Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten. Albert Camus

Atheismus für Ägypten

Wenn wir alle nicht aufpassen, kapert der islamistische Terror die friedliche arabische Revolution. Die Gewalt gegen die christliche Minderheit, die in der islamischen Welt nach wie vor trauriger Alltag ist, droht das Projekt Arabischer Frühling unter sich zu begraben. Wir müssen daher verstärkt den politischen Islam ins Visier nehmen und aktiv liberale und atheistische Kräfte in der arabischen Welt stärken.

Christ sein ist eine blutige Sache. Die Christen sind die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft auf der Welt. Am meisten verfolgt werden sie im islamischen Kulturkreis. Dort werden sie von radikalen Muslimen gejagt. Der gewalt- und tötungsbereite Arm des islamistischen Terrors zeigt ihnen seine hässliche Fratze. Dabei spucken islamistische Gewalttäter, auch nach Ansicht vieler moderater islamischer Geistlicher, Gott ins Gesicht. Die Gewalt in Ägypten gegen Christen und die daraus resultierenden Unruhen bringen uns im Westen diese Facette neu und bedrückend zu Bewusstsein.

Auf der anderen Seite des Mittelmeeres hat zu Beginn des Jahres eine atemberaubende Freiheitsgeschichte begonnen. In das Machtvakuum, das in Ägypten entstanden ist, dringen verschiedene Gruppierungen vor – vor allem und massiv die Islamisten. Islamisten sind solche, die glauben, dass der Islam allein das Muster und die Regeln liefert, nach denen eine irdische Gesellschaft ausgerichtet und rechtlich geregelt zu sein hat. Zur Erinnerung: Diese Vorstellung ist genau das Gegenteil von dem, was Papst Benedikt XVI. in seiner Rede im Deutschen Bundestag vom Christentum gesagt hat. Es gibt den Gläubigen niemals ein fertiges und allumfassendes Gesetzeswerk mit auf den Weg.

Fliehen die Christen aus Ägypten, ist das der Sieg des weltweiten Islamismus

Es bedarf keiner gesonderten Erklärung, dass diese allumfassende religiöse Grundierung des Staates, wie ihn die Islamisten fordern, keinen Platz für Religionsfreiheit und die anderen für die säkulare Moderne maßgeblichen Freiheiten – der Wissenschaft, der Presse beispielsweise – lässt. Da die Islamisten in jedem Land aktiv sind und, in ihrer strengen Ausrichtung des Salafismus mit finanzieller Ausstattung aus dem rechtgläubigen Saudi-Arabien rechnen dürfen, muss für die Akteure in den westlichen Ländern, sowohl für Politiker als auch für NGOs als auch für Netz-Aktivisten oberste Priorität sein, den Einfluss der islamischen Religion auf die neuen zivilen Gesellschaften so weit als möglich zu beschneiden.

Der Exodus der Christen aus der arabischen Welt ist der beste Indikator dafür, wie kaltblütig und stringent die Extremisten vorgehen. Die Christen haben den Irak verlassen. Sie mussten sich dabei die Augen reiben, dass sie als Verfolgte von der politischen Linken in Deutschland gesagt bekamen, dass der Innenminister gefälligst nicht nur sie, sondern auch andere verfolgte Minderheiten im Proporz-Verhältnis zu retten habe. Ägypten, und das muss man den Diskursteilnehmern in Deutschland sagen, hat in der arabischen Welt eine ganz klare Sonderstellung, wenn es um die christliche Minderheit geht, die sich nicht nur vom Irak unterscheidet.

Christenverfolgungen gab es auch unter Mubarak

Die Kopten stellen knapp zehn Prozent der Bevölkerung Ägyptens. Sie möchten keine genauen Zahlen veröffentlichen aus Angst vor Verfolgung. Die große Zahl der Christen und ihre relativ gute Stellung in der Gesellschaft machen sie zum Angriffsziel: Gelingt es dem feigen Islamisten, die Christen aus dem Land zu vertreiben, hätte das eine fatale Wirkung auf Christen überall in der islamischen Welt und wäre der Ausweis von Erfolg für die Sache des radikalen politischen Islam. Von daher schüren die gewaltbereiten Islamisten die Animositäten und Ressentiments in der Bevölkerung, die es gegen Christen gibt, mit besonderer Hingabe.

Christenverfolgungen gab es in Ägypten auch unter Mubarak. Immer wieder geraten die Religionen aneinander. Religion, und das ist eine Lehre, die wir im Westen immer wieder ziehen müssen, hat in dieser Weltregion eine andere Bedeutung als in Europa. Religion ist für uns Ethik. Religion ist für die Muslime dort die Wahrheit. Sie ist die Identifikation für sich selber und in Abgrenzung zum Rest der Welt, gegenüber den Amerikanern, den Juden, dem Westen.

Modernisierung oder Atheismus

Der religiösen Verblendung kann man nur begegnen, wenn Bildung hoch und Koranschulen niedrig gehalten werden. Es klingt nach einer Wiederholung der europäischen Geschichte: Mehr Bildung führt zu weniger Religion. In Europa war das nicht der Fall, weil das Christentum mit seiner hoch komplexen Theologie und Philosophie in der Lage war, sich in harten Kämpfen der Moderne anzupassen. Nun sind die moderaten islamischen Geistlichen und die liberalen Kräfte in den Ländern gefragt. Gelingt es ihnen nicht, den Diskurs für sich zu entscheiden, kann man der arabischen Welt nur den Atheismus empfehlen.

Allah mag sicher Menschen, die nicht an ihn glauben, lieber als solche, die in seinem Namen morden!

Alexander Görlach hat im Jahr 2003 in Kairo an der Al-Azhar Universität studiert und über das interreligiöse Verhältnis zwischen Muslimen und Christen promoviert.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

Leserbriefe

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