Ich war der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik. Joschka Fischer

Nötige Entgegnung auf einen unnötig polemischen Beitrag

In der Geschichtswissenschaft wird umso erbitterter um Inhalte gerungen, je mehr damit liebgewonnene Vorstellungen verknüpft sind. Umso lebhafter ist es zu begrüßen, wenn sich doch immer wieder Historiker finden, die es wagen, neue Perspektiven zu eröffnen, sich Themenkomplexen aus bisher unbeachteten Blickwinkeln zu nähern und so verblüffende oder gar verstörende Erkenntnisse zutage fördern.

Dürfte keine These umgestoßen werden, wären Geschichtsschreiber bloß Chronisten, die Vergangenes einmalig bewerten und niederschreiben. So bliebe es dann bis in alle Ewigkeiten – quasi in Stein gemeißelt – liegen und würde nur zum rekapitulieren und auswendig lernen hervorgeholt. Doch die Wissenschaft lebt davon, dass alte Ergebnisse auch im Licht bislang unberücksichtigter Quellen und neuer Erkenntnisse geprüft werden und dem standhalten müssen.

Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter zu beobachten, welche Reaktionen das Buch „Schuldfragen, Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914“ des Historikers Ulrich Keller über den paramilitärischen Widerstand Belgiens gegen den deutschen Einmarsch 1914 hervorruft. Stein des Anstoßes ist seine Betrachtung der Exekutionen belgischer Zivilisten durch die deutschen Truppen. Bislang galt die Behauptung der deutschen Militärführung, dies seien Vergeltungsmaßnahmen für Partisanenangriffe und Überfälle durch bewaffnete Zivilisten, nur als haltlose Rechtfertigungen für das eigene Vorgehen. Doch Keller unterzieht die Quellen einer erneuten Untersuchung und stützt sich diesmal unter anderem auch auf überlieferte Aussagen angegriffener deutscher Soldaten.

Bei Keller handelt es sich um einen angesehenen Historiker, der lange an der University of California in Santa Barbara lehrte und der zudem mit Gerd Krumeich eine der fachlichen Instanzen der Forschung zum Ersten Weltkrieg bewegen konnte, das Vorwort zum Buch beizusteuern. Dies unterstreicht die Tatsache, dass es sich hier nicht um einen ressentimentgeladenen Hobbyhistoriker handelt, der krampfhaft bemüht ist, die Kriegsschuldfrage umzukehren. Keller betont ausdrücklich, dass es nicht um die Relativierung deutscher Kriegsverbrechen geht. Er zeigt, dass eben die belgischen Freischärler mit ihren Aktionen eine unheilvolle Gewaltspirale in Gang setzten, die zu den Massenmorden an unschuldigen Zivilisten führten.

Grundfragen zum Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft

Doch gerade die Relativierung, die Aufrechnung von Unrecht wird Keller nun vorgeworfen. Und das von Kollegen, die ihre wissenschaftlichen Meriten mit der Verfestigung des Bildes von enthemmten, brutalen und mordgierigen deutschen Soldaten erschrieben haben. Vielleicht fürchten sich diese Kollegen Kellers davor, ihre Forschungsergebnisse, die sicherlich dem zum Veröffentlichungszeitpunkt aktuellem Forschungsstand entsprachen, nun widerlegt zu sehen. Das ist für einen Autor immer schmerzlich. Jedoch ist es ein Vorgang, der in allen Bereichen der Wissenschaft zum Alltag gehört.

Anders als beispielsweise im Bereich der Natur- oder Rechtswissenschaft, ist die Geschichtswissenschaft oft hochemotional besetzt, stiftet sie doch Identität, dient der Selbstvergewisserung und ist das kollektive Gedächtnis von Gemeinschaften. Das Leid der Menschen vergangener Zeiten berührt auch heute noch, vor allem wenn die zeitliche Distanz eine kurze ist und die Überlieferung der Zeitzeugen umfangreich vorhanden ist. Der Wissenschaftler muss sich freilich von eigenen Emotionen freimachen, wenn er seine Themen betrachtet. Anderenfalls wird es ihm nicht möglich sein, die Perspektive der historischen Akteure einnehmen zu können, was notwendig ist, um ihre Motive und Handlungen nachzuvollziehen.

Das sollte sich auch Lothar Wieland zu Herzen nehmen, der am 22. Dezember vergangenen Jahres seinen Beitrag „Nötige Bemerkungen zu einer überflüssigen Debatte“ quasi als Gegentext zu Kellers Arbeit präsentierte. Angeblich würden durch die Ergebnisse Kellers „die Wunden wieder aufgerissen“. Es mag hart klingen, aber darauf kann die objektive Wissenschaft keine Rücksicht nehmen. Anderenfalls würden nach und nach die Geisteswissenschaften in Europa immer mehr ad absurdum geführt: eben weil auf verletzte Gefühle Rücksicht genommen wird, nastatt zu forschen, und weil unbequeme Wahrheiten nicht ausgesprochen werden, um nur ja niemandem zu verletzen. Man betrachte mittlerweile den Alltag an manch US-amerikanischen und kanadischen Hochschulen, wo augenscheinlich Gender- und Antifa-Aktivisten mehr zu sagen haben als Dozenten, wenn es um die Inhalte der Lehrveranstaltungen geht.

Polemische Abwehrschlacht gegen neue Forschungsergebnisse

Aber zurück zu Wieland, der sich in seinem Kommentar böswilliger Unterstellungen und Polemik bedient. „Man sieht förmlich Kellers inneren Kotau vor dem General von Boehn, der in Leuven einen Hauptmann wiederholt fragt, ob geschossen worden sei, bevor er ein Haus anzünden lässt.“ Und: „Keller steht fest an der Seite der deutschen Generalität.“ Dreht man den Spieß um, so ist die Frage naheliegend, ob Wieland nicht selbst einen Kotau macht – und zwar vor dem Narrativ der unschuldigen Kriegsgegner der Mittelmächte vollzogen hat, dass er nicht mehr in der Lage ist, aufzublicken und möglicherweise davon abweichende Forschungsergebnisse zur Kenntnis zu nehmen?

Der Vorwurf Wielands, Keller missachte die Grundbedingung der historischen Wissenschaft, „die unvoreingenommene Prüfung unterschiedlichster Hypothesen“, die erst den Erkenntnisgewinn ermögliche, weil er nicht bereit sei, an seiner These vom belgischen Volkskrieg zu rütteln, lässt sich ebenso auf den Urheber des Vorwurfs anwenden. Es ist damit Spiegelfechterei vom Feinsten. Doch offenbar geht es in der Sache um mehr als bloß um den wissenschaftlichen Streit über die Exekutionen an belgischen Zivilisten. Handelte es sich um willkürliche Tötungen, die durch überforderte und zugleich brutale Soldaten durchgeführt wurden, oder ob es doch die überharte Vergeltung für erlittene Verluste durch Angriffe von Nichtkombattanten war?

Erst als Wieland das Vorwort von Gerd Krumeich als „höchst befremdlich“ bezeichnet und ein Symposion zum Thema angegriffen wird, lichtet sich der Nebel. Für Wieland sind offenkundig überall die Revisionisten am Werke, die in die Bresche stürmen, die ihnen der in Cambridge lehrende Christopher Clarke geschlagen haben soll, indem mit seiner Arbeit zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zeigte, dass die europäischen Großmächte allesamt ihren Beitrag zur Eskalation des Sommers 1914 beitrugen. Wieland schlägt stellvertretend das Rückzugsgefecht all derer, die sich von vermeintlichen Gewissheiten der deutschen Geschichtsschreibung nicht lösen können oder wollen. Dass er zur Unterstützung ausgerechnet den Vertreter der überholten deutschen Alleinschuldthese, Fritz Fischer, beschwört, schadet dem Bewahrer des status quo eigentlich mehr, als es nützt. Aber im Eifer des Gefechts ist das offenbar nicht erkannt worden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Clemens Schneider, Pere Grau Rovira , Herbert Ammon.

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