Manche verwechseln Colgate mit Golgotha. Karl Lehmann

Eingebürgerte Wut

Deutschland hat mal wieder einen neuen Deutschland-Versteher. Nach dem Banker kommt der eingedeutschte Türke Akif Pirinçci. Besser ist aber leider auch das nicht.

Der Paranoiker Akif Pirinçci glaubte schon 2013, an seiner Person solle ein Exempel statuiert werden, „wie man künftig mit wirklichen Querdenkern in diesem Lande umzugehen pflegt und wie abweichende Meinungen im Keim zu unterdrücken sind“. Für Pirinçci „beginnen (so) Diktaturen“.

Was will uns der eingebürgerte Türke, also Neudeutsche, nun sagen mit seinem Geschrei in seinem Bestseller „Deutschland von Sinnen“, das die deutschen Leitmedien fast durchgängig als so etwas wie eine dümmliche Quatscherei oder Politpornoeske erkannt haben wollen?

Der Mann spreche eine kotige Form des Klartextes, das zumindest bescheinigen ihm die meisten, die sein Buch gelesen haben und drüber berichten. Und das tut er schon eine ganze Weile. Schon vor einem Jahr, ohne dass es besonders aufgefallen wäre. Damals, als sich noch keine Sau für sein wirklich krudes Deutschlandbild interessierte, schrieb ich bei The European über einen säuischen Text auf Broders Polit-Schmuddelseite „Achse des Guten“, Akif Pirinçci produziere „hochgradig provokanten rassistisch-evolutionären Quark“. Bin ich Hellseher? Nein. Aber ich bin Deutscher. Und ich habe eine dezidierte und langsam gewachsene Haltung zu meinem Vaterland, die ich frei publiziere, wenn mir danach ist.

Widerliche Gossenfotzigkeit

Mit Letzterem unterscheide ich mich nicht von Pirinçci. Worin ich mich sehr wohl unterscheide, ist der Ort, von dem aus ich schreibe. Ich schreibe als Sohn, als Enkelsohn und als Urenkelsohn von Deutschen, die dieses Land mit ihrem Schweiß, mit ihrem Fleiß, mit ihrem Mut und leider auch allzu oft mit ihrer Dummheit und ihrem Blut und einem partiellen Wahnsinn erstaunlicherweise zu diesem recht guten und freien Ort auf der Welt gemacht haben, der er heute ist.

Nun ist dieser Deutsche Akif Pirinçci aus der Türkei stolzer auf das Land meiner Väter als auf das Land seiner Väter. Das ehrt die meinen und beleidigt wahrscheinlich die seinen. Zunächst. Denn in der Folge beleidigt es leider auch meine Väter, wenn der Autor in einer widerlichen Gossenfotzigkeit über das gegenwärtige Deutschland herzieht, wie vielleicht besonders gut jemand herziehen kann, der keine eigenen Wurzeln in diesem Land hat. Akif Pirinçci, der Deutschland in seinem Herzen so zu lieben vorgibt, ist er am Ende im Herzen einer dieser Deutschland hassenden Rappertürken geblieben – eben nur mit anderen Mitteln?

Wobei das dann sicher für viele Deutsche mit türkischen Wurzeln eine Beleidigung wäre. Nein, Akif Pirinçci ist Türke geblieben. Im Sinne dieses üblen Klischees rechter Spinner vom zu lauten, vom machomäßigen, vom Extremisten, vom hassenden, vom unsauberen Muselmanen aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert. Akif Pirinçci beleidigt gerne das Deutschland, das seine Wurzeln hat im Tun der Deutschen, die deutsche Väter und Mütter, die Großväter und Großmütter haben. Selten noch wurden Ressentiments auf so unangenehme Weise bestätigt, wie es diesem Autor gelingt in seinen Artikeln und nun in seinem Bestseller.

Die gleiche verstörende Tonalität

Diese Türkeisierung des Diskurses rund um die innerdeutsche Auseinandersetzung, wie man deutsche Gesellschaft gestalten möchte, wie man in Zukunft europäischer miteinander umgehen möchte, ist unerträglich. Eine Groteske in sich, dass sich ein Autor dieser Sudel-Broder-Homepage – die sich zuletzt in einem wahren Denunzianten-Shitstorm gegen Jakob Augstein gewandt hat – über Denunziantentum und Propagandaschmieden erregt.

Also schnell noch einmal zu besagtem Pirinçci-Artikel von vor einem Jahr. Denn der endet dort mit einer Prognose:

Und man wird sich damit abfinden müssen, dass man allmählich „übernommen“ wird. Vor allem wird es ratsam sein, keine Söhne mehr zu haben. Wie gesagt, die Töchter werden es wenigstens überleben.

Weitere Artikel ebenso wie sein aktueller Bestseller sind in der Tonalität nahezu identisch. In der gleichen verstörenden Tonalität. Die wiederum verwandt ist mit der Ätze eines Broders. Mit der so abstoßenden Ätze von Scharfmachern. Mit der Ätze religiöser Eiferer, die sich – Ironie der Sache – unreligiös geben.

Grotesk auch der schmuddelige Pirinçci-Zeigefinger – ach was, Mittelfinger! – hin zur bösen political correctness. Denn wer auf der „Achse des Guten“ agiert, der steckt bereits knietief in einer ganz anderen politischen Korrektheit, der hat sich dermaßen bekleckert, dass er auf keinem einigermaßen zivilisierten Parkett noch einen Teller und Silberbesteck hingeschoben bekommen sollte.

Was den Autor umtreibt, ist eine Lust am düster Arabisch-Apokalyptischen, an der im religiösen Sound rausgeschrienen Prophezeiung. Klar, der Junge hat hier keine Vorfahren. Er agiert in einem fremden Land insofern, dass er auf keinerlei familiär-deutsche Erfahrung zurückblicken kann. Es fehlt ihm einfach dieser Pool an Wissen, Erfahrung und im optimalen Falle womöglich Weisheit.

„Junge, halt doch einfach mal die Schnauze“

Es gibt da keine deutsche Oma, keine Mutter, keinen Vater, der dem bösen Jungen erklärt haben könnte, warum es so schön ist in Deutschland, welche süßen und noch viel mehr bitteren Erfahrungen dazu beigetragen haben, dass alles nun mal so ist, wie es ist. Die hätten ihm nun aber mal auf gut Deutsch sagen können: „Junge, halt doch einfach mal die Schnauze. Schaue, lerne und lerne vor allem zu ertragen, dass Menschen anders, gemäßigter, ruhiger, besonnener, sachlicher – also deutscher – denken als Du. Verschone Deine Umwelt bisweilen mit Deinem osmanischen Temperament, denn den Vorteil, den Du für uns darin erkennst, sehen wir leider nicht. Shut up!“

Was dem Schreihals fehlt, ist ein Grundvertrauen, was den deutschen Rechtsstaat angeht, den nun mal meine und nicht Pirinçcis Väter und Vorväter erdacht und letztlich auch gemeinsam perfektioniert haben. Ein Rechtsstaat, der heute – so er denn endlich mal konsequent ausgelegt wird – Gewalt unabhängig ihrer Färbung konsequent bestraft und verfolgt.

Gut, das Buch wird gekauft. Dazu immerhin muss man dem Autor gratulieren, ein genialer Verkaufserfolg. Ebenso genial, wie „Er ist wieder da“. Trotzdem vertraue ich auch hier noch auf den gesunden Menschenverstand einer Mehrheit friedliebender deutscher Zeitgenossen. Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Auf dieses Agreement der Friedfertigkeit, des Dialogs und ja: einer starken Justiz, die dafür sorgt, dass wir diesen Dialog weiter friedlich führen können, ohne dass uns so ein eingewanderter Querkopf einfach dazwischenbrüllt, nur weil ihm sein deutscher Pass so geil auf die Tasche drückt, dass er es kaum noch aushält vor Freude, nun zu diesem auserwählten Volk zu gehören.

Ach herrje. Wohl in der falschen Zeit eingedeutscht worden, aber allerdings der einzigen, in der das bisher ohne Weiteres möglich war. Der Hund beißt sich also in den Schwanz, der Autor führt sich selbst ad absurdum. Quo vadis Deutschland? Halten wir also fest, dieses neueste Akif-Pirinçci-Deutschland-Projekt ist mindestens so merkwürdig, als würden sich Rechtsradikale beim Döner in Hassans Imbiss um die Ecke über Deutschland unterhalten. Und das immerhin hat schon echtes Kabarett-Format.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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