Obama hat bei Weitem nicht so viel erreichen können, wir er es sich gewünscht hatte. Stephen Wayne

Mit Pirinçci am Kitzler

Gut, einer geht noch. Akif Pirinçcis Verleger hat darum gebeten, hier serviert Alexander Wallasch also den Nachschlag.

literatur feminismus integration akif-pirincci

Ach, die Sache wird ja immer verworrener. Jetzt hatte man dem Akif Pirinçci gerade großzügig einen eingeschenkt, sich über die eigene reflexartige Boshaftigkeit hinweggetröstet, also fast wieder so etwas wie Herzlichkeit hochgewürgt gegenüber diesem Kotzbrocken, seinem Buch und seinen echt schrägen Videos. Man arrangiert sich also und da kommt doch Georg Diez vom „Spiegel“ am Karfreitag als ziemlich allerletzter Nachzügler mit seiner verstimmten Lyra ums Ecke gepuschelt, schaut zunächst noch ganz harmlos durchs beschlagene Brillenglas und kotzt dann dem Pirinçci auf den üppig gedeckten Tisch.

Und sein Hingebrochenes kann dann nicht einmal weggwischt werden, wie die lichte Breikotze unschuldiger Babys. Denn Georg Diez hat dem Pirinçci gleich mal in gestelzter Antifa-Manier die Kollektivschuld hingeottert für die NSUs der Zukunft: „Ein Buch wie das von Pirinçci liefert damit die Begleitmusik etwa für den NSU-Prozess.“

Wagner-Time!

Pauken und Trompeten – Wagner-Time! Denn wenn Pirinçcis „Deutschland von Sinnen“ dafür die düstere Begleitmusik sein soll, was bitte ist dann Georg Diez in diesem Orchester? Die jämmerliche Triangel zur Ouvertüre? Ja, da dröhnt das unscheinbarste Instrument von allen mit dem immer selben schrillen Plink-Plink: der Du-du-Finger Richtung Walsers „Auschwitzkeule“ natürlich mit dabei. Aber waren es nicht gerade die Walsers und Jenningers, die auf so unnachahmliche Weise für ihr Getöse von den Diezens dieser Republik niedergetriangelt wurden, wie der böse Teufel beim Kasperltheater zum Sommerfest der Regenbogen-Eltern-Ini?

Besonders schrill, wenn dieser Kulturschreiber den Sarrazins und Pirinçcis dieser Welt eine „kulturelle Unterlegenheit“ unter die Nase reibt versus einer „Gesellschaft, die sich ständig ihrer Werte versichert und sie überprüft, und wenn das eben nicht die Werte einer rechts-randalierenden Minderheit sind, dann müssen sie wohl noch eine Weile leben mit Frauen in Führungspositionen, dem Christopher Street Day und den Menschen, die sich Deutschland als Heimat ausgesucht haben“.

Ja ne, ist klar, Diez hat sich natürlich bestens arrangiert mit den Frauen beim „Spiegel“ in Führungspositionen. Ähm, welche Frauen beim „Spiegel“ noch mal? Egal, denn der „Spiegel“-Wagen fährt ja bei der Parade vorne weg mit Christopher Street Diez als brillennacktes Funkennerdmariechen. Meines Feindes Feind sei mein Freund? Ne, da muss man den ätzenden Pirinçci fast wieder lieb haben, schon, um zu vermeiden, dass dieser Diez unangemeldet zum akkuraten Tanztee vorbeikommt.

Dieser Pirinçci ist ein Zerrissener

Nun aber schnell in eigener Sache noch eine Antwort auf diesen schon irgendwie im dialogheischend „links-versifften“ Stile eines offenen Briefes verfassten Kommentars von Johannes Hoof aus Pirinçcis Manuscriptum-Verlag. Der nämlich wünscht sich vom Rezensenten, er möge sich doch weniger mit Pirinçci als mehr mit seinem Buch beschäftigen. Das ist zunächst natürlich bei einem aus der persönlichen Leidensperspektive heraus geschriebenem Werk relativer Unsinn. Doch dieser Hoof klingt im Mailverkehr ganz sympathisch. Nehmen wir also mal an, diese Krummsäbel-Wucht des Autors ist ihm auch nicht ganz geheuer. Ob er sich aber nun mit seinem Wunsch einen Gefallen tut, muss er selbst entscheiden.

Dieser Pirinçci ist ein Zerrissener. Aber gut, so ein Leben im Clash of Civilizations, auf dieser speziellen Aussichtsplattform zwischen zwei Kulturen, kann ja erleuchten. Und das ist – von mir aus – womöglich sogar die von Johannes Hoof ersehnte Qualität dieses Buches. Denn „Deutschland von Sinnen“ ist argumentativ so zerrissen wie der Autor selbst. Seine das gesamte Buch durchziehende Widersprüchlichkeit ist untrennbar verbunden mit der Person des Autors selbst. So etwas kann Mehrwert haben, muss es doch immer gleich zwei Seiten einer Medaille beleuchten.

So klagt Pirinçci an einer Stelle, dass ihm die innig geliebte Frau mit dem fetischauslösenden Leberfleck am Busen, der er 17 Jahre lang treu verfallen war, weggelaufen ist, hin zu einem Markus Lanz schauenden Birkenstockträger, der sich nun mit der Über-40-Jährigen rumschlagen müsse, obwohl ihr Pirinçci doch noch versichert hatte, sie bis an ihr Lebensende zu ficken (steht da wirklich). Das Problem mit den Frauen sei aber nun mal, dass an einigen von ihnen diese ganzen aus der Hüfte geschossenen Bemühungen aufgrund einer über 2,5 Zentimeter hinausgehenden Entfernung zwischen Klitoris und Vagina und einem viel zu tief in der „Mulde“ verborgenen Kitzler ins Leere gehen, denn die seien deswegen ja alle sowieso orgasmusunfähig.

Vorspiel mit Geodreieck

Das ist lustig, das ist aus der „Brigitte“ stibitzt, das verdient trotzdem Applaus, denn welcher Mann nimmt sich heute noch die Zeit, ein Geodreieck ins Vorspiel am Dreieck mit einzubauen? Aber Herr Pirinçci, darf die Dame des Vertrauens deshalb vom Ehemann flüchten? Natürlich nicht, sagt Akif: „Nein, Pech gehabt, Ulrike, du bleibst jetzt schön beim langweiligen Dieter, und ganz unter uns, so eine Granate bist du nun auch wieder nicht. That’s life.“

Um beim Thema zu bleiben, wussten Sie eigentlich schon, dass unsere Mütter nicht solche Schlampen waren und dass sie diese Anti-Schlampigkeit sogar an ihre Töchter weitervererben konnten? Ganz im Gegensatz zur Frau von heute? Der Grund ist bei Pirinçci so einleuchtend wie krude: Heute würden Ärzte reibungslose Geburten garantieren, vor denen sich Frauen früher fürchteten, da jede zehnte junge Frau bei der Geburt verstarb. Also war Keuschheit ein evolutionärer Vorteil. Hä? Egal.

Die Sache mit den Frauen nimmt viel Raum ein bei Pirinçci. Sowohl was die christlich-deutschen wie die muslimisch-türkischen angeht. Aber Letztere sind deutlich im Nachteil. Denn der Autor erkennt ein Intelligenzquotienten-Gefälle. Menschen aus dem islamischen Kulturkreis seien nach Pirinçci hirnmäßig mindergut bestückt, da Frauen nun mal, wenn sie selbst die Wahl hätten, mit wem sie kopulieren, instinktiv den Intelligenten, den Gerissenen, den Schlauen, den Gutaussehenden auswählen würden. Und da dieses Prinzip nun in islamisch-frauenunterdrückenden Ländern ausgeschaltet sei, geht’s dort auch bergab mit dem IQ. Und deshalb müssten die intelligenteren Kinder der freiwillig kopulierenden westlichen Frau auch noch die Technik bereitstellen, die Bodenschätze der islamischen Welt zu fördern, weil denen aufgrund fehlender weiblicher Selektion eben die Intelligenz fehlen würde. Feminismus produziert Intelligenz? Ach ne, Feminismus ist ja bei Pirinçci etwas Erfundenes von Lesben für immer mehr Lesben.

Eine Deutschland-Gulag-Pol-Pot-Fantasie

Kommen wir noch zur Frage der Transzendenz, zum Ausblick, dazu, wie Pirinçci das und all die anderen Missstände in diesem Land nun zu lösen gedenkt. Macht er Verbesserungsvorschläge? Tatsächlich. Hier kann man dem Autor überhaupt keinen Vorwurf machen. Er hat sich was überlegt und damit es nicht ganz so furchtbar klingt, wie es dann klingt, malt er zunächst ein wirklich apokalyptisches Bild der Zukunft eines islambeherrschten Deutschlands, dass einem schon gruselt, als handele es sich um einen Will-Smith-Horror-SF: Deutsche Ureinwohner sind nur noch als Bettler und Arbeitssklaven der faulen Moslems unterwegs, die gesamte Technik versagt, weil der gemeine Moslem sie natürlich aufgrund fehlender Intelligenz nicht beherrscht. Es geht also mitten hinein in eine Deutschland-Gulag-Pol-Pot-Fantasie.

Aus dieser Hölle kommend, bittet Pirinçci seine deutschen Leser, nun aber alle Ängste („Angst ist nicht real!“) zu überwinden; denn es gäbe Lösungen. Pirinçci-Lösungen, die dann so klingen:

Abschaffung des gesamten sozialen Netzes inklusive Arge, dafür alles auf familiäre Unterstützung setzen. Abschaffung des Staates, es geht auch ohne. Weil uns die EU Quecksilberlampen aufzwingt und das Rauchen in Kneipe verbietet, treten wir zwar nicht aus, aber wir zahlen nichts mehr und befolgen keinerlei Gesetze mehr aus Brüssel. Entlassung all der „reichen Schweine“ aus dem Staatsdienst. Und weil das alles Geld spart, wird der Steuersatz für alle Einkommensklassen pauschal nur noch fünf Prozent betragen. Der Staat habe sich nur noch um Grenzsicherung (gegen die Horden der Diebe, der „Rotationseuropäer“), Militär, Polizei und Justiz, um Behinderte und wirklich Bedürftige, um saubere und gepflegte Straßen und um geile Uniformen für die Politessen zu kümmern.

Ach ja, alle Atomkraftwerke werden wieder angestellt und noch ein paar mehr gebaut, dann würden unsere Stromkosten auf ein Zehntel sinken. Schlusssatz dort: „Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Volk, das einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten von 110 besitzt, auf Politik komplett verzichten kann.“ Es reichten ansonsten das Gesetzbuch von 1973 und ein paar ausführende Organe mit 400-Euro-Kräften.

Kein Konsens also

Auch zur „Deutschen Schuld“ hat Pirinçci was zu sagen. Sie wissen schon, zum Holocaust, WK II usw., eben zu all diesen düsteren Zerwürfnissen des 20. Jahrhunderts, auf dessen Rezeption nun mal die Grundpfeiler unserer Republik stehen. Der Autor empfiehlt dazu:

„Also, liebe Deutsche, lasst euch von irgendwelchen dahergelaufenen Moralaposteln nicht einreden, dass ihr wegen des Dritten Reiches eine Schuld zu tragen hättet. (…) Es mag zynisch und hart klingen, aber je schneller man dieses Kapitel abschließt, desto besser für euch und die ganze Welt.“

Was der Leser nicht erwarten darf – da widerspreche ich den meisten Rezensenten – ist ein, wie auch immer gearteter, „Leitfaden für Deutschland“. Die Zerrissenheit, die Zweideutigkeit, des Autors zerflattert noch jede seiner Thesen. Vielleicht bestimmt ja gerade deshalb diese eindeutige Vulgarität den Sound. Kein Konsens also. Kein good-will. Aber sollte der nicht erste Bürgerpflicht aller bürgerlichen Gesellschaften sein?

Ich war vor ein paar Jahren mal für ein Interview in der Neuen Synagoge in Dresden. Beklommene Stimmung. Der nette Gesprächspartner erklärte mir dann auf meine Frage, wie das denn alles unter Nachbarn passieren konnte und vor allem, wie man es in Zukunft verhindern könne: „Man muss miteinander reden, so wie wir beide gerade. Und einfach mal ein Bier trinken. Das ist ein einfaches zwar, aber immer noch das wirkungsvollste Rezept.“

Und Heinrich Schmitz, der gute Anwalt, antwortet auf die Frage nach Lösungen zu Pirinçcis Masterthema, der Migranten-Kriminalität:

„Das muss viel früher anfangen. Kindergartenpflicht für alle ab vier Jahren. Keine Ausgrenzung zulassen. Konsequenteres Jugendstrafrecht mit weniger Verwarnungen und mehr Sozialstunden plus Antiaggressionstraining (wirkt tatsächlich). Falls Haft, dann tägliche Ansprache. Zerschlagung von Subkultur im Knast, usw.“

Jetzt müssen wir das alles nur noch zusammenbringen. Hier zählt dann alleine die Bemühung jedes Einzelnen, denn perfekte Lösungen gibt es nicht. Die verstörende Sichtweise eines Akif Pirinçci muss dann allerdings auch verhandelt werden.

Anders geht es nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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