Ich kann mir vorstellen, Minister zu werden. Christoph Metzelder

Wes Geistes Kind sie sind

Der Besuch Benedikts XVI. wird zeigen, wie das spätmoderne Deutschland sich begreift: Welches Bild hat die unsichere Republik von sich selbst? Ist sie erwachsen oder noch pennälerhaft?

Am Donnerstag dieser Woche beginnt die viertägige Pastoralreise Papst Benedikts XVI. nach Deutschland. Dann wird hoffentlich im Mittelpunkt des öffentlichen wie des veröffentlichten und also gelenkten Interesses stehen, was der Papst zu sagen hat, und nicht länger, was er sagen solle und was er auf keinen Fall sagen dürfe. Kurz nämlich bevor das Flugzeug mit dem klugen alten Mann, diesem, wie es früher hieß, „ehrwürdigen Greis“, römischen Boden verlässt, läuft die deutsche Debattensimulationsmaschine auf Hochtouren. Die Veteranen der Los-von-Rom-Bewegung schmettern noch einmal ihre Fanfaren mit brüchig gewordener Stimme: Mehr Laien! Mehr Frauen! Mehr Sex! Und weniger Moral bitte! Benedikt soll, wie noch fast jeder Papst vor ihm, den Deutschen als Spaßbremse und Spielverderber vorgeführt werden. Ernstlich irritieren kann das nur jenes Spezialpublikum, dem der Spaß über alles geht und dessen Leben nach den Gesetzen des Roulettetisches eingerichtet ist.

Business as usual

Der Papst wird zu den Bedrängnissen einer mannigfach gefährdeten Moderne sagen, was zu sagen ihm aufgetragen ist von Schrift und Tradition. Jener Subjektivismus, der ganz Welt wurde und den die Welt als einzige Grundlage schlicht jeder Äußerung gelten lässt, ist seines Amtes Sache nicht. Er wird warnen vor Egoismus und Hedonismus als Lebensentwürfen und auf das liebende Antlitz Christi verweisen. Er wird Bescheidenheit und Solidarität im Großen, Geduld und Zuversicht im Kleinen und Liebe in allem predigen. Und manches verstopfte Ohr wird es ihm mit Anmaßung, Egoismus, Ungeduld, Missmut und Hass vergelten. Business as usual.

Was aber werden die Politiker sagen, die ihn begrüßen und als Politiker natürlich das Ohr an der Demoskopie haben? Höflich müssen sie den Staatsgast empfangen, einen diplomatische Fauxpas gilt es unbedingt zu vermeiden. Zugleich erwarten substantielle Teile des Wahlvolkes teutonischen Gratismut im Angesicht „Roms“, jener Universalchiffre für das eigene schlechte Gewissen. Diesen Spagat zu beobachten, dürfte die reizvollste Übung sein an den vier benediktinischen Tagen.

Anders waren die Zeiten, als an der Spitze des Staates ein bekennender (evangelischer) Christ stand. Horst Köhler erlebte die erkennbar schönsten Augenblicke seiner Präsidentschaft, als er im August 2005 und im September 2006 den Papst begrüßte, erst in Köln, dann in München. Er lobte aus vollem Herzen Benedikts „theologische Entschiedenheit und intellektuelle Kraft“, die „Weisheit und Überzeugungskraft“ seiner Sprache und seines Denkens. „Das ist ein großer und schöner Tag für uns alle“, sagte Köhler auf dem Flughafen Köln/Bonn.

Von Christian Wulff sind dergleichen Bekenntnisse nicht zu erwarten. Zum Christentum äußert das Mitglied der römisch-katholischen Kirche sich seltener als zum Islam. Das Bedürfnis nach dem persönlichen Tonfall wird bei ihm durch Anekdoten aus dem Leben eines verliebten Vaters und Patchworkers abgedeckt. Die scharfe Provokation ist auch nicht sein Metier. Insofern dürfen wir uns auf eine Lobrede auf die Religion als Mittel der Völkerverständigung bei gleichzeitiger Warnung vor Fundamentalismen jedweder Couleur freuen.

Ein Besuch, der viel über die Deutschen aussagt

Die Ministerpräsidentin von Thüringen, eine evangelische Theologin, ließ sich – im Gegensatz zum protestantischen Establishment – in ihrer Vorfreude nicht hemmen. Christine Lieberknecht sind in Erfurt substantielle Aussagen zum Stand der Ökumene zuzutrauen.

Am spannendsten dürfte der Auftritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten auf dem Flughafen von Lahr werden. ZDK-Katholik Winfried Kretschmann soll sich dem Vernehmen nach für seine Rede von dem Freiburger Reformpriester Eberhard Schockenhoff beraten haben lassen. Dieser sprach sich bekanntlich in einer vielleicht gar konzertierten Aktion gemeinsam mit seinem Ortsbischof Robert Zollitsch zugunsten der Kommunion für staatlicherseits geschiedene und staatlicherseits neu verheiratete Eheleute aus. Diesen Primat der weltlichen Politik im Binnenraum der Kirche befürwortet Schockenhoff in seinem neuen Buch. Kaum anders äußerte sich Zollitsch in mehreren Interviews. Es könnte also in Lahr aus Kretschmanns/Schockenhoffs Munde zum Fait accompli kommen, das der Papst sich duldend wird anhören müssen.

So oder so: Die vier Tage werden wie in einem Brennspiegel zeigen, welches Bild das Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts von sich selbst hat, über welche Manieren es verfügt, in welchem Takt sein Herz schlägt, wes Geistes Kind es ist. Zwischen Totalblamage, Pennälertum und Souveränität ist alles drin. Faites vos jeux!

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 20.09.2011 - 09:06

    Lieber Alexander Kissler, bevor hier zur Schmähung Ihres Namens gleich die pseudokritische Meute des Internets reflexgeleitet über das Kommentar-Fließband huscht möchte ich (ganz unkritisch) zu diesem Artikel gratulieren. “krinein” meint “Unterscheidung”, Scheidung der Geister,Klärung- und darauf deutet dieser Artikel auch wirklich.
    Wer die politischen Abläufe in einer “Demokratie” wie der unseren kennt, der weiß, dass es hier allzuhäufig genau um das Gegenteil geht: Verschleierung, Täuschung, Manipulation und Klientelwirtschaft auf jeder Ebene.

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name – 22.09.2011 - 15:23

    sind sie betrunken?

  • Theeuropean-placeholder
    Eugenio Paschalis – 20.09.2011 - 09:35

    Kompliment. Ein hervorragender Artikel, der es auf den Punkt bringt. Manch einer der angeblich so toleranten und weltoffenen Demonstrierer könnte sich davon eine sachliche und objektive Scheibe abschneiden. Aber letztlich versucht man durch das Geschrei nur die verkümmerten Reste des eigenen Gewissens vollends abzuwürgen und hat Angst, der Papst könnte selbige wecken.

  • Theeuropean-placeholder
    Hubertus Erfurt – 20.09.2011 - 10:26

    Volle Punktzahl! Ein Artikel der erkennen läßt, das sein Verfasser die Kirche nicht als bloße Institution begreift sondern als Gemeinschaft der Glaubenden, Liebenden und Hoffenden. Die Gnade dieser Erkenntnis wird einem aber nur zuteil, wenn man da auch mal Sonntags hingeht. Und das scheint bei Hern Kissler wohl der Fall zu sein. Sehr schön!

  • Theeuropean-placeholder
    – 20.09.2011 - 15:21

    Ja, Herr Kissler, man kann es sich schön einfach machen und Kritiker desavouieren.

    Oder auch einfach nur übertreiben, wenn man schreibt, der Papstbesuch würde zeigen „welches Bild das Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts von sich selbst hat“. Nein, so wichtig ist der Papst nun wirklich nicht. Er ist nicht das Ur-Meter an dem die Welt gemessen wird.

    Kritik am Papst kommt nicht nur von Atheisten und Nicht-Religiösen, sondern auch von Katholiken, Theologen und Bischöfen. Wenn einer der letztgenannten von Ihnen als „Zirkuspferd“ bezeichnet wird, weil er die katholische Kirche ein wenig menschlicher gestalten möchte, dann sind kritische Menschen auch nach katholischen Maßstäben in guter Gesellschaft – wenn auch nicht nach Ihren.

    Die Diskussion um den Papstbesuch und die Reaktion einiger Traditionskatholiken darauf zeigt vielmehr, wie sehr sich B16 vom hier-und-jetzt und vom Menschen entfernt hat. Auch gläubige Katholiken kehren ihrer Kirche den Rücken und damit stellt sich natürlich die Frage danach, was die Kirche will oder soll (nicht Ihnen, aber eben vielen anderen): Will sich der Herr Papst auf seine „ewigen Wahrheiten“ zurückziehen, verliert er noch mehr Mitglieder. Öffnet sich die katholische Kirche, könnte sie mehr Akzeptanz und wohl auch wieder mehr Einfluss gewinnen – nicht das ich das für erstrebenswert hielte, doch das tut hier nichts zur Sache.

    Die katholische Kirche hat sich trotz ihres Wahrheitsanspruchs in den letzten zweitausend Jahren schon oft gewandelt, was ihre Beharrung auf dem Zölibat und den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt als zeitgeschichtliches Phänomen erscheinen lässt. Insofern ist ihre ständige Kritik am Zeitgeist unglaubwürdig.

    Eine Wahrheit (im Sinne von Fakt) ist, dass wir in einer vielfältigen Gesellschaft leben und ihre Mitglieder, die Menschen, respektable Individuen sind. Solange die katholische Kirche das ausblendet und Schwule, Frauen, Geschiedene, Protestanten, Juden ausgrenzt, herabsetzt, sie als krank, unfähig oder ungleich ansieht, solange also die päpstlichen „Wahrheiten“ im Widerspruch zur Welt stehen, wird er Kritik wohl aushalten müssen.

    Würde sich der Herr Papst jedoch von seinem Pomp und Protz, seinen Hüten und den roten Schuhen verabschieden und die „Bescheidenheit im Großen“ nicht nur predigen sondern auch leben, würde er von seinem theologischen Roß heruntersteigen und den Mensch in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellen, er bekäme Respekt – wahrscheinlich sogar von Atheisten.

    Bis dahin kann ich ihn nicht ernst nehmen.

  • Theeuropean-placeholder
    neon-golden – 20.09.2011 - 20:27

    Die katholische Kirche grenzt keine Protestanten oder Juden aus (weil von der Kirche abgespalten oder andere Religion), schon gar keine Frauen, keine Schwulen und, Sie werden es nicht glauben, nicht mal ausgemachte Dummköpfe werden an der Kirchentür abgewiesen.
    Menschen wie Sie wohl einer sind, grenzen sich selbst aus, leider bellen Sie dabei auch noch laut und das sollten Sie uns bitte ersparen.

  • Theeuropean-placeholder
    – 21.09.2011 - 18:40

    Sie haben völlig Recht (Sorry für das Missverständnis) ich hätte präziser sein sollen: Mit “Katholische Kirche” meinte ich nicht das Gebäude.

  • Theeuropean-placeholder
    – 20.09.2011 - 15:33

    PS: Gerade oben in den Zitaten entdeckt:

    “Eine selbstbewusste Gesellschaft kann viele Narren ertragen.“
    John Steinbeck
    http://www.theeuropean.de/john-steinbeck

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