Ich war der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik. Joschka Fischer

Richard I. von London

Kaum ist der Holocaust-Relativierer Williamson aus der Piusbruderschaft ausgeschlossen, wirbt er für eine neue Gruppierung. Der bizarre Fall zeigt: Traditionalismus kann Tradition zerstören.

Richard Williamson ist ein exzentrischer Engländer mit großen Geschichtslücken und noch größerem Geltungsdrang. Dass er endlich kein Weihbischof mehr der Priesterbruderschaft des Heiligen Pius X. ist, überrascht nicht. Viel zu lange trieb er alle vor sich her, die nicht wie er in Totalopposition zum Vatikan verharren. In Williamsons Perspektive ist „Neurom“, wie er es nennt, vom katholischen Glauben abgefallen, sodass es bei ihm, Williamson, in die Schule zu gehen habe. In seinen Wochenkommentaren, die bisher 277-mal erschienen sind, keilt Williamson gegen den eigenen Laden wie gegen den Papst gleichermaßen. Die heutige Kirche sei „als Ganzes betrachtet verfault“, weil sie „das Öl Gottes mit dem Wasser des Menschen zusammenschüttet“. Die Bruderschaft wiederum versinke, da sie sich von ihm, Williamson, trennte.

Spenden ausdrücklich willkommen

In Wochenkommentar 277 vom 3. November kündigt Williamson außerdem eine Parallelkirche der besonderen Art an. Ein „loses Netzwerk an Widerstandsnestern“ sehe die göttliche Vorsehung vor, ohne die „Struktur des falschen Gehorsams (…), welcher ja in den 1960er-Jahren die Amtskirche untergehen ließ und heute die Priesterbruderschaft St. Pius X. versinken lässt“. Diese doppelte und doppelt falsche Optik besagt: Die unverändert traditionalistische Bruderschaft unter der Leitung Bernard Fellays werfe sich heute gerade so der Welt an den Hals – und also der Beliebigkeit, dem Mehrheitsdenken, der geistlichen Schwäche –, wie es die katholische Kirche vor 50 Jahren getan habe. Da dürfe er, der Erste unter den Widerständlern, nicht Fellay gehorchen; da müsse er, Williamson, seinen eigenen Weg gehen wie damals Bruderschaftsgründer Lefebvre unter den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. Resistance now!

Um ihn und seine nach einem Märtyrer des dritten Jahrhunderts benannte „Initiative St. Marcellus“ sollen sich ab sofort die verbliebenen katholischen Priester und Laien scharen. Dass der heilige „Marcellus der Soldat“ unmittelbar an Marcel Lefebvre denken lässt, ist eine weitere Kampfansage: Williamson geriert sich als einziger Nachlassverwalter eines Erbes und belegt mit dem Anathema die große Mehrheit, die seinen Narreteien nicht Folge leisten will. Was wahrhaft katholisch ist, heißt das, weiß nur ich, Richard I. aus London. Spenden sind ausdrücklich willkommen.

An den Rändern von Kirche und Welt tobt die Anmaßung

Der künftig für Archäologen des spätmodernen Bewusstseins interessante Fall zeigt überdeutlich: Auch an den Rändern von Kirche und Welt toben die Anmaßung, die Selbstgerechtigkeit, der Subjektivismus. Auch ein trotziger Traditionalismus schützt nicht vor traditionsloser Egomanie – Traditionalismus meint eben nicht Tradition, sondern ist deren Platzhalter unter den Bedingungen der Mediengesellschaft. Gäbe es eine lebendige Tradition, gäbe es keinen Traditionalismus. Williamson ist selbst, was er abstritte mit maximaler Vehemenz: ein spätmoderner Subjektivist. Die Zeit, die er nach Soldatenart zu bekämpfen meint, geht durch ihn hindurch. Er ist die Verblendung noch einmal, die er allen anderen diagnostiziert. There is no way out.

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