Vier Hügel beschreiben die kulturellen Fundamente Europas, lieber Herr Lindner: der Sinai, Golgotha, der Areopag und das Capitol. Der Ort, an dem die Zehn Gebote gegeben wurden, die Stelle, an der Jesus Christus starb. Das Sinnbild der griechischen Philosophie und der Inbegriff von Rechts- und Staatswesen. Es ist nicht das Christentum allein, das Europa gemacht hat.
Es ist so was von Konsens, auch unter Kirchenleuten und Atheisten, dass das Christentum eine wesentliche, aber nicht die alleinige Quelle unserer europäischen Tradition ist. Deswegen frage ich mich, warum Sie uns ausgerechnet jetzt mit der Vorstellung behelligen, unsere freiheitliche Republik müsse durch liberale Truppen unter Ihrer Führung von der Tyrannei des Kreuzes befreit werden. Niemand in den Kirchen, niemand in der CDU, hat – anders als Sie glauben machen wollen – behauptet, das Christentum sei die Staatsreligion Deutschlands.
Inspiration für den Liberalismus im Neuen Testament
Ihr Salon-Säkularismus ist abgeschmackt, trifft er doch die beiden großen Kirchen in einem Moment höchster Verunsicherung und größter Schwäche. Die einen haben scheinbar nur noch pädophiles Personal, die anderen keine Gläubigen mehr. Der gemeinhin propagierten Behauptung, Liberalismus bedeute für die FDP, dem Schwachen noch mal extra eins mitzugeben, geben Sie hier eine interessante Note. Zu meinem Entsetzen – habe ich Sie doch, lieber Herr Lindner, als jemanden gesehen, der Liberalismus neu deuten und erklären kann. Dabei kann ein Blick zur Informationsgewinnung auf den Freiheitsbegriff des Neuen Testaments so unnütz eigentlich gar nicht sein.
Sie haben sich nun auf die Christen in diesem Land eingeschossen, auf mich, meine Eltern, die Bewohner meines Heimatdorfes, die Bewohner der Stadt Mainz, in der ich studiert habe. Unser Dorf wird vom Kirchturm geprägt, die Stadt Mainz von der Silhouette des Doms. Unser Dorf ist, seit seiner Gründung vor mehr als 1200 Jahren, katholisch. Die Mainzer sind so lange Christen, dass die Stadtlegende zu erzählen weiß, dass der römische Hauptmann, der unter dem Kreuz Jesu bekannte, "Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen“ (Mt. 27,54), nach einer Versetzung nach Mogunitacum die Bewohner dieser Siedlung zum christlichen Glauben bekehrt habe.
Christlich-abendländische Tradition, was sonst?
Wir können die Geschichte unseres Landes nicht wegen der Muslime, die seit vierzig Jahren bei uns leben, ändern. Sie fordern das. Wie sollen wir neue Mitbürger für unser Land, seine Tradition begeistern, wenn Vertreter der politischen Klasse wie Sie, Herr Lindner, sie am liebsten in den Abfall leeren würden? Muslime leben hier, gehören zur Gegenwart dieses Landes. Wir werden in dem Maße im Zusammenleben wachsen, wie sie uns und wir sie verstehen lernen. Erstaunlich, dass die meisten Muslime, die ich kenne, gar nichts gegen Kreuze im öffentlichen Raum haben.
Ich sage Ihnen, dass Sie mit Ihrem Traktat jedes Kirchenmitglied in diesem Land, das sich zugleich als Bürger versteht, beleidigen. Gegen die Taufe kann man sich genauso wenig wehren als Kind wie gegen die deutsche Staatsbürgerschaft. Beides geschieht einem. Zu beidem muss man eine emotionale Nähe aufbauen. Aus der Kirche kann ich später austreten, aus dem Staat hingegen nicht. Die Kirche ist ein Hort der Freiheit; schauen Sie sich dort was ab für Ihr neues Liberalismuskonzept.
Rot-Gelb steht – irrlichternde Liberale mit Sozialisierungsatheisten
Es geht Ihnen nicht um die Christen, sondern um die Kirche, um die Zahlungen des Staates an die beiden Konfessionen? Sie wissen, dass das rechtliche Titel sind. Sie wissen, dass Ihre Behauptung, die Sie in der FAZ aufgestellt haben, die Bischöfe würden vom Staat bezahlt, nicht stimmt.
Der Kulturchrist muss sich fragen: Was will die FDP eigentlich mit dieser neuen Irrung? Haben wir keine anderen Probleme? Zu Europa heute gehört zum Beispiel auch die gemeinsame Währung. Um die ist es gerade nicht besonders gut bestellt. Wo sind Ihre Konzepte, wo Ihr paneuropäischer Geist? Danke für das Gespräch.
Gott ist groß!
Ihre FDP, Herr Lindner, kann ja mit der SPD koalieren. Die haben das gleiche Thema, angeführt von einem ostdeutschen Sozialisationsatheisten, auch für sich entdeckt. Den Kirchen kann man zurufen: Abgeschrieben seid ihr noch lange nicht, wenn ihr so zum Feinbild taugt. Endgültig abgeschrieben ist die FDP. Bravo! Unter fünf Prozent, die Rache Gottes, Herr Lindner!


















Auch wenn ich etwas differenzierter in der Wortwahl gewesen wäre, inhaltlich stimme ich Herrn Görlach zu.
Ich bin selbst Katholik – praktizierend würden mich manche nennen – und frage mich oft, wie es möglich ist, den Kern der christlichen Botschaft, die Herr Görlach mit Freiheit umschreibt – den Menschen nahe zu bnringen.
Ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Würde des Menschen in seiner Gottebenbildlichkeit gründet. “Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.” (Gen 1,27) und “Du [Gott] hast ihn [den Menschen] nur wenig geringer gemacht als Gott.” (Psalm 8).
Ich glaube auch, dass wir Menschen auf Erlösung hin ausgerichtet sind, also darauf, wieder in untrennbarer Einheit mit unserem Gott zu sein.
Wenn man wirklich davon ausgeht, dass unser iridisches Leben einen Ausschnitt unserer Existenz darstellt, wie es das Christentum lehrt, stellt dies auch unsere Lebensführung im Hier und Jetzt unter völlig neue Prämissen. Es geht nicht darum, jetzt zu möglichst viel zu kommen. Es geht darum, schon jetzt deutlich zu machen, dass ich mein Leben (nennen wir es ruhig den Sinn in meinem Leben) auf etwas anderes hin ausrichte, auf eine größere Perspektive. Es geht darum, dass ich mein Leben auf Gott hin ausrichte, so wie es der evangelische Theologe Heinz Zahrnt einmal formulierte, leben als ob es Gott gibt.
Dies hat Konsequenzen für meine ganz persönliche Lebensführung. Wenn ich wissen will, wie Gott ist, muss ich mir Jesus Christus ansehen. Wenn ich wissen will, wie ich mein Leben in dieser “neuen” Perspektive leben soll, muss ich mir ansehen, wie Jesus sein Leben gelebt hat. Jesus Christus ist das Beispiel par excellence. Von ihm erhalte die die Maßstäbe, die mir Richtschnur im Leben sein können. Er zeigt mir den Weg zur Freiheit (von so vielen unnötigen Zwängen in meinem Leben), er zeigt mir den Weg zu inneren Ausgeglichenheit, zur Zufriedenheit mit mir selbst.
Ich sehe in den vielen engagierten Christen, den vielen haupt- und ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern und auch in ganz, ganz vielen Ordensleuten, Diakonen, Priestern und Bischöfen ein ehrliches Bemühen, anderen Menschen diese freimachende Botschaft des Christentums erlebbar zu machen.
Das Christentum ist nicht nur Basis unserer Kultur, es ist bis heute ein Lebensentwurf, der uns unseren Sinn im Leben erschließen lässt.
Es ist schade, dass die Dikussion um “die Kirche” selten eine Diskussion um den Kern “des Christentums” ist. Wie sähe eine Gesellschaft ohne “die Kirchen” aus? Besser?
Die Worte des Apostels Paulus im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, dass das Wort vom Kreuz (als Kristallisationspunkt der chrislichen Lehre) den einen Torheit, den Glaubenden aber Gottes Kraft ist (vgl. 1 Kor 1,18), bewahrheitet sich auch heute.
Danke für Ihre Worte, Herr Madaus! Ich bin noch besonders religiös, aber ich durfte in einer besonderen Krisenzeit in meinem Leben die Hilfe eines katholischen Priesters erfahren. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Wer macht denn heute noch den Mund auf und sagt uns auch ungern gehörtes? Wer bringt uns zum Nachdenken über das wirklich Wichtige im Leben?
Wir brauchen die Kirchen!
Sorry, ich wollte natürlich schreiben, dass ich nicht besonders religiös bin :-)
Es zeugt von einer gewissen Ahnungslosigkeit, die Frage der Trennung von Kirche und Staat mit der der Staatsleistungen zu vermengen.
Frankreich, das Paradebeispiel für die Trennung von Staat und Kirche, leistet dennoch erhebliche Zahlungen an die katholische Kirche: Alle vor 1905 errichteten kirchlichen Gebäuden gehören dem französischen Staat, der für ihre Baulast aufzukommen hat.
Andererseits stimmen auch nicht alle Behauptungen von Herrn Görlach. So werden bayerische Bischöfe nach wie vor vom bayerischen Staat bezahlt – eine Rechtsfolge der Konkordate von 1817/21 und 1924/25.
Lieber “Anonym”,
in seinem Beitrag in der FAZ hat Herr Lindner behauptet, alle Bischöfe würden vom Staat bezahlt. Das ist nicht korrekt. Darauf habe ich in dieser Kolumne hinweisen wollen. Das trifft nur auf den Bayerischen Freistaat zu, genau aufgrund der rechtlich bindenden Dokumente, die Sie anführen.
Besten Dank Ihnen, herzliche Grüße,
Ihr
Alexander Görlach
Viel zu oft denke ich, wir Deutschen haben nur noch einen einzigen, festen Glauben daran, dass wir unsere Kultur und Gesellschaft bei jeder Gelegenheit verleugnen, schlechtreden und in die Tonne treten müssen. Auch wenn ich selbst nicht sonderlich religiös bin, ärgert mich das ständige, mainstreammäßige Schlechtreden der christlichen Religion irgendwie. Vor allem, weil nicht differenziert wird: natürlich ist es in höchstem Maße zu verurteilen und bestrafen, dass Vertreter oder Institutionen der katholischen Kirche sich der Pädophilie schuldig gemacht haben. Und zeitgemäß ist
die Kirche in ihren Entscheidungen auch nicht immer. Aber das ist meines Erachtens “menschliches Versagen” und (typisch menschlicher) Machmissbrauch, was man von der Theorie und dem Kern der Religion trennen sollte.
Denn andererseits wird alles, was aus anderen Kulturen kommt, mindestens mal toleriert oder sogar mit Freude übernommen ohne es kritisch zu hinterfragen oder wirklich zu verstehen. Nur um zu demonstrieren, wie open-minded man doch in Wirklichkeit ist.
Dieses “Auswechseln” der eigenen Kultur zeugt für mich letzten Endes nur von Rückgratlosigkeit, das ist kein echter Erneuerungswille der eigenen Kultur. Ich finde alles neue, was Bestand haben soll, baut doch auf Altem auf. Aber dafür muss man seine kulturellen Wurzeln kennen. Selbst, wenn es nicht die persönlichen sind.
So So hier trifft man nur die gestrige! Nicht wie weg! USA ruft!
Vielen Dank für diesen längst überfälligen Artikel. Die seit einem Jahr zunehmend antikirchliche Position der FDP wird in den Medien, wie ich finde, immer noch viel zu wenig thematisiert. Bereits Frau Leutheusser-Schnarrenberger – die wie auch andere FDP-Mitglieder dem Beirat der erklärt antiklerikalen Humanistischen Union angehört – zeichnete sich während der Auseinandersetzung mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche vor allem durch Inkompetenz und die Verbreitung übertriebener Unterstellungen aus.
Die Metapher mit den Hügeln, auf denen Europa ruht, stammt übrigens vom früheren Bundespräsidenten und FDP-Vorsitzenden Theodor Heuss. Laut Lindner scheinen für die deutsche Kultur jetzt aber plötzlich auch die ägyptischen Pyramiden eine mindestens so entscheidende Rolle gespielt zu haben.
Die FDP war noch nie eine christliche Partei, aber was sie sich von dieser Offensive gerade in Zeiten sinkender Wählergunst erhofft ist mir dennoch schleierhaft. Westerwelle war ja bisher klug genug, sich beim Thema Kirche und Religion weitgehend zurückzuhalten, denn nicht wenige Wähler wurden ja durch auch nicht gerade “hilfreiche” Äußerungen und Entscheidungen der Merkel-CDU mangels Alternative in die Arme seiner Partei getrieben. Jetzt fragt man sich selbst als bloßer Kulturchrist wirklich, wen man überhaupt noch wählen soll.