Aus Utopie kann Grauen werden. Leonhard Schenk

Die Christenheit oder Europa

Als Novalis seine Rede mit diesem Titel schrieb, stand die Alte Welt vor einem Epochenbruch. Der Rückgriff auf das frühmittelalterliche Christentum sollte den Kontinent ins 19. Jahrhundert führen. Aus einer idealisierten Vergangenheit eine blühende Zukunft ableiten: Das versuchen jetzt überall in Europa die Rechten. Sie missbrauchen dazu den Terminus des “christlichen Erbes”.

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Die Renaissance erblickte in der Antike ihr Urbild. Die Zeit zwischen den beiden Epochen wurde folgerichtig Mittelalter genannt. Die Reformatoren blickten auf die frühe Kirche. Die Zeit des römischen Papsttums war eine Zeit des Niedergangs. Die Romantiker blickten wiederum voller Sehnsucht auf das Mittelalter und sehen in der Reformation und der Französischen Revolution einen kulturellen Bruch. Die Nazis drehten das Rad ganz groß: zurück in die germanische Vorzeit. Die gesamte europäische Geschichte war für sie eine Verdunkelung: Die Christianisierung hat den Menschen verweichlicht. Nietzsche grüßt freundlich herüber.

Die zyklische Wiederkehr der Verklärung des Vergangenen und seine Projektion auf die Zukunft gehören zu den Topoi der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte. Zwischen den beiden idealisierten Zeitabschnitten gibt es in der Regel eine degenerierte Zeit, in der die Menschen vom rechten Weg abkommen.

Multikulturalismus als Epoche des Niedergangs

Diese Denkfigur kehrt im Moment wieder. Überall in Europa kommen rechte Parteien an die Regierung oder stützen eine. Ihnen allen gemeinsam ist die Betonung des christlichen Erbes des Kontinents. Ihr Feindbild ist der Islam. Die Zeit des Multikulturalismus ist ihre Epoche des Niedergangs.

Wie ist das mit den Projektionen in die Vergangenheit und in die Zukunft? Der Blick zurück ist einer, der Identität stiften soll. So wie die Früheren, so wollen auch wir heute leben, das ist der Anspruch. Die biblische Forschung hat in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder nach dem “historischen Jesus” gefragt. Er ist nicht auffindbar. Denn der Jesus, der den Wissenschaftlern in der biblischen Geschichte entgegentritt, ist immer schon der Christus: eine Glaubensgestalt, deren Leben von Ende her rückwärts erzählt und gedeutet wird. Dasselbe gilt für unser Mittelalterbild. Was wir heute davon allgemein zu wissen glauben, geht im Wesentlichen auf die Vorstellungen der Romantiker zurück. Wie die Menschen im Mittelalter wirklich dachten? Wir wissen es nicht.

Die Verwitterung christlicher Baudenkmäler

Das Produkt von Idealisierungen sind Mythen. Auch Mythen können Identität stiften. Eine aktuelle Idealisierung ist die des christlichen Erbes. Was genau damit gemeint ist, bleibt unklar, wenn politische Parteien das rechte Spektrum mit dieser Vokabel sondieren und konservative Parteien mit diesem Begriff Wählerschichten zu stimulieren suchen. Zu Zeiten der Glaubenskriege waren alle Bewohner des Kontinents Christen, zur Zeit der Französischen Revolution auch. Nahezu alle Bewohner Deutschlands waren Christen, als Hitler die Macht ergriff. Es waren genauso viele, als das Tausendjährige Reich unterging. Was sagt das über das Christentum – nein: über die Christenheit – aus?

Die rechten Parteien der Gegenwart können aus dem Nationalismus keinen Honig mehr saugen. Das Europa der Reisefreiheit ist zu verlockend, es ist viel zu wirklich. Mag man der EU und ihren Institutionen vereinzelt sogar feindlich gegenüberstehen: Weder die dänische noch die italienische, die französische oder niederländische Rechte möchte gegeneinander in den Krieg ziehen oder sich gegenseitig das Menschsein absprechen. Auch das hat nichts mit dem christlichen Erbe zu tun, sondern damit, dass der Nationalismus als Projekt tot ist und 60 Jahre europäische Einigung dann doch zu etwas geführt haben. Sicher: Die Mehrheit der Einwohner Europas sind Christen. Rund 580 Millionen, über 80 Prozent, so wie in den vergangenen 15 Jahrhunderten. Genauso gut kann man das Wetter zum christlichen Erbe Europas zählen, denn das ist entscheidend für die Verwitterung des Steines christlicher Baudenkmäler.

Wiederbelebung eines abgrenzenden Elements

Was wir im Moment am rechten Rand erleben, ist ein Ausdruck von Nativismus. Der Nativismus beschreibt das Streben einer Mehrheit gegenüber einer Minderheit, “ausgewählte Aspekte ihrer Kultur wieder zu beleben oder fortzuführen”. (Wikipedia) Das Christentum ist ein solcher Aspekt, die markanteste Chiffre der Unterscheidung zwischen der westlichen und der östlichen Welt. Im Begriff des christlichen Erbes verdichtet sich all das, was wir zu unserer nationalen und europäischen Identität sagen können. Es ist keine inhaltliche Aussage über uns, sondern eine Abgrenzung gegenüber anderen.

Schließlich ist auch all das, was wir über den Islam sagen, ein Mythos. So wie die Romantiker ihr Mittelalterbild erstehen ließen, so lassen wir unser Islambild aus der Geschichte wieder auferstehen. Das nutzen die Rechten. Sie spielen Mythos gegen Mythos aus. Wer gegen die Vereinnahmung des Christentums durch die Rechten jetzt als Erstes aufstehen muss, ist die Christenheit.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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