Die Kamera gehört zur Kriegsführung wie das Maschinengewehr. Guy Westwell

Der gute Deutsche

Der Sender VOX widmet Xavier Naidoo eine ausgiebige Dokumentation und zeigt: Der Mann ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Künstler. Denn er steht für ein neues, nicht rassistisches Deutschland.

„Du musst dein Leben leben
Oder dieses Leben macht mit dir, was es will
Du kannst alle überflügeln
Wenn du fliegst, wird alles so andachtsvoll still“
- Xavier Naidoo, „Bei meiner Seele“

Zugegeben, diese VOX-Samstagabend-Dokus haben schon aus sich heraus das Potenzial, für sich einzunehmen: so ein abendfüllendes Viereinhalbstundenformat – das sind immerhin zwei satte Spielfilmlängen am Stück. Wenn man da dranbleibt, dann ist vieles möglich.

Vor gar nicht allzu langer Zeit, im April, berichtete ich Ihnen schon einmal von einer solchen VOX-Langzeitelektrisierung, von einer filmischen Sensibilisierung für Menschen mitten in Deutschland am Rande der Gesellschaft. Von einer Dokumentation, der es gelang, Millionen Zuschauer mit auf eine Reise zu nehmen, hinein in eine faszinierende deutsche Düsternis.

Auf einen ganz anderen Weg machte sich diesen Samstag die Dokumentation „Bei meiner Seele – 20 Jahre Xavier Naidoo“. Erzählt wurde die Geschichte eines charismatischen Mannheimer Jungen mit südafrikanischen Wurzeln, dem es gelungen ist, deutschsprachige Unterhaltungsmusik dauerhaft zu etablieren. Das gab es zuletzt in den 1980ern mit der Neuen Deutschen Welle. Naidoos Söhne Mannheim starteten Anfang der 1990er aus dem Keller eines Einfamilienhauses in der Mannheimer Gartenstadt mit der Arbeit an ihrem Soul-, Rap-, Gospel-, und R&B-lastigen deutschsprachigen Edelpop.

Ein deutsches „American Gangster“

Um 20:15 Uhr startete die Doku mit ersten Kinderbildern des Stars. Krauses Haar, dunkle Haut, scheuer Blick. Es gibt viele Originalaufnahmen, Konzertmitschnitte und Versatzstücke und die Suche nach Spuren Naidoos in Mannheim. Kommentare von Verwandten, Freunden und Wegbegleitern vervollständigen nach und nach die filmische Biografie. Der Frankfurter Konzertveranstalter Marek Lieberberg (Rock am Ring) kommt dabei ebenso zu Wort wie die Mutter des Sängers, die heute in einem Mannheimer Haus lebt, das ihr der Sohn vor zehn Jahren schenkte. Ein Haus, ausgewählt, weil der kleine Xavier hier an die früheren Besitzer immer Wäsche ausliefern musste, welche die Mutter gereinigt hatte.

Naidoo also als die Mannheimer Version des „American Gangster“, dieses afro-amerikanische Epos von Ridley Scott, das vom Aufstieg des Frank Lucas erzählt, der seiner Mama ebenfalls auf dem Höhepunkt seiner Karriere ein Haus schenkt. Bei Lucas ist allerdings von Anbeginn ziemlich klar, dass die Sache schiefgehen muss. In der afro-europäischen Erfolgsgeschichte, die VOX erzählt, bleibt das Ende offen. Aktuell klettert der Sänger sogar auf der Erfolgsleiter immer höher. Seine Jurorentätigkeit bei „Voice of Germany“ machte ihn einem breiten Fernsehpublikum bekannt, es folgte das preisausgezeichnete „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ – der Musiker befindet sich auf der Überholspur.

Folgt man der Doku und den vielen kleinen Herzschmerz-Geschichten, war der Weg dorthin steinig und schwer. Wie die Musik Naidoos auch hier also eine Gratwanderung hart am Kitsch. Aber Naidoo sichert den Fall mit einer überzeugenden Wahrhaftigkeit, die ihm auch seine Kollegen in den Interviewparts unisono nachsagen. Fremdschäm-Momente bleiben aus.

Nena wünscht ihn sich als Schwiegersohn. Und Lieberberg erkennt bei dem Künstler so etwas wie einen inneren Kern, eine feste Burg, um die herum alles kreist. Woraus alles entsteht, was den Sänger für viele so charismatisch erscheinen lässt. Jeder ist mit ihm gut Freund. Der österreichische Megastar Andreas Gabalier erzählt von seiner Teilnahme an Naidoos Tauschkonzert, berichtet, dass der Kollege eine Affinität zur Dauerumarmung hätte. Dass ginge schon morgens nach dem Aufstehen los und ende erst beim Zubettgehen. Da wird geherzt und geknufft, als gäb’s kein Morgen. Aber Gabalier gefällt’s wie allen anderen, die von Xavier umarmt werden. Es fließen Tränen, als Naidoo Gabaliers emotionsaufgeladenes „Amoi seg’ ma uns wieder“ interpretiert, diesen Song, den der Österreicher seiner an Suizid verstorbenen Schwester gewidmet hat. Tränen auf beiden Seiten, denn Xavier Naidoo umarmt auch den Schmerz des Kollegen so bedingungslos wie kein Zweiter.

Naidoo singt den Soundtrack des guten, des neuen Deutschlands

Das ist dieselbe Kraftentfaltung, die viele Xavier-Naidoo-Songs so unverwechselbar wie massenkompatibel machen. Wer heute leichthin entlang einiger nachdenkenswerter politischer Äußerungen des Sängers behauptet, der Mannheimer würde schon grundsätzlich polarisieren, der ignoriert dabei diese vielen verbindlichen Xavier-Naidoo-TV-Momente, in deren Mittelpunkt sicherlich sein Auftritt vor dem Brandenburger Tor steht, als er mit „Dieser Weg“ im Stile eines modernen Nationaldichters dem deutschen Sommermärchen „Fußball-WM 2006“ seinen Soundtrack schrieb. Den Soundtrack des guten, des neuen Deutschlands. Im Ranking der beliebtesten Länder der Welt steigt das Heimatland des Musikers anschließend im freien Flug.

Die VOX-Dokumentation erzählte auch die Geschichte großer Männerfreundschaften und wie existenziell sie für den Sänger sind. Kameradschaft ist überhaupt das große Stichwort: die Mannheimer Version dieser US-amerikanischen Gang-Kodizes. Aber wir befinden uns via VOX nicht in der Bronx. Und wer die baden-württembergische 300.000-Einwohner-Stadt kennt, der weiß, da muss man Parallelen schon erzwingen oder herbeisingen. Bei Xavier sind alle Kumpels, Homies. Alle umarmenswert.

Ja doch, einmal, mit Musikproduzent Moses Pelham (3P – Pelham Power Productions) kommt es zum Zerwürfnis, da zerbricht eine der erfolgversprechendsten musikalischen Arbeitsfreundschaften, eine, die zum Karriere-Fahrstuhl wurde, zum ultimativen Kick-Starter für den heute 44-jährigen Xavier Naidoo. Aber als Zäsur seines Kameradschaftssinnes taugt auch dieser medial viel beachtete Streit nicht: Der Künstler zeigt Loyalität seinen Wurzeln gegenüber, indem er sich für seine Söhne Mannheims entscheidet, die er für eine Karriere mit Pelham wohl hätte aufgeben müssen.

Sogar aus bereits gedrehten Videos Pelhams wurde Naidoo herausgeschnitten. Man schenkte sich nichts und sitzt doch 15 Jahre später für diese große VOX-Doku wieder gemeinsam auf dem Sofa und es scheint so, als hätte sich Xavier Naidoo hier trotz großer Kränkungen erinnert, was Pelham für ihn mit auf den Weg gebracht hat, das diese Ein-Mann-Hit-Fabrik eben doch auf den Schultern von Kameradschaften ruht, zwischen denen man sich nicht entscheiden kann. Alles hat Wert. Alles verdient eben eine Naidoo-Umarmung.

Deutschlandliebe muss nichts Rassistisches haben

Das sind starke Szenen. Wer bisher glaubte, das Seelenleben des Sängers bereits aus seinen Liedern in- und auswendig zu kennen, bekommt hier noch einmal einen erweiterten Blickwinkel mitgeliefert. Der Fernsehzuschauer erlebt es hautnah mit: dieses große und unbedingte Ringen um Anerkennung, um die Erfüllung dieses einen überdimensionalen Traumes. Dieser Xavier Naidoo will von Millionen geliebt werden. Aber er würde auch für hundert Leute singen, wenn nicht mehr kämen. Ein Getriebener, der unbeirrt vom strengen Elternhaus Schule und Lehre hinschmeißt, weil er zu diesem Zeitpunkt noch mehr an sich selbst glaubt, als andere an ihn. So wird er zum erfolgreichsten deutschsprachigen Sänger – mit aktuell über zehn Nummer-eins-Hits. Mehr noch als Roy Black, Herbert Grönemeyer oder Peter Maffay.

Charisma, Herkunft, Ausnahmestimme – alles überzeugend. Aber dann hat man um 0:45 Uhr noch eine weitere Erkenntnis gewonnen, die darüber hinausgeht: Dieser Mannheimer Sohn südafrikanischer Eltern erscheint als der deutscheste unter den deutschen Künstlern. Manchmal geradezu spießig, bayrisch, volkstümelnd. Ja, verdammt, dieser Mannheimer Sänger liebt seine Heimat richtig. Er ringt, er schmust, er zetert mit ihr. Diese Auseinandersetzungen lebt er intensiver und kritischer als viele seiner Landsleute ohne Migrationshintergrund.

Eine dieser „Deutschland-ist-scheiße“-Rapper-Plattitüden findet sich bei ihm nicht. Im Gegenteil. Er spielt diese Klaviatur deutscher Kultur virtuos und zeigt so quasi im Vorübergehen, dass eine heutzutage schon anachronistisch anmutende Deutschlandliebe rein gar nichts Rassistisches an sich haben muss. Aus seiner gelebten Regionalität manifestiert sich eine Heimatverbundenheit als Ergebnis einer deutschfreundlichen Sozialisation. Xavier Naidoo: geboren und aufgewachsen in Mannheim. Anscheinend ein perfekter Deutschbodenort.

Sein wunderschönes Bariton-Pathos, dieser beständige Wagnerianer-Herzschlag (immer ist alles ganz groß, ganz schicksalhaft, ganz tief), dieses andauernde Hadern mit sich und der Welt um ihn herum, dieser unerschütterliche Hang, alles noch bis ins kleinste Detail zu hinterfragen, dieser typisch deutsche Pessimismus, seine Nibelungentreue zu diesem Mannheim, das ja auch nichts anderes ist als Bielefeld oder Braunschweig, dieser typisch deutsche Problemmagnetismus eben – Xavier ist so volkstümlich, dass man sich sogar wünschen könnte, er hätte noch eine Soul-Version der Nationalhymne in allen drei Strophen eingespielt. Die will man dann hören. Einfach, weil man sicher sein darf, dass die ganz anders klingen würde. Unerwartbarer.

Einer der wichtigsten Musiker im deutschsprachigen Raum

Zweifellos ist Xavier Naidoo einer der wichtigsten Musiker, die wir im deutschsprachigen Raum haben. Und wie das hier immer schon war mit denen, die oben schwimmen: Es findet sich immer irgendwann einer, der dieser großen Strahlkraft mal auf den Zahn fühlen will. Seine Heimattreue, seine Männerfreundschaften, seine unerklärbare Anziehungskraft – das provoziert, wird zum Dorn im Auge. Zur Last, die es auszuradieren, niederzutrampeln gilt.

Und auch das schafft dann diese VOX-Dokumentation „Bei meiner Seele“:
Wie nebenbei entlarvt sie diese Xavier-Naidoo-Nazifizierungs-Schmutzkampagne auf Spiegel.de als das, was sie war: der mickrige Profilierungsversuch eines deutschphobischen Enthüllungsjournalisten.

Was für ein Samstag. Was für ein Musiker. Und wieder ein großer VOX-Fernsehmoment.

Glaubst Du, dass die Erde
aufhören würde, sich zu drehen,
wenn irgendwer entschiede,
dass es besser wär’ für sie zu stehen?
- Xavier Naidoo, „Nicht von dieser Welt“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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