Jeder hat soviel Recht, wie er Macht hat. Baruch Spinoza

Die Schönheit wird uns retten

In turbulenten Zeiten besucht Papst Benedikt XVI. den Libanon. Im Gepäck hat der kleine weißhaarige Mann eine Forderung, die aktueller ist denn je.

Es ist die hohe Zeit der schrecklichen Vereinfacher. Ihr Pulverdampf ist die Verblendung. Sie sagen uns: Alle Religion sei von Übel. Der Islam bedeute Terror. Wer die Muslime provoziere, dürfe sich über gewalttätigen Protest nicht wundern. Der Westen sei gottlos. Dieser vierfachen Verblendung stellte sich abermals ein kleiner weißhaariger Mann entgegen. Der Mann könnte es sich gut gehen lassen auf seine alten Tage, die Kunst genießen und die Natur und das Brevier lesen. Stattdessen macht er sich auf in die Krisenregionen dieser Erde, um seine Botschaft immer wieder anzubieten, in schwindender Lautstärke und wachsender Klarheit: Du musst dein Denken ändern!

Auch im Libanon, auf seiner vorab als höchstgefährlich, maximal brisant deklarierten 24. Auslandsreise, warb Benedikt XVI. für Vernunft und Frieden, Phantasie und Zuversicht und setzte damit den größten Kontrast zu den Scharfmachern konkurrierender Weltanschauungen. An der intellektuellen und leider oft auch sehr handfesten Gefechtslage hat sich nichts geändert seit seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2006, in der es hieß: „Die Nihilisten leugnen die Existenz jeglicher Wahrheit, die Fundamentalisten erheben den Anspruch, sie mit Gewalt aufzwingen zu können. Obwohl sie verschiedenen Ursprungs sind und in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen beheimatete Erscheinungen darstellen, stimmen Nihilismus und Fundamentalismus überein in einer gefährlichen Verachtung des Menschen und seines Lebens und – im Endeffekt – Gottes selbst.“

Der unteilbare Mensch

Im Libanon knüpfte Benedikt an seine Rede vor ziemlich genau einem Jahr im Deutschen Bundestag an. Wie sintemal in Berlin griff er auf die Bitte König Salomos um ein „hörendes Herz“ zurück und stellte das Naturrecht ins Zentrum seiner politischen Überlegungen. Die Gedankenkette, die er jetzt entwickelte, ist einfach. Als habe er vor seinem Abflug Gilbert Keith Chesterton gelesen und dessen in „Ketzer“ hinterlegte Einsicht, „die Vorstellung, die sich ein anderer von der Welt als ganzer macht,“ sei „das Wichtigste und in praktischer Hinsicht Folgenreichste, was man über den Betreffenden wissen kann“, erklärte Benedikt bei verschiedenen Anlässen in Beirut, Harissa, Baabda und Bkerké: Die Menschheit brauche ein neues Denken, ein neues Bild vom Menschen, damit die „universale Brüderlichkeit“ wachse und mit ihr der Friede.

Der Verweis auf das „hörende Herz“ war auch insofern eine Reverenz vor dem genius loci, als Salomo Hiram, den König von Tyrus, gekannt haben soll, in seiner Person also Altes und Neues Testament und der Libanon eine Schnittmenge bilden. Das „hörende Herz“ ist Ausdruck jener Weisheit, die dem Gewissen traut, weil dort, im Menscheninnern, das einigende Band der Menschheit zu finden ist. Letztlich, hofft der Papst, weiß jeder Mensch, dass es gut ist, im anderen Menschen einen Bruder zu sehen, und schlecht, ihn herabzusetzen. Darum braucht der überlebensnotwendige interkulturelle, interreligiöse Dialog eine neue Basis: eine „gesunde Anthropologie“ im felsenfesten Bewusstsein, „dass es Werte gibt, die allen großen Kulturen gemeinsam sind, weil sie in der Natur des Menschen verwurzelt sind.“ Die Menschennatur, heißt das, weist den Weg zum Frieden, das Naturrecht, nicht der Legalismus des Stärkeren.

Die „gesunde Anthropologie“ schließt die Erkenntnis ein, dass der Mensch unteilbar, dass er Person ist, und dass so „ein neues Modell von Brüderlichkeit“ entstehen kann. Das gesunde, nicht entstellte, nicht beschädigte Bild vom Menschen wagt es – so Benedikt –, jedem Gegenüber dieselbe Größe, dieselbe Liebenswürdigkeit zuzutrauen, die man für sich selbst in Anspruch nimmt. Chesterton sprach von der „Bruderschaft der Menschheit“, der anzugehören die denkbar größte Auszeichnung, die denkbar größte Verpflichtung sei. Christen, Moslems, Anders- und Ungläubige haben laut Benedikt an derselben Friedenskultur Anteil, wenn sie ihre Menschennatur ernstnehmen.

Und wo zeigt sich diese menschliche Einheit über alle Spaltung hinweg? Im „angeborenen Sinn für das Schöne, Gute und Wahre“ – angeboren, nicht anerzogen ist demnach des Menschen Sehnsucht nach dem, was schön ist und wahr und gut und manchmal all dies zusammen. So mündete auch im Libanon der ganzheitliche, christliche Humanismus Benedikts in eine ästhetische Pointe. Die oft zitierten Worte aus der Sagrada Familia vom 7. November 2010 hatten diesen Zusammenklang verdichtet: „In Wirklichkeit ist die Schönheit das große Bedürfnis des Menschen; sie ist die Wurzel, die den Stamm unseres Friedens und die Früchte unserer Hoffnung hervorbringt.“

Die rettende Schönheit

Das Gute – Christen sagen: der gute Gott – verspricht demnach Schönheit im umfassenden Sinn. Das Böse hingegen – oder: „der Dämon“ – sucht Menschen, die sich von einem „tyrannischen Idol“ namens Geld mit Ansehen, Erfolg, Luxus ködern lassen. Auch von dieser Seite, so Benedikt zu den Jugendlichen in Bkerké, droht der universalen Brüderlichkeit Gefahr. Geld kann versklaven. Geld kann geradeso blind machen für die Wirklichkeit und den Menschen wie irrige Ideologien oder destruktive Techniken.

Am Ende aber dieser unerschrockenen Pilgerreise stand – natürlich – die Schönheit. Bei der Abschiedszeremonie erinnerte Benedikt an das Holz der libanesischen Zeder. Hiram sandte es laut Altem Testament auf Salomos Bitte nach Jerusalem. Dort wurde dann mit „Vertäfelungen aus Zedernholz, die mit eingeschnitzten Blütenranken verziert waren“, der Tempel ausgestattet. „Der Libanon“, schloss der Pontifex, „war im Heiligtum Gottes gegenwärtig.“ So möge es wieder sein.

Wir lernen: Der wahre Glaube überwindet Täler und Berge, der wahre Mensch ist immer Mitmensch, die Schönheit wird uns retten. Davon sprach Benedikt und von Demut und von Vergebung. All das Übrige, Tagabgewandte, Egozentrische überließ er den schrecklichen Vereinfachern. Wer Ohren hat, der höre.

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