Ich sage laut, was jeder heimlich denkt. Nicolas Sarkozy

Vom Spiel mit dem Feuer

Die geheimdienstlich betriebene Destabilisierung von Kriegsgegnern ist bis heute ein beliebtes Mittel in internationalen Konflikten. Was die USA immer wieder mit höchst wechselhaftem Erfolg betreiben, versuchte auch das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg, exakt vor 100 Jahren. Das Ergebnis war eine jahrzehntelange Menschheits-Katastrophe, die unsägliches Leid brachte. Auch in Deutschland.

Vor genau 100 Jahren wurde der Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin auf Betreiben der kaiserlichen deutschen Geheimdiplomatie aus seinem Schweizer Exil nach St. Petersburg gebracht. Diese Maßnahme war eigentlich dazu gedacht, Russland vorübergehend zu schwächen. Ein Jahrhundertirrtum! Lenins Rücktransport sollte sich schon wenige Jahre später als in vielerlei Hinsicht fataler Schritt erweisen. Ob indirekt oder unmittelbar dadurch ausgelöst, mag dahinstehen: Millionen und Abermillionen unschuldig getöteter Menschen sind zu beklagen.

Lenin hatte wie viele andere kommunistische Revolutionäre das russische Zarenreich nach der gescheiterten Erhebung 1905 verlassen müssen. 1907 war er zunächst nach Finnland geflohen, von wo aus er im Folgejahr nach Genf zog. Doch nach der gelungenen Februarrevolution des Jahres 1917 hatten Lenin und seine Mitstreiter Morgenluft gewittert. Es drängte sie zur Heimkehr. Das Problem war nur, dass die mit Russland verbündeten Entente Mächte die Durchreise verweigerten. Verständlicherweise hatten sie kein Interesse daran, dass Russland mitten im Weltkrieg ins Chaos eines Umsturzes abgleiten würde. Für Russlands Kriegsgegner Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich stellte sich die Ausgangslage freilich genaue gegenteilig dar.

Die Stunde der Geheimdiplomatie

Nun schlug die Stunde der deutschen Diplomaten, die bereits seit dem ersten Kriegsjahr die Einstellung exilierten Revolutionäre aus Russland zum Deutschen Reich sondiert hatten. Ab März 1917 liefen konkretere Schritte zur Rückführung dieser Personengruppe an. Sie sollten das Zarenreich weiter destabilisieren und letztlich zum Ausscheiden Russlands aus dem Krieg beitragen. So hatte es Ulrich von Brockdorff-Rantzau, der deutsche Gesandte in Dänemark, in einer Denkschrift dargelegt. Als es schließlich gelang auch Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg davon zu überzeugen, begann die Umsetzung des Planes. In Berlin war man fest dazu entschlossen, Lenins Rückkehr zu verwirklichen. Für den Fall, dass das neutrale Schweden die Durchreise verweigert hätte, wollte man Lenin zur Not durch die deutsch-russische Front schleusen.

Doch Schweden spielte mit. Die Reise verlief wie vorgesehen und so reiste der exterritorialisierte Waggon mit seinen russischen Insassen zunächst quer durch das Deutsche Reich. Per Schiff ging es dann von Sassnitz auf Rügen nach Schweden. Durch Schweden und Finnland gelangte Lenin schließlich am 16. August nach Petrograd. Wie mittlerweile bekannt ist, hätten die Entente-Mächte den Revolutionsführer am schwedisch-finnischen Grenzübergang stoppen können. Warum sie es nicht taten, wird das Rätsel der damaligen Entscheidungsträger bleiben. Winston Churchill sagte über diese Reise, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussen sollte rückblickend: „Sie beförderten Lenin wie einen Pestbazillus in einem Wagen aus der Schweiz nach Russland.“

Bürgerkrieg und „roter Terror“

Der Heimkehrer machte sich gemeinsam mit seinen Mistreitern sogleich daran, die Revolution voranzutreiben. Dies führte schließlich zum russischen Bürgerkrieg, in dem die kommunistischen Menschheitsbeglücker ihr wahres Gesicht zeigten. Unter dem von den kommunistischen Bolschewiki selbst gewählten Schlagwort des „roten Terrors“ überzogen sie das Land mit ihren Gewalttaten. Lenin selbst hatte bereits 1908 Terrormaßnahmen gegen die Gegner befürwortet. Ab 1918 wurden die Theorie im großen Stil in die blutige Praxis umgesetzt.

In der späteren Betrachtung dieser Zeit kam Lenin erstaunlich gut weg. Man lastete die Massenmorde an tatsächlichen und vermeintlichen Gegner der Bolschewiki vielmehr dem späteren Diktator Josef Stalin an. Dabei begann man schon zu Lebzeiten Lenins mit dem Aufbau eines Systems von Konzentrations- und Arbeitslagern. Systematische Massenmorde richteten sich gegen die Bourgeoisie, Geistliche, zaristische Militärs und die Kulaken. Schon in der frühen Phase des russischen Bürgerkrieges sollen den Maßnahmen der Anhänger Lenins bis zu einer Million Menschen zum Opfer gefallen sein. Doch war dieser Krieg nur ein Vorgeschmack auf die Phase des „Großen Terrors“, der in den 1930er Jahren unter Stalin das Land heimsuchen sollte.

Der blutige Siegeszug des Kommunismus

Womöglich ist es den nach Lenins Tod einsetzenden Greueltaten der stalinistischen Ära zuzuschreiben, dass Lenin in der allgemeinen Erinnerung in einem verhältnismäßig günstigen Licht gezeichnet wird. Letztlich halten bis heute nicht wenige Menschen den Kommunismus für eine Idee, die „nur falsch umgesetzt“ worden sei. Zu dieser Fehleinschätzung gelangt man freilich nur, wenn man den Fanatismus und die Gewaltbereitschaft dieser Ideologie ausklammert. Dabei ist die Sowjetunion nicht das einzige Land, dessen kommunistische Gewaltexzesse als Mahnung dienen sollten. Auch in China, Kambodscha und den Staaten Ost- und Ostmitteleuropas hinterließ der Kommunismus Leichenberge. Wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte sich an der deutsch-schweizerischen Grenze ein eidgenössischer Grenzer die russischen Fahrgäste genauer angesehen und hätte sie an der Ausreise gehindert?

Doch stattdessen wurde von der deutschen Geheimdiplomatie unbeabsichtigt die Büchse der Pandora geöffnet; mit Auswirkungen bis in die Gegenwart, wie das Beispiel Nordkorea zeigt. Auch sonst scheint man allgemein nichts aus dem Fall „Geheimwaffe Lenin“ gelernt zu haben. Immer noch werden dubiose Revolutionäre und Rebellengruppen von westlichen Staaten für eigene Ziele instrumentalisiert. In Syrien ist eine absolut undurchsichtige Lage zu konstatieren, wo sich unterschiedlichste Rebellengruppen, die auch von westlichen Regierungen zum Teil massiv auf- und ausgerüstet wurden, auf Leben und Tod bekämpfen.

Die Geiste, die sie riefen…

In Syrien ist exemplarisch sichtbar, wie sich die vermeintlichen Werkzeuge verselbständigen. Dabei sollten doch gerade die USA spätestens seit 9/11 gelernt haben, dass sich ein selbsterschaffenes Frankenstein-Monster auch gegen seinen Schöpfer wenden kann. Was als willkommener Verbündeter gegen die Sowjettruppen in Afghanistan erschien, suchte 2001 die USA als islamistischer Terror heim. Und die Ausgeburt dessen, was rund um Osama bin Laden ersonnen wurde, tritt heute als Geißel der Menschheit auf. Aktuell in Ägyptens Kirchen, aber auch in den Attentaten mit Bussen und Lastwagen von Nizza über Berlin bis Stockholm. Und besonders fatal und perfide in Syrien und im Irak. Der Name ist dabei Programm: Islamischer Staat.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Weißgerber, The European, Ramon Rodriguez .

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