Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ist ein Erfolg. Henry Ford

Provision auf Weltrettung

Die neuen Spendensammler sind gecastet: jung, weiblich und von der Agentur bezahlt. Die Strickpullis sind von der Straße verschwunden. Das Gutmenschentum ist zu einem Geschäft geworden.

Früher war nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Schweiß, Vollbart und Soziologie. Daran musste ich denken, als eine 
junge Frau klingelte, die offenbar nach Beendigung ihres Tagwerks für den Miss-Wet-T-Shirt-Wettbewerb zu trainieren gedachte. Sie hatte einen französischen Akzent. Sie war tatsächlich Französin, ihr Herz war groß und ihre Locke kastanienbraun.

Gerade hier, „am Ort“, solle man sich engagieren. Da liege vieles im Argen. Ob ich nicht unterschreiben wolle dort und da, um dann monatlich meinen Obolus zu entrichten? Material zurücklassen könne sie leider nicht, das wäre Papier, und darum ginge es ja, um das Vermeiden von Abfall, das Vermeiden von Eingriffen in die Natur, den Schutz der Umwelt, das ganze große gute Gewissen. Also ja?

Tags zuvor hatte eine noch etwas jüngere Kollegin der Französin mir den Weg zur S-Bahn-Station verstellt. Entkommen war unmöglich. Sie ruderte mit den Armen, bog ihr Haupt, als wolle sie ihrerseits nach Dienstschluss ins Becken springen und für die nächsten Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen trainieren. Ihr T-Shirt war abermals weiß, sie hatte keinen Akzent, doch das nämliche Anliegen. Eine Unterschrift hier und auch da, und schon sei ich Teil der ganzen großen Sache. Es nähme dann – dank meines Geldes – ein gutes Ende mit unserem gebeutelten Planeten. Das könne mir doch nicht egal sein?

Ich unterschlage die Kollegin der Kollegin, noch etwas jünger, die an derselben S-Bahn-Station mir anderthalb Stunden zuvor bereits in ähnlichem, durchaus konkurrierendem Anliegen das Trottoir verstellt hatte. Wo werden diese Botinnen der Schöpfungsliebe gecastet, dachte ich mir, sind es Zweitrundenteilnehmerinnen der „Superstars“ oder der „Topmodels“?

Ich grübelte und erfuhr rasch: Ich hatte es mit Vertreterinnen des Charity-Business zu tun. Mit Geschäftsleuten, genauer: mit 
Geschäftsmädchen. Eine stramm organisierte Agentur fungiert als Subunternehmerin im Auftrag des Spendensammelvereins. Sie werden bezahlt. Prämien inklusive. Ach je, die Pranke des Kapitalismus hatte die Drei und ihre Kolleginnen herbei zitiert auf meine Wege. Man nennt es 
Professionalisierung.

Einst waren es eher männliche, eher muffige, oft bärtige Unterschriftensammler, die im Strickpulli am Rand der Straße standen – nie in der Mitte, niemals – und dann und wann ein verhuschtes, sehr zögerliches „Darf ich Ihnen mal eine Frage stellen?“ hinauswarfen ins Getriebe der Menge. Sie waren optisch wie geografisch ephemer, Randfiguren in jeder Hinsicht.

Wehe aber, wenn sie jemanden eingefangen hatten in den Seim ihrer Rede, dann perlten Marx und Horkheimer von ihren Lippen und wurden die Enteigner schon im Reden enteignet. Das große Ganze war wirklich das Allumfassende, war die Welt, die aus dem Lot geraten war und wider die ich mich empören sollte, mit einer Unterschrift dort und da und dem Bezug eines Informationsblättchens. Übermorgen sei Demo.
Auch sie taten, was sie taten, auf eigene Rechnung, doch diese Rechnung trug keine Zahlen. Sie wollten nicht Umsatz generieren, sondern das Bewusstsein wandeln. Sie versprachen kein gutes Gewissen, sondern eine neue Welt.

Das war trügerisch, ihr Zottelbären. Die Welt pulst weiter im schrägen Takt der anderen. Lieber schaue auch ich in die jungen Gesichter, ich gestehe, die mich heute so dynamisch stellen zwischen Bahnhof und Klingelschild. Doch schade ist es schon, dass nun auch dort, wo einst eine kühne Idee aufschien, das Kalkül triumphiert. Ware, Ware in wandelnder Gestalt.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Kissler: Im Namen des Apparats

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