Niemand wird als Abgeordneter geboren. Florian Bernschneider

Ein großes Loch

Wikileaks hat wieder zugeschlagen: Ein obskurer, intransparenter Haufen unter einem weißhaarigen Sonderbaren entkleidet die Supermacht USA. Ihr Botschafter in Deutschland, Phil Murphy, muss seine Koffer packen. Viele zittern vor den nächsten Enthüllungen. Allein: Wer enthüllt eigentlich, was genau hinter Wikileaks steckt?

Es ist überhaupt nichts Besonderes, dass Dossiers und Notizen angefertigt werden. Von Politikern, Wirtschaftsbossen, Medienmenschen. So machen das Diplomaten eben. Und was stand schon aufregend Neues in den Depeschen des amerikanischen Botschafters in Deutschland? Dirk Niebel eine "schräge Wahl“, Horst Seehofer "unberechenbar“. Das hätte Phil Murphy aus der Zeitung abschreiben können, das hätten Hillary Clintons Beamte beim Lesen von The European oder anderen deutschen Qualitätsmedien auch erfahren können.

Vielleicht gibt es die arme FDP-Wurst am Ende gar nicht, die sich aus vermeintlichem Geltungsdrang heraus dem Vertreter der letzten Supermacht in unserem armen und gebeutelten Land ans Bein geworfen und anheischig gemacht hat. Vielleicht ist es der Geltungsdrang des Botschafters selbst? Auf jeden Fall ist es eine Frechheit, jedes, aber auch jedes Wort, so wie es scheint, das man zu ihm spricht, diplomatisch zu verwerten. Diplomatisch – oder nachrichtendienstlich? Der SPIEGEL deutet die Depeschen in diese Richtung, ihr Wortlaut legt das nahe. Im Prinzip bleibt dem US-Botschafter nichts anderes übrig, als die Bundesrepublik zu verlassen.

Geheimnisverrat ist kein Kavaliersdelikt

Zum Glück gibt es Wikileaks, sonst wäre das nicht ans Licht gekommen! Das scheint bei manchen die Schlussfolgerung aus diesen Enthüllungen zu sein. Diese Schlussfolgerung ist falsch. Bestimmte Inhalte sind einer Öffentlichkeit zuzumuten: ausrecherchierte Geschichten, Stimme und Gegenstimme. Abwägung einzelner Umstände. So arbeiten Journalisten. Einen Berg Dokumente ins Netz stellen? Nicht auf die Konsequenzen achten? Sich selber dadurch zum Spielball anderer Interessen machen? Diese Nachfragen kümmern den Wikileaks-Chef nicht. Rund um den Globus müssen Journalisten seine Arbeit machen und die Papiere auswerten.

Geheimnisverrat ist kein Kavaliersdelikt. Schon jeder Arbeitnehmer unterschreibt in seinem Vertrag, die Interna des Unternehmens, für das er arbeiten wird, nicht nach außen zu tragen. Viel mehr gilt das in Ministerien und Armeeführungen. Die Veröffentlichungslust der einen paart sich mit der Hybris Assanges, der Weltöffentlichkeit für einen Moment klarzumachen, mit welcher Machtfülle er sich ausgestattet glaubt. Beide Motive sind widerlich. Als Nächstes, so lässt der schaurige Weißhaarige verlauten, sei die Wall Street mit Enthüllungen dran. Ruhig Blut, wir werden auch hier sicher vor allem das erfahren, was wir schon wussten. Oder glauben Sie, es kommen Unterlagen ans Licht, wonach sich Banker reihenweise mit ihren Boni in sozialen Projekten in der Dritten Welt engagiert haben?

Wikileaks ist intransparent

Was Assange will, ist die totale Transparenz. Sein Credo ist die finale Öffentlichkeit alles Gesprochenen und Gedachten, er ist ihr Hohepriester. Es gibt nun aber Dinge, die nicht für eine größere Öffentlichkeit bestimmt sind: was Sie mit Ihrem Partner besprechen beispielsweise. Oder mit Ihrem Arzt. Stellen Sie sich vor, alle Krankenakten der Einwohner Ihrer Stadt würden auf einmal ins Netz gestellt.

Wikileaks ist kein Segen, sondern ein Fluch. Für uns alle. Assange führt auf obskure Weise eine obskure Organisation. Wann gibt es dort mal ein Leck, wann packt da mal jemand aus? Botschafter Murphy ist ein geschickter Fragesteller. Nach seiner Demission aus Deutschland kann er im Wikileaks-Umfeld den Aushorcher geben. Zeit dafür hat er ja dann.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sahar el-Nadi, Christoph Bieber, Marian Adolf.

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