Wirtschaftliches Denken ist eine Metapher, die wir gerne überdehnen. John Lanchester

Vergesst Broder!

Henryk Broder geht es in seinem neuen Buch nicht einmal um die Aufarbeitung von Auschwitz – sondern nur um die Verteidigung des zionistischen Israels.

Das ist doch wirklich ein Scheißbuch von einem Scheiß-Giftzwerg. So zumindest hätte es wohl Broder an meiner Stelle ausgedrückt, wenn er ich wäre und etwas über Broder schreiben würde. Aber ich bin nun mal nicht Broder und kann nur in meiner eigenen Sprache sprechen: Dieses Buch ist eine Zumutung. Nicht, weil mir die These nicht passt, sondern weil es so etwas wie These, Antithese und Synthese, weil es eine dialektische Auseinandersetzung, weil es Niveau, Fairness, Korrektheit oder mindestens irgendeine Spur von echtem Willen, etwas zur Diskussion zu stellen, Debatte zu machen, auf diesen 172 Seiten Broder schlicht nicht gibt.

Henryk M. Broder: „Vergesst Auschwitz! – Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage.“

Das Problem bei diesem schmalen Buch liegt schon im Untertitel. Erinnerungswahn? Nö, haben wir nicht. Schlicht, weil wir keine Erinnerung haben. Wie auch? Gnade der späten Geburt. An was ich mich erinnere, sind Secondhand-Erinnerungen, tief verankert in einem Kinderglauben. Und FSK 18 ist ausgefallen damals, als wir als 12-, 13-Jährige diese – jenseits der Vorstellungskraft selbst von Erwachsenen – Leichenberge vorgeführt bekamen. Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Höllen mit Augenhöhlen ohne Augäpfel. Verdorrte dehydrierte Geschlechtsteile. Bagger, die Leichen in Gräben schieben. Kinder in gestreiften Jacken, die hinter Stacheldraht Ärmel zurückschieben und Unterarm-Nummern zeigen. Angekohlte Leichen hinter schmalen Stahltüren, die aussahen wie die Horrorausgabe des Steinofens beim Pizzabäcker um die Ecke. Mädchen verließen heulend die Aula. Sehr zur Genugtuung von Lehrer Kapteina. Ich erinnere mich gut. Dieser bärtige 68er mit der Horst-Mahler-Aura – nicht Mahler, der Nazi, sondern Mahler, der den RAF-Terror noch mit Auschwitz begründet, das er viel später leugnen wird. Aber zurück in die Aula: Misshandlung von Kindern? Zu hart formuliert. Umerziehungslager? Nazi-Vokabular. Trotzdem hatten wir dem Gesehenen nichts entgegenzusetzen, als den viel zu langen Wehrmachtsmantel des Großvaters und seine Knobel-Becher in unseren 80er-Jahre-Style zu integrieren.

Schwindelerregende Umsortierung

Also, für wen ist „Vergesst Auschwitz“ geschrieben? Für die wenigen Alten, die sich noch erinnern können? Mit „letzter Tinte geschrieben“, um endlich mit etwas abzuschließen? Jedenfalls schreibt Broder: „,Vergesst Auschwitz‘ ist die Klammer, die Fortsetzung, die Ergänzung und der Abschluss vom ,Ewigen Antisemiten‘. Und auch für mich ein Punkt. Danke, das war’s. Ab jetzt geht es um die wirklich relevanten Themen: Essen, Sex und Reisen.“

Zu Beginn wiederholt Broder, was so oder so ähnlich im Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestages steht: „Alles was in den achtziger Jahren ,marginal‘ war, findet man heute in der sprichwörtlichen Mitte der Gesellschaft wieder.“ Er selber hätte schon viel früher die feinen „Haarrisse“ angemahnt, die sich heute zu einem „Dammbruch“ vergrößert hätten: Antisemitismus. Es gäbe zwar eine „gigantische Erinnerungs- und Gedenkindustrie – von Lea Rosh bis Guido Knopp, (…) die das Dritte Reich wie einen Steinbruch ausbeuten, auf der anderen Seite (aber) die „ehrbaren Antisemiten“, die Pläne für eine „Endlösung“ der Israel-Frage stellen.“ Das ist so ungefähr die tonale Ätzung, mit der Broder durch sein ätzendes Büchlein führt. Ätzend, weil es ein Durcheinander ist, eine Unsortiertheit, die schwindelig macht. Vom großen Ganzen rüber zu beweisführenden Fallbeispielen à la Dr. Joseph Murphy („Die Macht des Unterbewussten“), zurück in die 1960er (Röhl und „Konkret“), wieder in die Gegenwart, in seine Kindheit – eben wie es gerade passt, um die Generalthese – wir kommen später drauf – sprachschlau durch das Dickicht seiner Erinnerungen zu führen.
Ein Erinnerungskarussell nicht nur an einen ihm aus erster Hand (Eltern) überlieferten Holocaust, Broder wurde 1946 geboren, sondern eben auch die Broder-Nachkriegszeit-Erinnerungen, die Seite für Seite mehr zu Broders ganz individuellem „Erinnerungswahn“ werden.

Auf den persönlicheren ersten Teil – Kindheit, Zeit in Israel, in Deutschland, Schlüsselerlebnisse Olympiade 1972, Entführung der Landshut mit „Judenselektion“ 1977 – folgen besagte Fallbeispiele. Da führt uns Broder ein paar echte Nerds vor. Vom Kölner Walter Herrmann, der seit Jahren vor dem Dom mit „eindeutig antisemitischer“ Israelkritik auffällig wird, straight rüber zu Ahmadinedschad und Katajun Amirpur, die in der „SZ“ wohl ungefähr geschrieben hat, der Iraner wäre gar nicht an einer Auslöschung Israels interessiert. Dann folgt ein kurzer Sprung in den Bundestag, wo – logisch – selbstverständlich auch alles falsch läuft mit der Erinnerung an Auschwitz, der Israelkritik usw. Ein einziges Geschwurbel, aus dem sich dann irgendwann doch so etwas wie eine Erkenntnis destilliert: Es geht hier gar nicht um Auschwitz, um Schuld und Sühne, sondern allein um Israelkritik.

Verteidigungsschrift für den zionistischen Staat Israel

Ja, doch: Broders Buch ist eine Verteidigungsschrift für den zionistischen Staat Israel. Und was Broder hier in Stein gemeißelt haben will, lautet (Originalzitat): „Die Tarnung des Antisemiten ist sein Mitgefühl für die Palästinenser.“ Ich sage: Broders Antiislamismus ist eine Tarnung seines – wie heißt das Pendant zum Antisemitismus, wenn man Palästinenser nicht mag? Schwierig, denn das sind ja auch Semiten. Und unter dem Begriff „Semiten“ schreibt Wikipedia etwas Lustiges: „In der Zeit nach dem Sechstagekrieg (…) zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien (…) trennt man die Israeliten (Israelis), auf Grund der unterschiedlichen Interessenlagen, von den übrigen Semiten. Man spricht deshalb heute auch nicht mehr allgemein von ,Antisemitismus‘ sondern von ,Antiisraelismus‘.“ Ja, das steht da wirklich so und klingt, als wäre Broder nebenher auch heimlicher Wikipedia-Autor. Also Generalthese und Broders Schlusssatz vor dem „Nachspiel“: „Vergesst Auschwitz! Denkt an Israel – bevor es zu spät ist.“

Warum ist „Vergesst Auschwitz“ ein blödes Buch? Henryk M. Houdini – der Wortzauberer. Klar, man könnte dem Wüterich auch einfach folgen und Spaß haben, so wie man bei einem Comedian – sagen wir mal – in eine lustige Genderphilosophie einsteigt, Henryk M. Hirschhausen erklärt die deutsche Krankheit „Auschwitz-Komplex“. Eine polternd-intelligente Burleske? Nein, Broders Burleske ist vor allem aus einem Grunde besonders schlecht: Sie ist falsch etikettiert. Da wird eine Kohlroulade voll Schweinefleisch als „gefilter Fisch“ verkauft und der Hefezopf der oberschlesischen Oma kurzerhand als jüdischer Challah feilgeboten. Da wird ein schlappes Argument aufgepumpt mit der nächstbesten Blödheit.

So funktionieren die 172 Seiten Broder: These, Gedanke, irgendein Zitat von irgendeinem Vollhorn – und wumms, als Beweisführung reingehämmert in die wenigen Seiten des im Knaus Verlag erschienenen Buches. So funktionieren Witze und Zaubertricks. Ein alter Mann, der noch ein bisschen fieser ist, als alte fiese Männer eben manchmal sein können. Ein jüdischer Günter Grass. Auch so ein Gedicht, nur eben 172 verdammte Seiten lang. Und beide zwei Veitstänzer – gefangen in ihren unterschiedlichen Vitae. Beide an verschiedenen Seiten desselben Mutterkorns gelutscht – mit und ohne Nobelpreis, mit und ohne Kippa. Oder: Zwei weitere traurige Gestalten für den Domplatz zu Kölle.
Shalom. Alaf. Helau.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Wallasch: No way out

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