Ich liebe meine Frau, nicht meine Partei. Joschka Fischer

Atheismus für Ägypten

Wenn wir alle nicht aufpassen, kapert der islamistische Terror die friedliche arabische Revolution. Die Gewalt gegen die christliche Minderheit, die in der islamischen Welt nach wie vor trauriger Alltag ist, droht das Projekt Arabischer Frühling unter sich zu begraben. Wir müssen daher verstärkt den politischen Islam ins Visier nehmen und aktiv liberale und atheistische Kräfte in der arabischen Welt stärken.

Christ sein ist eine blutige Sache. Die Christen sind die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft auf der Welt. Am meisten verfolgt werden sie im islamischen Kulturkreis. Dort werden sie von radikalen Muslimen gejagt. Der gewalt- und tötungsbereite Arm des islamistischen Terrors zeigt ihnen seine hässliche Fratze. Dabei spucken islamistische Gewalttäter, auch nach Ansicht vieler moderater islamischer Geistlicher, Gott ins Gesicht. Die Gewalt in Ägypten gegen Christen und die daraus resultierenden Unruhen bringen uns im Westen diese Facette neu und bedrückend zu Bewusstsein.

Auf der anderen Seite des Mittelmeeres hat zu Beginn des Jahres eine atemberaubende Freiheitsgeschichte begonnen. In das Machtvakuum, das in Ägypten entstanden ist, dringen verschiedene Gruppierungen vor – vor allem und massiv die Islamisten. Islamisten sind solche, die glauben, dass der Islam allein das Muster und die Regeln liefert, nach denen eine irdische Gesellschaft ausgerichtet und rechtlich geregelt zu sein hat. Zur Erinnerung: Diese Vorstellung ist genau das Gegenteil von dem, was Papst Benedikt XVI. in seiner Rede im Deutschen Bundestag vom Christentum gesagt hat. Es gibt den Gläubigen niemals ein fertiges und allumfassendes Gesetzeswerk mit auf den Weg.

Fliehen die Christen aus Ägypten, ist das der Sieg des weltweiten Islamismus

Es bedarf keiner gesonderten Erklärung, dass diese allumfassende religiöse Grundierung des Staates, wie ihn die Islamisten fordern, keinen Platz für Religionsfreiheit und die anderen für die säkulare Moderne maßgeblichen Freiheiten – der Wissenschaft, der Presse beispielsweise – lässt. Da die Islamisten in jedem Land aktiv sind und, in ihrer strengen Ausrichtung des Salafismus mit finanzieller Ausstattung aus dem rechtgläubigen Saudi-Arabien rechnen dürfen, muss für die Akteure in den westlichen Ländern, sowohl für Politiker als auch für NGOs als auch für Netz-Aktivisten oberste Priorität sein, den Einfluss der islamischen Religion auf die neuen zivilen Gesellschaften so weit als möglich zu beschneiden.

Der Exodus der Christen aus der arabischen Welt ist der beste Indikator dafür, wie kaltblütig und stringent die Extremisten vorgehen. Die Christen haben den Irak verlassen. Sie mussten sich dabei die Augen reiben, dass sie als Verfolgte von der politischen Linken in Deutschland gesagt bekamen, dass der Innenminister gefälligst nicht nur sie, sondern auch andere verfolgte Minderheiten im Proporz-Verhältnis zu retten habe. Ägypten, und das muss man den Diskursteilnehmern in Deutschland sagen, hat in der arabischen Welt eine ganz klare Sonderstellung, wenn es um die christliche Minderheit geht, die sich nicht nur vom Irak unterscheidet.

Christenverfolgungen gab es auch unter Mubarak

Die Kopten stellen knapp zehn Prozent der Bevölkerung Ägyptens. Sie möchten keine genauen Zahlen veröffentlichen aus Angst vor Verfolgung. Die große Zahl der Christen und ihre relativ gute Stellung in der Gesellschaft machen sie zum Angriffsziel: Gelingt es dem feigen Islamisten, die Christen aus dem Land zu vertreiben, hätte das eine fatale Wirkung auf Christen überall in der islamischen Welt und wäre der Ausweis von Erfolg für die Sache des radikalen politischen Islam. Von daher schüren die gewaltbereiten Islamisten die Animositäten und Ressentiments in der Bevölkerung, die es gegen Christen gibt, mit besonderer Hingabe.

Christenverfolgungen gab es in Ägypten auch unter Mubarak. Immer wieder geraten die Religionen aneinander. Religion, und das ist eine Lehre, die wir im Westen immer wieder ziehen müssen, hat in dieser Weltregion eine andere Bedeutung als in Europa. Religion ist für uns Ethik. Religion ist für die Muslime dort die Wahrheit. Sie ist die Identifikation für sich selber und in Abgrenzung zum Rest der Welt, gegenüber den Amerikanern, den Juden, dem Westen.

Modernisierung oder Atheismus

Der religiösen Verblendung kann man nur begegnen, wenn Bildung hoch und Koranschulen niedrig gehalten werden. Es klingt nach einer Wiederholung der europäischen Geschichte: Mehr Bildung führt zu weniger Religion. In Europa war das nicht der Fall, weil das Christentum mit seiner hoch komplexen Theologie und Philosophie in der Lage war, sich in harten Kämpfen der Moderne anzupassen. Nun sind die moderaten islamischen Geistlichen und die liberalen Kräfte in den Ländern gefragt. Gelingt es ihnen nicht, den Diskurs für sich zu entscheiden, kann man der arabischen Welt nur den Atheismus empfehlen.

Allah mag sicher Menschen, die nicht an ihn glauben, lieber als solche, die in seinem Namen morden!

Alexander Görlach hat im Jahr 2003 in Kairo an der Al-Azhar Universität studiert und über das interreligiöse Verhältnis zwischen Muslimen und Christen promoviert.

Leserbriefe

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    NathanDerWeise – 12.10.2011 - 10:02

    Ich bin erstaunt, wie jemand der in der Al-Azhar Universität studiert hat und sogar über das interreligiöse Verhälnis zwischen Muslimen und Christen promoviert hat sowas von sich wiedergeben kann?
    Wiso wird hier nicht die Wahrheit erwähnt, dass die Kopten seit 14 Jahrhunderten in Frieden unter dem ISlam leben? Genau Sie wie die Christen in allen anderen ilamschen Ländern?
    Wiso wird es so dargestellt, als ob es die Islamische Mission ist alle Christen auszulöschen? Wenn dies eine Mission wäre, wäre denn noch ein Christ in Ägypten übrig nach 14 Jahrhunderten?
    Die Verfolgung der Kopten begann erst mit dem Mubarak Regime, das sich dieses als Vorwand genommen hat, um Regimegegner zum schweigen zu bringen und sich gegenüber des Westens zu profilieren.
    Warum wird nicht erwähnt, dass auch Muslime an der Seite der Christen mit gegen die Kirchenzerstörung demonstriert haben?
    Wiso wird nicht erwähnt, das es an dem Abend der Gewalt sofort eine Solidaritätsdemonstration gab auf dem Tahrir-Platz die mehrheitlich von Muslimen organisiert war?
    Leider sehr einseitiger und irreführender Artikel und wegen der FehlInformation einem ‘Experten’ nicht im Ansatz entsprechend.

  • Theeuropean-placeholder
    rudi – 12.10.2011 - 11:07

    da wird ja einiges durcheinander geschmissen in diesem kommentar. salafismus, islamismus, islam, christenverfolgung, atheismus etc. der autor hätte sich vor dem schreiben noch einmal mit den grundbegriffen sowie der islamischen theologie auseinandersetzen müssen. so ist dieser kommentar leider meilenweit am thema vorbeigeschossen.

  • Theeuropean-placeholder
    ötze – 12.10.2011 - 11:34

    werden christen systematisch gesucht, gekennzeichnet in lager gebracht und dort systematisch abgeschlachtet? weiss ich nicht. ist mir nicht bekannt.

    ja, es werden christen unterdrückt, misshandelt und teilweise verfolgt von irgendwelche kranken menschen die sichernsthaft “moslems” nennen.

    das aber so schrecklich zu verallgemeinern ist reiner populismus. es schürt ängste und spielt in die hände von rechtspopulisten.

    vieleicht sollten sie ab und zu mal wieder kairo besuchen, 10 jahre sind eine lange zeit.

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    P. Feldmann – 12.10.2011 - 13:38

    Lieber Alexander Görlach, ein guter ARtikel (ob ich das Selbe von den Kommentaren hier schreiben könnte- dies auf ein anderes Blatt!).
    Ich finde zwei Dinge dabei hervorragend, 1. die Deutlichkeit, mit der Sie die Christenverfolgung benennen. 2. die Deutlichkeit der Forderung an den Islam (dem Multikulti mehr als fern liegt, 3 Stufen des Djihad)- hier ergibt der letzte Satz Ihres Artikels auch eine ganz excellente Pointe.

    Allerdings glaube ich, dass die Forderung eines “Atheismus” , der ja ein typisches Phänomen der abendländischen Geschichte ist, an der Realitätswahrnehmung in der islamischen Welt vorbeigeht. Eher wäre hier die säkulare Trennung zwischen Staatsgebilde und Religion zu fordern. Dass der Islam als politische Religion hiermit ein deutliches Problem hat, ist mehr als deutlich. Umso deutlicher muss man seine Bringschuld hier thematisieren und einfordern.

  • Theeuropean-placeholder
    gerrit – 12.10.2011 - 19:58

    Die Rennung von Kirche und Staat wäre in Ägypten schon ein großer Erfolg.
    Damit sind die Probleme des islamistischen Extremismus, der sich von derartigen Konstrukten wohl nicht beeindrucken lässt , nicht gelöst.
    Die Unterstützung dieser Gruppierung durch Saudi-Arabien müsste gestoppt werden können,vor allem auch darum, um die Gesamtheit der Muslime nicht in weiteren Misskredit zu bringen.Ca. 20% der Demonstranten vom Wochenende waren Muslime,die sich mit den Kopten solidarisierten.Also,die Berichterstattung ist so verworren,wie die derzeitigen Verhältnisse in Ägypten.Dies für plumpe Schwarz-Weiß-Malerei zu nutzen, finde ich weder informativ,noch seriös.

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