Das Schöne an Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur so lange gilt, bis man eine bessere liest. Stefan Gärtner

Die Trolle sind los

Nach dem medialen Strohfeuer ist es wieder ruhig geworden um die Alt-Right Bewegung. Das Spektrum der alternativen Rechten in den USA war nach dem Wahlsieg Trumps in den Medien omnipräsent. Der Namensgeber der „Bewegung“, Richard Spencer, bekam globale Aufmerksamkeit. Doch ist diese Gruppe wirklich bedeutend? Ist nicht vielmehr die Art, wie sie Aufmerksamkeit generiert, viel interessanter?

usa rechtsextremismus donald-trump

Nicht zuletzt der laut eigener Aussage nicht ernst gemeinte Salut „Hail Trump, hail our people, hail victory“ hat den Namensgeber der Bewegung, Richard Spencer, in die internationalen Medien katapultiert. Speziell in Deutschland taten sich sofort reflexartig, wenn auch verständlich, schaurige Vergleiche auf. In der bundesdeutschen Presse wurde von Richard Spencer das Bild eines trumpschen Rasputins gezeichnet, der dem frisch Gewählten rassistische Stichworte vorgebe. Mancher glaubte gar den Weg frei für eine offen faschistische Einflussnahme auf die Politik im Weißen Haus.

Über zwei Monate nach jenen unruhigen Tagen der US-Wahl und der publizistischen und populistischen Nachwehen hat sich der Pulverdampf verzogen. Mittlerweile dürfte auch den damaligen Schnappatmern klar geworden sein, dass die überstürzt gezeichneten Weltuntergangsszenarien mit der Alt-Right als Macht im Hintergrund Hirngespinste waren, geboren aus dem Frust über Hillary Clintons Niederlage.

Nichtsdestotrotz lohnt ein Blick auf jene Bewegung, die nur schwer zu greifen ist und bislang vor allem ein Internet-Phänomen war, das sich erst langsam im realen Leben verfestigt. Vordenker und Köpfe dieses politischen Lagers stehen nicht nur in klarer Gegnerschaft zur Demokratischen Partei, sondern auch zum Establishment der Republikaner. Als die Neokonservativen unter George W. Bush die Richtung vorgaben, wandte sich ein Teil des rechten Spektrums frustriert von der Partei ab. Abseits der Parteipolitik existiert in den USA ein sehr heterogenes rechtes Spektrum, zu dem neben Libertären, Paläokonservativen und Anhänger der White-Supremacy auch die alternativen Rechten zählen. Letztere fühlen sich seit dem 9. November des letzten Jahres bestätigt, dass ihre Ansichten einen großen Teil der weißen Amerikaner mindestens auf einer unterbewussten Ebene ansprechen.

Die Köpfe der Alt-Right

Richard Spencer, der sich in seinen Arbeiten und Ausführungen auch von der französischen Neuen Rechten inspiriert zeigt, ist, gemessen an seiner jüngst erlangten medialen Prominenz, der bekannteste Kopf. Eine ähnliche Bekanntheit kann noch Milo Yiannopoulos, leitender Redakteur des rechts-konservativen Nachrichtenportals „Breitbart News“, für sich verbuchen. Das liegt neben seiner radikal-polemisch vorgetragenen Ablehnung des Feminismus, des Islams und jeglicher Political Correctness, nicht zuletzt an seiner Person selbst. Der Brite griechischer Abstammung polarisiert als bekennender Homosexueller und Katholik. Der 32jährige Journalist wurde von der „F.A.Z.“ als „Zeremonienmeister des Hasses“ tituliert. Im Wahlkampf trommelte er fleißig für Trump und versetzte dessen Gegner in helle Aufregung. Seine selbstbetitelte „Dangerous Faggot-Tour“ (zu deutsch: „Gefährliche Schwuchtel-Tour“) durch diverse US-Universitäten war eine Mischung aus Wahlkampf und PR in eigener Sache, wie seine YouTube-Videos beweisen.

Überhaupt hat die Alt-Right früher als die Republikanische Partei begriffen, dass das Internet und die Sozialen Medien wichtige Werkzeuge zur Gewinnung neuer Anhänger sind. So sind im Umfeld der Bewegung neben den „Breitbart News“ mit amren.com und takimag.com weitere Netzpublikationen entstanden. Gerade in den sozialen Netzwerken tobt seither der politische Meinungskampf. Dabei gehört das gezielte provozieren der Gegner mittels nicht selten geschmackloser Polemiken, dem „trollen“, zum Standartrepertoire. Ungeachtet der totalen Negierung guter Sitten muss man hier und da jedoch die Kreativität, die dabei mitunter zum Ausdruck kommt, anerkennen.

Identitätspolitik im Melting Pot?

Zentrale Forderung der Alt-Right ist der Kampf gegen die Einwanderung, vor allem aus Mittel- und Südamerika. Zudem wird auf die demographische Entwicklung hingewiesen, wonach die Weißen in den USA bald zu einer Minderheit werden könnten. In dem als Melting Pot der Ethnien und Kulturen glorifizierten Land brodelt jedoch seit jeher unter der Oberfläche der Rassismus. Dabei wird von den führenden US-Medien allerdings bewusst so getan, als handele es sich dabei um eine Einbahnstraße, und nur Weiße würden rassistisch motivierte Verbrechen begehen. Dieser medialen Schieflage und der staatlich verordneten Diversity mittels Quotenregelungen hat die Alt-Right den Kampf erklärt.

Den gegenwärtigen Zuständen will man daher eine „Identitätspolitik“ für Weiße entgegensetzen. Zu diesem Zweck ruft der Think Tank National Policy Institute die weiße Bevölkerung auf, sich ihrer Kultur und ihres „europäischen Erbes“ bewusst zu werden. „Become who we are“ ist das Motto, unter dem der Appel steht. Die alternativen US-Rechten blicken mit Entsetzen auf Europa, wo sie durch die Asylkrise und die unkontrollierte Völkerwanderung aus Afrika und dem Mittleren Osten ihr kulturelles Erbe in noch größerer Gefahr sehen. Insbesondere die deutsche „Willkommenskultur“ gegenüber den Asylsuchenden wird mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis genommen. Die Terroranschläge durch Islamisten und die massenhaften sexuellen Übergriffe durch Asylanten in der vorletzten Silvesternacht gelten als Menetekel für das, was auch den USA drohen könnte, wenn man muslimische Flüchtlinge aufnehmen würde.

Staunen und Ratlosigkeit in der EU

Als europäischer Beobachter steht man oftmals staunend und ratlos vor dem Spektrum der Alt-Right. Unzweifelhaft befinden sich unter den Provokateuren, Trollen und Selbstdarstellern auch Intellektuelle, die sich bewusst der Brechstange bedienen, um ihre Themen auf die politische Bühne zu bringen. Bei allen immer noch praktizierten Tabubrüchen muss man jedoch zur Kenntnis nehmen, dass sich die Bewegung von so manchen radikalen Verbalexzessen der Vergangenheit gelöst hat. Die Phantasien von einem „reinigenden“ Krieg der Ethnien gegeneinander sind Schnee von gestern.
Es ist letztlich mehr als zweifelhaft, ob die Alt-Right konkreten politischen Einfluss ausüben kann. Denn für die Republikaner sind sie die „Schmuddelkinder“, mit denen man bekanntlich nicht spielt. Für die Mainstream-Medien und die Demokraten waren sie in den Wochen nach der Wahl ein gefundenes Thema, um Trump und seine Anhänger in noch dunkleren Farben zu malen. Somit bleibt abzuwarten, wie sich die Alternative Rechte in den USA entwickeln wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Joachim Nikolaus Steinhöfel, Gregor Gysi, Florian Josef Hoffmann.

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