Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

Wachablösung für Maxim Biller

Mirna Funk ist Deutsche. Und Jüdin. In ihrem Debütroman „Winternähe“ erzählt ihre Protagonistin Lola, wie es sich 2015 anfühlt, Deutsche und Jüdin zu sein.

„Winternähe“ erzählt die Geschichte der deutschen Jüdin Lola. Mirna Funk ist Jüdin wie ihre Protagonistin. Ihr Roman trägt noch weitere autobiografische Züge.

Im Internet existieren viele Fotos der auch journalistisch tätigen Autorin. Einige Selfies, aber auch Aufnahmen renommierter Fotografen. Auf den ersten Blick eine mitteleuropäische Version einer Irene Papas. Oder eine junge Cher. Ketzerisch könnte man sagen, Mirna Funk wäre so etwas, wie das natürliche Vorbild für Frauen, die sich liften lassen wollen. Die Originalvorlage, die Ideallinie des nachdenklichen, des aparten Typs Frau. Eine Dunkelbarbie mit Tiefgang. Aber keine Sorge, bevor sich der Kolumnist diese Sätze aufgeschrieben hat, hat er sich vergewissert, ob das nicht frauenfeindlich sein könnte. Nimmt man männliche Autoren auch so unter die Lupe, bevor man sich an ihr eigentliches Werk heranmacht? Ja, tut man. Und es steigert sich mit dem autobiografischen Anteil. Der norwegische Autor Karl Ove Knausgaard ist so ein Beispiel. Kaum ein Artikel, der sich nicht zunächst einmal an seiner wilden Erscheinung abarbeitet.

Reanimation einer Totgesagten

Als deutsche Jüdin ist Mirna Funk Nachfahrin von Überlebenden. Sie lebt, weil ihre Vorfahren zu den wenigen europäischen Juden gehört haben, die die Vernichtung überlebt haben. Statistiken sprechen heute von 100.000 deutschen Juden. Nach 1990 zogen noch einige mehr aus der ehemaligen Sowjetunion nach. Wie viele Juden in der Bundesrepublik heute Vorfahren haben, die bereits seit Jahrhunderten zwischen Rhein und Oder zu Hause waren, ist ungewiss.

Schon vor Mirna Funk haben deutsche Jüdinnen wie Eva Menasse, Adriana Altaras und Irene Dische über ihr Leben in Deutschland geschrieben. Mirna Funks „Winternähe“ ist aber viel mehr als nur ein Update: „Winternähe“ ist sogar die Reanimation einer Totgesagten – wenn man dem Schriftsteller Maxim Biller folgen mag, der schon vor Jahren in der „Zeit“ eine „deutsch-jüdische Symbiose“ in der Nachkriegs-Literatur für beendet erklärte. Nach Biller würde „in unserer geistigen Welt“ diese „sehr jüdische Art, scharf zu denken, präzise zu fühlen und kosmopolitisch zu leben“ keine Rolle mehr spielen.

Und der Journalist Henryk M. Broder erkannte daraufhin bei Biller eine „Lust am Leiden“ und attestierte ihm, er sei in diesem Sinne der letzte Jude, zumindest in seiner Generation. Nun aber platzt die Berlinerin Mirna Funk mitten hinein in Biller-Broders literarische Gefrierbox. Funk erzählt von Lolas leidvoller Metamorphose, vom Prozess ihrer Selbsterkenntnis. Ein kosmopolitischer Roman: scharf gedacht und präzise gefühlt.

Am Abgrund eines deutschen Antisemitismus

Mirna Funks Lola wurde wie die Autorin selbst im Ost-Berlin der 1980er-Jahre geboren. Es gibt viele Übereinstimmungen. Eine Reihe antisemitischer Vorfälle setzen eine Identitätssuche in Gang, die schnell Fahrt aufnimmt und Lola immer weiter entfernen von ihrem bisherigen Lebensmittelpunkt, dieser nur um sich selbst kreisenden Berlin-Mitte-Kulturszene.

Gleich zu Beginn führt uns die Autorin an den Abgrund eines deutschen Antisemitismus im 21. Jahrhundert. Das geschieht so abrupt, dass man die Ereignisse in einer ersten Abwehrreaktion für überzeichnet hält, für zu stark verdichtet – nein, nein, das sind doch viel zu krasse Bespiele, möchte man sofort ausrufen! Aber so gelingt es Mirna Funk, die Leiden ihrer Protagonistin von Anfang an vor jeder Bagatellisierung zu schützen. Und es steht ja auch außer Frage, dass man einem Porträtfoto in einer öffentlichen Ausstellung keinen Hitlerbart anmalen darf. Aber schon gar nicht, wenn dort eine deutsche Jüdin, wenn dort Lola porträtiert wird. Lola klagt. Das Gericht wird später entscheiden, dass kein antisemitischer Hintergrund vorliegt, da lediglich das Groteske der Veranstaltung dokumentiert werden sollte.

Und wenn Lola einer Betriebsversammlung beiwohnt, bei der angesichts eines Vermieterproblems erklärt wird, man hätte es mit einem „typisch jüdischen Problem zu tun (…): Gier!“ und wenn ein weiterer Kollege ergänzt, „man dürfe diese jüdische Mischpoke nicht unterstützen“, dann speist sich das alles aus demselben Antisemitismus, wie der jenes Bekannten, der Lola im Verlaufe eines Dates im Koksrausch erklärt, sie sei eine dreckige hässliche Jüdin, die die Gaskammer verdient hätte.

Ja, es gibt weitere solcher Erlebnisse in „Winternähe“. Mirna Funk zerrt diesen Antisemitismus aus seinem Dickicht des Unausgesprochenen, des Gewisperten und Geflüsterten. Sie stellt ihn bloß. So befindet Lola nach 489 Tagen in einer Berliner Agentur, dass sie „neben und mit Antisemiten“ gearbeitet hat. Und kündigt folgerichtig ihren Job. Sie ist zutiefst verunsichert. Sie will ihre den Holocaust überlebende Großmutter Hannah anrufen, aber sie weiß natürlich, dass Hannah längst tot ist. Und mit ihrem Vater Simon hat sie seit zehn Jahren kein Wort gesprochen. Bleibt noch ihr Großvater Gershom, der in Tel Aviv lebt.

Mitreißend. Hinreißend. Herzzerreißend

Wie es der Zufall dann will, verliebt sich Lola in Berlin in einen Israeli, und der schreibt ihr, wieder zurück in Israel, „dass er sie vermisse ,like crazy‘ und dass sie doch einfach einen Flug nach Tel Aviv buchen solle“. Fügung hin oder her: jedenfalls klappt Lola ihren Rechner auf und bucht. Die Reise wird zum ersten Perspektivwechsel. Später folgt noch ein weiterer nach Thailand, der eine vorübergehende Distanzierung zu beiden Orten vornimmt: zu Deutschland und zu Israel.

Lolas Liebe Shlomo hat seine eigene Geschichte in Israel, eine Geschichte, der eine dunkle Seite anhaftet. Und indem sich Lola intensiver mit dieser beschäftigt, arbeitet sie sich auch immer weiter zu ihren eigenen Wurzeln vor. Eine große Liebesgeschichte, die Annährung an den Fremden, wird gleichzeitig zur Reise ins Ich. Und darüber hinaus hin zu den Eltern und Großeltern.

Die Grundmelodie dieses Romans ist eine warme Melancholie, eingebettet in diesen universellen Weltschmerz, der Zeile für Zeile mehr trägt. Mitreißend. Hinreißend. Herzzerreißend.

Mirna Funks Lola ist in Israel zunächst Touristin, Fremde, Besucherin aus Berlin. Deutsche. Und mit geradezu deutscher Gründlichkeit stürzt sie sich manisch in die Reflexion des Erlebten, philosophiert, dramatisiert, ist auf liebenswerte Weise hysterisch. Jede neue Erkenntnis wird zum Aha-Erlebnis – eines, das hinausgeschrieen werden muss in den Himmel über Tel Aviv, der allerdings gerade mit anderem beschäftigt ist: Er ist angefüllt von Raketen der Hamas.

Zwischennotizen als Handgriff

Freund Shlomo nimmt’s gelassener. Er grinst und erklärt Lola, als man sich nach einem überstandenen Raketenalarm aufmacht, eine Runde zu joggen: „Ich würde dir gerne ein Kind machen.“ Während sich Lola also über ihren Platz in der Welt klar zu werden versucht, lotet Shlomo bereits eine gemeinsame Zukunft in Israel aus.

Die Dialoge in „Winternähe“ sind interessant konstruiert. Bilden sie doch den Rahmen für viele kleine Essays, die sich bisweilen irritierend roh lesen, wie aus einer Spickzettelbox der Autorin. So bekommt das Werk dann auch seitenweise den Charakter eines Bühnenstückes. Komprimierte Sequenzen, wie eingestreut zwischen die bisweilen so angenehm ins Popliterarische driftenden Erzählstränge. Aber diese konsequente Verdichtung hat einen besonderen Mehrwert: Diese Teile des Romans mögen sich seltsam statisch lesen, aber sie sind auch hervorragend geeignet, den Leidensdruck der Autorin abzubilden, ohne den Erzählfluss nachhaltig zu überlagern. Extrahierte Zwischennotizen als Kunstgriff.

Ein Teil von Mirnas Lola ist das kleine Mädchen aus Ost-Berlin geblieben, nicht barbiehaft, mehr wie Amelie aus der fabelhaften Welt. Wenn sie nach dem Tod ihres Großvaters durch die Wohnung schnüffelt wie der Wolfsjunge in Truffauts „L’Enfant sauvage“, das hat schon was. Das sind dann Schlüsselmomente. Und eine gelungene Rechtfertigung für die Romanform. Ja, man ahnt es, Mirna Funk hätte auch eine lesenwerte Autobiografie schreiben können. Aber damit wäre ihre prosaische Exzellenz möglicherweise nicht so sehr zur Entfaltung gekommen.

Seitenlange Briefe und Mails an den Vater und den Freund unterbrechen noch einmal das Erzähltempo. So, als würde sich Mirna Funk immer wieder selbst disziplinieren, um zu ihrem eigentlichen Anliegen zurückkommen, zu gerne galoppiert sie davon und mit ihr die Sätze, die sich zu schönen Bildern formen. Mitunter auch wunderschön schmutzig, wenn man Zeuge ziemlich kurzer, aber aufregend drastischer Sexszenen werden darf.

Mit großer Leichtigkeit dem Leben folgen

„Winternähe“ ist auch ein Reiseroman, ein Roadmovie, ein Abschiednehmen, ein Flüchten und Wiederkommen, ein Sichsuchen und -wiederfinden. Eine große Zerrissenheit. Aber nicht als dramatische Zuspitzung, sondern als mal zarte, mal rauere Traurigkeit. Auch über das Älterwerden und das Leben an sich. Über die Rolle, die jeder Einzelne in diesem großen Theater früher oder später einnehmen muss und die doch so schwer zu finden ist. Für eine Deutsche. Für eine Jüdin. Für eine Israelin. Und das alles dann in Personalunion. Wie schwer das sein kann, ist eine der zentralen Botschaften in „Winternähe“.

Wäre dieser Roman ein Song, dann eine Fritz-Kalkenbrenner-Version von Johnny Thunders „You Can Put Your Arms Around a Memory“. Und wäre der Roman ein Film, dann eine Collage aus all diesen wundervollen Michael-Mann-Blaue-Stunden-Momenten, die so leise sind und doch zu den tragenden Säulen so populärer Hollywood-Bestseller wie „Heat“, „Miami Vice“ und „Collateral“ gehören.

Mirna Funk übertrifft sich immer dann noch einmal, wenn sie mit großer Leichtigkeit, manchmal mäandernd, dem Leben folgt, wie es nun einmal ist: Wenn sie so herrlich unbeschwert und gleichsam chirurgisch das Seelenleben ihrer Protagonistin freilegt. Wenn sie sich die Zeit nimmt, die es nun einmal braucht, die Dinge einfach treiben zu lassen. Wenn Lola in Thailand angelt, den Barrakuda an Bord zieht und ihr sofort die Tränen in die Augen schießen, wenn sie dennoch das Beil greift, den Fisch am Kopf trifft, ihm die Kehle durchschneidet und den Angelhaken entfernt – dann ist alles gesagt über die Notwendigkeit schmerzhafter Erfahrungen. Über den beschwerlichen Prozess der Erkenntnis, der Veränderung, der Entwicklung.

Eine seltsam tragische Wahlfreiheit

Henryk M. Broder ging 1981 nach Israel, kam aber wieder nach Deutschland zurück. Maxim Biller kündigte 2006 an, Deutschland zu verlassen, aber er blieb. Wie Lola, wie Mirna Funk, sich am Ende entscheidet, für Israel, für Deutschland oder für ein zerrissenes Hin und Her, für die Liebe und gegen diesen latenten Antisemitismus in Europa – das lässt der Roman offen.

Entscheidend ist wahrscheinlich sowieso, zu verstehen, dass es diese Option heute überhaupt gibt. Diese seltsam tragische Wahlfreiheit dank dieses „Boom“ machenden Iron Domes, vor dem sich Lola in Tel Aviv so fürchtet, der aber die heranschießenden Raketen der Hamas abfängt und vernichtet. Juden in der Diaspora hatten nie diese Wahl. Millionen wurden im 20. Jahrhundert industriell vernichtet, ermordet, ausgehend von einem Ort, den sie seit Generation Heimat nannten. Broder erklärt Biller bei einem Treffen in Jerusalem: „Für einen Juden aus der Diaspora (ist) Israel der einzige Ort, an dem er vergessen kann, dass er Jude ist, weil alle anderen es auch sind.“ Für Mirna Funks Lola ist es der Ort, wo sie zum ersten Mal richtig zu begreifen scheint, was es bedeuten kann, heute Jüdin zu sein. Und mit ihr begreifen wir dann auch, was es heißt Deutscher zu sein. Und das darf dann schon mal weh tun.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Wallasch: Wir (ver)schwören!

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Literatur, Judentum, Antisemitismus

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
14.12.2017

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
09.12.2017

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
30.09.2017
meistgelesen / meistkommentiert