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„Jeder Mensch stirbt vierundzwanzig Stunden am Tag“

Unser Leben ist ein Versuch, dem Tod die Zeit abzukaufen, meint der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge. Ein Gespräch über Götter, Liebe und Gegenwart mit Thore Barfuss.

The European: Herr Kluge, in Ihrem Episodenfilm „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ von 1986 tauchen Gruppen wie „die Eiligen“ und „die Überflüssige“ auf. Das klingt auch heute aktuell.
Kluge: Aber sicher. (lacht)

The European: Hat sich die Beschäftigung mit der Zeit seit ­damals verändert?
Kluge: Die Zeit selber verändert sich. Ein Moment in der Gegenwart ist nichts Wirkliches. Die Zeit fließt durch die Menschen hindurch und ist somit subjektiv und objektiv zugleich. Das ändert sich nie, weil wir Menschen durch gesellschaftliche und biologische Evolution entstanden sind. Das ­Wesentliche an der Zeit ist, dass man sie nicht an Spuren messen kann.

The European: Welche Spuren meinen Sie?
Kluge: Wünsche können Sie nicht nach der Uhr messen, Erinnerungsvermögen auch nicht. Deswegen gibt es Zeitkunstwerke, wie die Musik und den Film …

The European: Rüdiger Safranski sagte mir, dass der Film der Zeit ein Schnippchen schlägt. Durch die technische Reproduktion sei es möglich, den ­eigentlich unumkehrbaren Zeitpfeil umzudrehen.
Kluge: (zögert einen Moment) Ich bin unsicher, ob das auf die subjektive Zeit zutrifft. Die entspricht ja nicht einem Zeitpfeil. Ich kann als 82-Jähriger in mir genauso gut sechs Jahre alt sein. Schauen Sie bei Marcel Proust nach: Zeit funktioniert völlig autonom. Sie ist übrigens auch gegen die Willenskräfte eines Menschen vollkommen immun. Der Einfall kommt, wie es dem Einfall gefällt – nicht, wie es dem Menschen gefällt. Die subjektive Zeit ist nicht linear.

The European: Wie ist es mit der objektiven Zeit?
Kluge: Die mit der Uhr messbare Zeit ist gewiss mit einem Zeitpfeil versehen. Aber wenn Sie die unheimliche Verschränkung berücksichtigen, die Photonen miteinander eingehen können, dann werden Sie sehen, dass unsicher ist, ob die objektive Zeit immer und ewig und in jedem Zustand linear ist. Sie müssten dann von konstellativer Zeit sprechen.

„Das Wesen des Menschen ist ­polyphon“

The European: Können Sie das ausführen?
Kluge: Stellen Sie sich das wie eine große Masse im Zentrum eines Planetensystems vor – etwa eine Sonne. Um die drehen sich Planeten, Monde und ­andere Raumkörper. Sie bilden ein System, das nicht ­linear untereinander verknüpft ist. Es verteilt sich nach den Gesetzen der Schwerkraft relativ gleichmäßig und bildet dabei einen Raum, den man ­linear nicht herstellen kann. Sie kennen das Dreikörperproblem?

The European: Das Problem, zu berechnen, wie drei Körper, die ohne äußere Einflüsse sind, miteinander wechselwirken.
Kluge: Genau. Bestimmte Fragen der Nicht-Linearität lassen sich anhand dessen sehr anschaulich erklären. Wenn Sie einen Körper in einer solchen Konstellation irgendwo hinschießen, wird er ­bestimmt nicht da angekommen, wo Sie ihn hin haben wollen. Und diese konstellative Darstellung – da wird mir Herr Safranski sicherlich nicht widersprechen – ist für uns in der Literatur die ­Königsform. Das einfache Erzählen von einem Anfang zu ­einem Ende ist im Vergleich dazu trivial.

The European: Was bedeutet das für die Erzählung?
Kluge: Dass innerhalb dessen, was wir Erzählung nennen, der Zeitpfeil nicht in eine bestimmte Richtung weist. Wir verwenden eine vertikale Form der Erzählung – also nebeneinander eine kommentierende und eine handelnde. Dadurch ergibt sich von selbst eine polyphonische Struktur der Zeit und keine Monodie.

The European: Also ein mehrstimmiges Miteinander, anstelle ­einer einstimmigen Melodie.
Kluge: Ja. Übrigens ist auch das Wesen des Menschen ­polyphon.

The European: Was macht die Polyphonie beim Menschen aus?
Kluge: Unsere Sinne tönen alle zusammen. Das sehr schnelle Ohr mit dem viel langsameren Auge und dem noch langsameren Geschmackssinn. Die geduldige, aber auch sehr schnelle Haut. Die Fußsohle hat wieder eine andere, quirlige und kitzlige Geschwindigkeit, steckt aber in Schuhen und ist lebenslänglich gebremst. Vom Zwerchfell bis zum Gehirn, von den Därmen bis zu den Geschlechtsteilen hat alles eine andere Geschwindigkeit. In uns konkurrieren sehr viele Zeiten miteinander. Sowohl auf dem Gebiet des Kairos als auch auf dem Gebiet des Chronos.

The European: Kairos, der kurze einmalige Moment.
Kluge: Und ein griechischer Gott. Ein kleiner, zwergenhafter Gott, der vorne eine Stirnlocke trägt und hinten eine Glatze hat. Wer zu spät kommt, der rutscht über die Glatze ab. Fassen Sie die Tolle, können Sie Glück haben. Der Kairos ist aber nicht eindeutig, es kann auch sein, dass Sie Ihr Unglück am Schopfe gepackt haben. Es ist auf ­jeden Fall ein mit der Substanz von Situationen verknüpfter Gott.

The European: Chronos meint den längeren Zeitraum …
Kluge: Und einen großen Urgott, den Vater von Zeus, der seine Kinder frisst. Erst die List einer Göttin, ihm einen Balken ins Maul zu rammen, rettet die herrschenden Götter. Chronos steht für die Zeit, die das Leben zerfrisst; Kairos für die Zeit, die im Lebendigen steckt.

„Die Wirklichkeit meint es mit dem Menschen nicht gut"

The European: Wenn ich das herunterbreche, geht es am Ende immer um die Geschwindigkeiten.
Kluge: Und um Langsamkeiten! Und um Geduldigkeiten!

The European: Wenn wir schon vom Kairos sprechen – Sie haben einmal gesagt: „Die Menschen halten ihr Leben provisorisch: Die Gegenwart dehnt sich.“ Wie muss man sich das vorstellen?
Kluge: Die Gegenwart kann man nicht mit der Uhr messen.­ Sie ist etwas, das von den Menschen als Gegenwart gedacht und anerkannt ist. Es gibt den subjektiven Wunsch im Menschen, dem Tod die Zeit abzukaufen. Jeder Mensch stirbt vierundzwanzig Stunden am Tag ein kleines Stück. Gleichzeitig möchte er Oasen finden, in dieser Wüste, die zum Tode führt. Es mögen Illusionen sein, aber sie sind fester als Beton.

The European: Ein weiteres Zitat von Ihnen lautet: „Erst wenn der Mensch durch Missverhältnisse innehält, verlässt er die Bahn einer blinden Dynamik und ­eines fatalen Schicksals.“
Kluge: Der Satz ist, glaube ich, nicht von mir, den werde­ ich wohl zitiert haben. Aber er enthält eine sehr treffende Beobachtung. Ein Beispiel: Ein sehr ­eiliger Geschäftsmann hat das Flugzeug, das über der Ukraine abgeschossen wurde, versäumt. Weil er – obwohl er schnell in den Urlaub kommen wollte – doch einen Moment innehielt.

The European: Wofür?
Kluge: Er wollte doch lieber mit seiner Frau und seinem Kind zusammen fliegen. Es gab aber keine drei Plätze. Deswegen hat er auf den nächsten Flug ­gewartet, das hat ihm das Leben gerettet. Er ist aus einer eiligen, blinden Bahn herausgewichen. ­Jedes Mal, wenn Sie der Richtung des Wahrscheinlichen entkommen, werden Sie größere­ Chancen auf Glück haben, als wenn Sie in der Bahn verbleiben. Das liegt daran, dass es die Wirklichkeit mit den Menschen nicht gut meint. Nur wenn Sie das Schwarmverhalten der Zufälle um sich herum austricksen, haben Sie eine Glückschance. Das ist genauso, wie wenn Sie durch eine Stadt gehen und alles Wahrscheinliche tun.

The European: Was passiert dann?
Kluge: Dann würden Sie sich im Zweifel nicht verlieben. In dem Moment, wo Sie unaufmerksam sind und nichts wollen, ist die Chance deutlich größer, dass Sie sich verlieben.

„Die Gegenwart kann man nicht messen"

The European: Was ist mit der von vielen empfundenen Hektik? Das hat mit Smartphones und den Neuen Medien zu tun …
Kluge: Darin sollten wir die große Chance durch neue Partizipation sehen! Durch die Möglichkeit zur Antwort im Netz entsteht mehr Zeit, mehr Kontakt, mehr Partizipation.

The European: Sie bewerten das sehr positiv.
Kluge: Die Partizipation, die das Internet bietet, ist eine Utopie. Dass ist das, was Brecht mit seiner Radiotheorie mal gefordert hat: Jeder ist sein eigener Sender, und jeder ist Empfänger. Das ist eine großartige Perspektive und bringt mehr Freiheit, mehr Öffentlichkeit, mehr Substanz. Ich könnte das Wort „mehr“ noch mindestens zwanzig Mal benutzen.

The European: Gibt es keine negativen Seiten?
Kluge: Natürlich gibt es auch eine Zeitarmut. Es ist ­unmöglich, die Substanz an Öffentlichkeit, die sich versammelt, aufzunehmen. Selbst die NSA-Menschen könnten ihren Drachenschatz an Informationen nicht nutzen. Sie brauchen, um das zu lesen, was sie an einem Tag sammeln können, fünfhundert Jahre Lebenszeit eines Menschen! Deswegen ist der Ausweg aus dieser Überforderung, die natürliche Gegenwehr der Menschen, dass sie ­Reservate bilden.

The European: Können Sie mir dafür ein Beispiel geben?
Kluge: Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das ich von Dirk Baecker habe: Als Gutenberg die Druckerpresse anwarf, gab es plötzlich einen Haufen Pamphlete, die zum Bürgerkrieg aufriefen, Glaubensfragen diskutierten oder Leute aufhetzten. Schon damals gab es nicht nur gute Literatur, es war auch schon damals von allem zu viel! Die Antwort der Menschen kam ein paar hundert Jahre später.

The European: Ja?
Kluge: Die drei Kritik-Bände von Immanuel Kant. Damit hat der Mensch gelernt abzuwehren, was er nicht wissen muss, was er nicht wissen kann. Die Kritik ist als Antwort auf das Überangebot entstanden. Und zwar nicht, weil sich das ein Philosoph ausgedacht hat, sondern weil sich in den Menschen ­etwas gegen das Zuviel gewehrt hat.

Außerdem in der Debatte:
Rüdiger Safranski: „Der Erzähler ist der Herr der Zeit“
Wolfgang Bosbach: „Ich bewundere Menschen, die in den Tag hinein leben können“

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Rüdiger Safranski: „Der Erzähler ist der Herr der Zeit“

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

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