Vergib deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen. John F. Kennedy

Erst die Moral, dann das Fressen

Hatten die Linken nicht doch recht? Frank Schirrmacher fragt sich das, ebenso Charles Moore. Ich frage mich das auch. Der freie Markt ist vergiftet, unser Miteinander korrumpiert. Wir haben die Vision einer sozialen Gesellschaft verspielt. Alles, woran wir geglaubt haben, ist am Arsch.

Als ich vor drei Wochen an dieser Stelle dazu geschrieben habe, wie krank unser Finanzsystem ist, wie wenig es noch einer konservativen, christlich geprägten Werthaltung entspricht, wusste ich nicht, dass zur selben Zeit andere konservative Schreiber über derselben Frage brüteten: Was lässt die Finanz- und Wirtschaftskrise von einem Weltbild übrig, das den freien Markt als Angelpunkt gelingender freier und demokratischer Gesellschaften betrachtet hat?

Charles Moore in England und Frank Schirrmacher in Deutschland haben nun laut diese Frage gestellt und sie verknüpft mit einer politischen Zuspitzung: Hatte die Linke nicht doch recht? Recht mit ihrem Verdacht, dass der freie Markt mehr Regulierung und Kontrolle durch den Staat braucht? Recht mit der Behauptung, dass ein ungenügend oder falsch regulierter Markt wenige ganz reich macht und ganz viele daran hindert, sich wirtschaftlich zu entwickeln? Recht damit, dass uneingeschränkte Spekulationen das Finanzsystem überhitzen und es kollabieren lassen?

Der Markt – die Bühne der Freiheit

Der freie Markt, das war in der konservativen Vorstellung die Bühne, die Gott allen Menschen gebaut hat, auf der sie sich gemäß ihren Anlagen verwirklichen konnten. Der calvinistische Grundgedanke, dass Fleiß und Strebsamkeit in wirtschaftliche Erfolge münden, konnte darin ebenso untergebracht werden wie die Position der katholischen Soziallehre, die den freien Markt als natürlichen Lebensraum für das zur Freiheit berufene Individuum ausgemacht hat, auf dem es sich seinen Anlagen gemäß entwickeln könne. Bürgerliche Tugenden wurden, und da hat Frank Schirrmacher mehr als recht, von den raffgierigen Meistern der Finanzwelt auf die immaterielle Welt der Spekulation und der Finanztransaktionen übertragen. Irgendwann in der Zeit hat die CDU einen Parteitag abgehalten. Das war 2003 in Leipzig. Der Sündenfall, ein Eber im Weinberg!

Zu den klassischen Versprechen der Konservativen gehörte: Fleiß zahlt sich aus, ebenso Strebsamkeit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit. Dieses Versprechen kam in Deutschland im Kleid der sozialen Marktwirtschaft daher, die es ermöglicht hat, dass breite gesellschaftliche Schichten in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Wohlstand kamen. Nun muss man um der Vollständigkeit willen sagen, dass nicht allzu lange nach dem Wirtschaftswunder auch das Schuldenmachen begonnen hat. Der Optimismus war groß: der Glaube an das Wachstum.

Konservative und Linke machten Staat auf Pump

Ein Wachstum, das Steuereinnahmen brachte, was wiederum für den Ausgleich sozialer Ungleichheiten sorgen konnte. Aber all das, der soziale Ausgleich für die weniger Begabten genauso wie die Investitionen der Mittelschicht in die Bildung ihres Nachwuchses, wurde schon auf Pump realisiert. Das Schulden-Pulverfass, auf dem wir heute sitzen, hat, was das betrifft, nichts mit den Finanzspekulanten der Gegenwart zu tun. Die Verschuldungsspirale, für die sich aus unterschiedlichen Gründen Konservative und Linke gleichermaßen erwärmen konnten, ist zu Ende gedreht. Deshalb liegt nicht nur der konservative Gesellschaftsentwurf am Boden, sondern auch der linke.

Wir haben nun unseren Narrativ verloren, der legitimerweise Fleiß und Strebsamkeit mit wirtschaftlichem Erfolg zu verbinden wusste. Dabei rede ich nicht von großen Reichtümern, die die Mittelschicht auftürmen wollte, sondern von dem „guten Gehalt“, vom „guten Auskommen“, von dem die Erwachsenen immer sprachen, während man selbst ruhig am Tisch sitzen musste. Was waren das für Zeiten! Ein Gehalt, davon konnte man sich leisten: ein Haus, zwei Autos, zwei Kinder, zwei Urlaube im Jahr. Das geht heute nicht mehr, auch nicht mit einem abgeschlossenen Studium und einem, wie es heute heißt, gut bezahlten Job.

Zurück bleiben asoziale Arschlöcher

Wann hat die Genügsamkeit mit dem „guten Auskommen“ hyperventiliert in ein Immer-Mehr? David Cameron sagt angesichts der Handy-Plündereien in England ganz richtig, dass wir alle zu Asozialen geworden sind im Angesicht immer größerer Konsumversprechen. Als Saturn mit seiner „Geiz ist geil“-Kampagne an den Start ging, haben sich die Kirchen erlaubt, darauf hinzuweisen, dass Geiz nicht geil, sondern eine Todsünde ist. Gut, sie wurden natürlich dafür ausgelacht. Heute wundert es niemanden mehr, wenn die Postbank mit einem Slogan operiert, der heißt: „Unterm Strich zähl ich“. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krise nicht nur darum gehen wird, unsere Ersparnisse zu retten, sondern auch unsere Seelen.

Es muss heißen – und da haben die Linken, allen voran Bert Brecht, unrecht: „Erst die Moral, dann das Fressen.“ Denn die Moral ist die Grundlage für jedes menschliche Handeln. Ein moralischer Kompass kann verloren gehen. Ich wünsche mir keine Wiederkehr eines Moralisierens, für das die Linken das Bürgerliche immer gern als Synonym gebraucht haben. Es kann nicht darum gehen, sich als Konservativer darüber zu empören, dass ein 40-jähriger CDU-Politiker ein 16-jähriges Mädchen liebt. Das ist vielleicht eine außergewöhnliche Konstellation, aber erst mal die Sache der beteiligten Personen. Es muss darum gehen, Moral als Konstante in den Diskurs überhaupt wieder einzuspeisen. Es geht um Moralisches, Ethisches, das zu einem anständigen Wirtschaften führt. Und es geht um einen Konsens in der Gesellschaft darüber.

Alles auf Anfang

Jüngst bei der Vorstellung meines Buches, die von Frank Schirrmacher moderiert wurde, fragte er mich an einer Stelle, warum ich mich als konservativ bezeichne: Ich glaubte und glaube, dass wir in der Tradition das Vokabular und die Denkvorlagen finden, wie wir künftig unsere Gesellschaft gestalten können. Wir können in Kontinuität, das, was uns geprägt hat, fortentwickeln. Mehr ist von meinem alten Weltbild nicht übrig. Zum Glück sind sich Konservative und Linke noch nie so nahe gewesen wie in diesem historischen Moment, in dem unsere Welt auf der Kippe steht. Hoffentlich entsteht etwas Neues daraus.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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