Bei der Energiewende jonglieren wir mit 25 Bällen gleichzeitig. Claudia Kemfert

So jung kommen wir nie wieder zusammen

Das politische Spitzenpersonal hetzt von Gipfel zu Gipfel, getrieben von Rating-Agenturen und einem anonymen Markt. Doch die Erfahrung Europa, die findet sich nicht an den Börsen des Landes. Zeit für die Jugend, ihre Version der Geschichte zu erzählen.

In den vergangenen Wochen und Monaten mussten wir zusehen, wie die Führungen der EU-Staaten – und allen voran Deutschland – mit der Europäischen Union die größte politische Leistung unseres Kontinents der letzten 100 Jahre zu Tode warten. Durch fehlende Visionen, Führungsstärke und Mut wird dabei vor allem die Zukunft unserer Generation aufs Spiel gesetzt. Als zerfasertes Geflecht von Einzelstaaten wird sich unser Kontinent auf einer globalen Ebene in den nächsten Dekaden bis in die völlige Bedeutungslosigkeit marginalisieren. Tritt zur bereits vorhandenen politischen Schwäche im Zuge eines Kollapses der Euro-Zone auch noch eine wirtschaftliche, werden europäisch-humanistische Werte in der Welt von morgen zu einer Randnotiz in den Geschichtsbüchern. Und unsere Generation wird als Fremdenführer in einem kulturellen Themenpark für gut betuchte Inder und Chinesen (Laqueur) den Staub von Marmorstatuen wischen.

Integration ist kein Automatismus

Wir gehören zu einer der ersten Generationen, die ein in weiten Bereichen vereintes Europa zeitlebens als Selbstverständlichkeit wahrgenommen hat. Wir studieren in London, Paris, Warschau oder Maastricht, sehen ein „EU-Öko-Siegel“ auf unserer Wurst als Qualitätsgarant und können uns kaum erinnern an eine Zeit, in der man vor einer Fahrt von Köln nach Paris an einen Pass oder die Wechselstube denken musste. Für die meisten von uns ist die EU weit mehr als ein anonymer Machtkörper aus lobbygetriebenen Brüsseler Technokraten. Es ist die Erinnerung an die letzte Erasmus-Party, an die WG einer Freundin, die gleichzeitig in Polen wohnen und in Frankfurt an der Oder studieren kann. Die größte Erfahrung europäischer Identität kann man indes im nicht-europäischen Ausland erleben: Nicht selten antworten wir auf die Frage nach unserer Herkunft in den USA mit dem Städtenamen, gefolgt von „Europa“.

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Unsere Generation muss in besonderem Maße daran erinnert werden, dass ein Netz wie der europäische Verbund auch reißen kann – Integration ist kein Automatismus, sondern eine ständig zu verteidigende und vertiefende Errungenschaft. Gleichzeitig sind wir eine Generation, deren Alltagserfahrungen erstmals die realistische Saat für ein europäisch-patriotisches Gemeinschaftsgefühl gesät haben – was die Voraussetzung für eine echte politische Integration, für eine gemeinsame Polis schafft.

Paneuropäische Vernetzung

Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, endlich eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen? Durch unsere selbstverständliche Vertrautheit mit den neuen Medien verfügen wir wie nie zuvor über die Möglichkeit der praktischen Umsetzung paneuropäischer Kommunikation. Ansätze für gesamteuropäische Onlinemedien existieren bereits: Auf der von Erasmus-Studenten gegründeten Plattform Cafebabel stellen junge Menschen Beiträge aus jeder Ecke Europas ins Netz, die anschließend im Crowdsourcing-Verfahren in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. Projekte wie die „Jungen europäischen Föderalisten“ bieten die Möglichkeit für ein direktes Engagement für ein vereintes Europa. Daneben sollte europäische Einheit jedoch auch an erster Stelle der Agenda aller parteipolitischen Jugendorganisationen stehen: Solange die nationale Ebene noch maßgeblich die Geschicke des Kontinents dominiert, ist es unsere Aufgabe, den nationalen Entscheidungsträgern unsere Erfahrung von einem Europa entgegenzuhalten, welches fernab von Verteilungskämpfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen näher als je zuvor zusammengerückt ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Katja Kipping, Christian Moos, Alexander Graf.

Leserbriefe

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