kommend mit islamischer Blut-Färbung und von Osten her mit dem geschärften Blut-Kreuz voraus.

Aber er weiß eben auch um die „arabischen und mitteleuropäischen Parallelwelten“, die er im zweiten Abschnitt ausführlich vergleicht und zu einem eindeutigen, die griechisch-römische Geisteswelt für uns konservierenden, pro-arabischen Schluss kommt. Die Vergleiche fallen – wie hier schon angedeutet – vernichtend aus für die mittelalterliche Klosterkultur. Die Wiege des Handels, der Warenerzeugung, des Sammelns von Wissen trägt bei Bergmeier eindeutig den prunkvollen Turban.

Für Bergmeier wurde Europa dreimal geboren. Die erste Wiege stand auf dem „griechischen Sockel“, die zweite hatte muslimische Wurzeln, als eine überlegende arabische Kultur Mitteleuropa befruchtete und damit die Renaissance einläutete. Auf Zehenspitzen schlich sich damals die arabische Bildung von Toledo, Sizilien und Süditalien nach Mitteleuropa und die Übersetzerschulen standen vor der Aufgabe, arabische Wörter ins Lateinische zu übertragen, für die es im Lateinischen nicht einmal ein Äquivalent gab.

Orient und Okzident

Ein drittes Mal wird Europa geboren, „als sich in humanistischer Empörung über den feudalistischen Dünkel einer kirchlich-weltlichen Elite eine philosophische Gegenwelt bildet. (…) Die Aufklärung, der Höhepunkt europäischer Geistesgeschichte, leitet die Geburt der Revolutionen für mehr Freiheit und Menschenrechte ein.“ Mit dem Ergebnis einer starken, öffentlich sichtbaren Alternative zum Weltbild der Kirche, deren verkrustete, menschenverachtende Denkstrukturen bis auf die Grundfesten abgetragen werden.

Das ist Sachliteratur, so spannend wie gute Belletristik. Debatte machend. Und hervorragend vorgetragen von einem kultureuropabegeisterten, außerordentlichen Sachbucherzähler mit einer besonderen Fähigkeit, die man guten Gewissens einen Panorama-Sachverstand nennen darf.

Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe – so enden dann Bergmeiers Thesen – schreibt im „West-östlichen Divan“ gegen die christlich-eurozentrische Vergesslichkeit an: „Wer sich selbst und andere kennt | Wird auch hier erkennen: | Orient und Okzident | Sind nicht mehr zu trennen.“

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur – eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur. Alibri Verlag, 238 Seiten.

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