Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernstgenommen. Konrad Adenauer

Der Freiheit viele Gassen

Einer Familie wurde politisches Asyl in den USA gewährt, weil die Kinder in Deutschland nicht zu Hause unterrichtet werden dürfen. Die Debatte über das "Homeschooling" ist überfällig. Auch die staatlichen Schulen müssen sich einige Nachfragen gefallen lassen.

Die deutsche Schulpflicht wird nicht bald der Geschichte angehören. Es ist mit keinem Massenexodus unzufriedener Eltern zu rechnen. Das Urteil aus Memphis, Tennessee, aber bringt Schwung in eine verdrängte Debatte: Ist der Staat qua Kompetenz prädestiniert, das Schulwesen unter seine und nur seine Fittiche zu nehmen? Darf freien Bürgern das Recht, ihre Kinder zu erziehen und zu bilden, vorenthalten werden?

Nimmt man das Bild zum Maßstab, das in der Öffentlichkeit über Großfamilien kursiert, lautet die Antwort: ja. Schrecklich ist die Vorstellung, in bildungskatastrophalen Zeiten die Kevins und Chantals rund um die Uhr in den Händen von Hartz-IV-Akrobaten zu wissen. Auch wird nicht jedem heimelig beim Blick in bibelfeste “Homeschool”-Wohnzimmer, in denen kalligrafierte Merksätze voluminöse Schulbücher ersetzen. Beides aber sind Zerrbilder.

Die Strafverfolgung sei unverhältnismäßig

Der Bissinger Familie Romeike – Vater, Mutter, fünf Kinder – wurde politisches Asyl in den USA gewährt. Herr und Frau Romeike, heißt es in der Begründung, würden in ihren “fundamentalen Menschenrechten als Eltern” verletzt. Die deutschen Behörden würden nämlich bei fortgesetztem “Homeschooling” finanzielle Strafen gegen sie verhängen, die Kinder von ihnen trennen und sie gar ins Gefängnis stecken. Das Argument, “ernste religiöse Überzeugungen” stünden dem Besuch staatlicher Schulen im Weg, teilt das Gericht. Die Strafverfolgung, die Deutschland “im Gegensatz zu anderen westlichen Ländern” androht, sei unverhältnismäßig.

Das Geläufige bedarf der Nachfrage: Verdient jede Konvention die Weihen des Fraglosen? Nichts anderes als eine Konvention, eine Verabredung, kein Dogma, ist die Art und Weise, wie die Schulpflicht hierzulande praktiziert wird. Vielen herausragenden Köpfen ist die Privaterziehung vorzüglich bekommen, von Bruckner bis Adenauer, von Mendelssohn-Bartholdy bis Albert Schweitzer. Legendär, wenn auch nicht frei von Dünkel, ist der Ausspruch des Schriftstellers Rudolf Borchardt, der 1926 formulierte: “Ich würde mir ja eher die Hand abhauen, ehe ich mein Kind in den nationalen und geistigen Abgrund der deutschen Einheitsschule stürzte und überhaupt mir in Erziehung und Bildung meines eigenen Geblütes, meines Hauses und Geschlechtes, von staatlichen Institutionen hineinreden ließe, deren bestimmende Geister unterhalb meines eigenen Niveaus stehen.”

Wechselseitige Entlastung

Gewiss sind nur in Ausnahmefällen Eltern die besseren Lehrer – aber längst nicht immer sind Lehrer die besseren Erzieher. Das Urteil von Memphis könnte für eine Ausweitung der Argumentationszone sorgen. Es wäre gut, wenn künftig nicht nur um die Ausstattung der Schulgebäude, sondern auch um das ganze weltanschauliche System namens Schule gerungen würde. Es wäre gut, wenn künftig Ideologie nicht nur bei den Eltern und Wissenskompetenz nicht nur bei den staatlich bestallten Bildungsprofis vermutet würde. Von einer solchen wechselseitigen Entlastung könnten alle profitieren, die Eltern, die Kinder und die Lehrer.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Susanne Storch – 07.02.2010 - 14:01

    Ich bin dafür: dass jede Familie, die freie Entscheidung hat, ihr Kinder zur Schule oder zum Kindergarten zu schicken. Dass das Recht vollständig in die Hände der Eltern gelegt wird, damit sie – die ihr Kind schließlich am besten kennen und sicherlich auch am meisten lieben – endlich das Beste für ihr Kind tun können. Freiheit für Eltern und Kinder – das ist mein Herzenswunsch.
    Wenn ich mir die heutige Zeit angucke, bekomme ich Angst, dass wir in Zukunft nicht mehr entscheiden dürfen, wann wir mit unserem Kind zum Arzt gehen, was es isst und trinkt und welche Bücher wir mit ihm lesen. Vielleicht ist es in Vergessenheit geraten, dass gerade die Vielfalt der verschiedenen Menschen und Besonderheiten die Gesellschaft ausmacht. Das wunderbare ist doch die unterschiedliche Begabung des einzelnen die in seiner Art gefördert werden sollte. Egal ob ein Kinder musikalisch, sportlich oder intellektuell talentiert ist, wer kennt sein Kind besser als seine Eltern und wer kann es besser fördern. Für eine reiche und üppige Gesellschaft aus lauter besonderen Menschen wünsche ich mir Freiheit für Eltern und Kinder, und damit das Recht der Eltern ihre Kinder zu fördern wie es Ihnen entspricht. Ja für freie Bildung, fa zum homeschooling
    Eine Mutter von 5 Kindern

  • Theeuropean-placeholder
    Lara – 11.05.2010 - 23:03

    wer etwas dagegen hat, dass in Deutschland weiterhin Eltern dafür bestraft werden, oder ihnen das Sorgerecht entzogen wird, weil sie ihre Kinder außerhalb von Schule leben und lernen lassen, kann folgende E-Petition mitzeichnen;
    Petition an den Deutschen Bundestag

    Text der Petition

    Der Deutsche Bundestag möge beschließen …das häusliche Lernen bzw. den
    Hausunterricht zu erlauben und straffrei zu stellen.

    Begründung

    Hausunterricht oder Homeschooling wird in allen EU Ländern und englischsprachigen Ländern bereits schon länger mit großem Erfolg praktiziert und erweist sich immer mehr als der Bildungsweg der Zukunft. In Deutschland ist es eine noch weitgehend unbekannte und mit zahlreichen Vorurteilen behaftete
    Form des Lernens. Die unzureichende Vermittlung von ethischen und moralischen Grundwerten an öffentlichen Schulen, Gewalt und Mobbing, negative Sozialisation der Kinder, fehlende Lernfreude, sinkendes Bildungsniveau, die Unfähigkeit vieler Schulen Kinder individuell zu fördern und ihrem persönlichen Begabungsprofil zu bilden, haben dazu geführt, dass immer mehr Eltern sich Alternativen im bestehenden Bildungssystem wünschen.
    Bis dato existiert die Schulpflicht in Deutschland statt einer sinnvolleren Lernpflicht. Schule wird somit in Deutschland direktiv verordnet. Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten wollen, müssen mit staatlichen
    Strafmaßnahmen wie Bußgeldern rechnen und werden somit unnötig kriminalisiert. Es sollte mündigen Bürgern frei gestellt sein wo sie ihren
    Kindern Bildung zukommen lassen. Alle staatlichen Sanktionsmaßnahmen gegen Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten, sollten aufgehoben werden.

    Hauptpetent: Wolf, Matthias

    Ende Mitzeichnungsfrist: 16.06.2010

    Link:
    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition%3bsa=details%3bpetition=11495

  • Theeuropean-placeholder
    Ralf Köhl – 14.07.2010 - 11:31

    Lieber Herr Kissler!Es ist schade das sie nur bis zum Jahr 1926 recherchiert haben.Hätten sie noch 20 Jahre drangehangen wäre ihnen aufgefallen das in jener Zeit aus den sogenennten privaten Eliteschulen der Kader des Wehrmachtsoffizierskores entstanden ist,Diese ach so frei erzogenen Kinder waren doch die ersten die die Hände über die Schultern rissen und Heil schrieen, Mittschüler und die eigenen Eltern denunzierten.Sie waren zum Führen geboren.Die damaligen Volksschüler waren nur Kanonenfutter.Eine selbsternannte Elite,deren Nachfahren leider Heute noch die Geschicke unseres Landes mitbestimmen.Zu ihrem Amerika in Freiheit.Warum sind sie noch in Deutschland?Ach so, die soziale Sicherheit die ( erarbeitet durch die verblödete Unterschicht) der Deutsche Staat bietet haben sie dort nicht, Wie? und ihre Kinder müssten dort zur Armee und eventuell in einen kolonialen Kriegseinsatz? Das auch noch, jeder darf eine Schusswaffe tragen? Ich kanns kaum glauben, wegen der Markenturnschuhe an der Kreuzung im Auto erschossen? UDiese Spiel liese sich endlosnd fanatische Sekten gibt es dort auch? Das kann doch nicht sein das man den Arzt selbst zahlen muss?Dieses Spiel liese sich endlos fortsetzen. An unserem Schulsystem liegt vieles im Argen, aber eine privatisierung ist mit Sicherheit die schlechteste Lösung. Geben sie sich mehr mühe.

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