Das ist eine klassische journalistische Behauptung. Sie ist zwar richtig, aber sie ist nicht die Wahrheit. Helmut Kohl

Der Moslem in mir

Die Sarrazin-Debatte findet weitgehend ohne Muslime statt. Ein Kommentator meint, sie hätten lieber Ramadan gefeiert. Wahrscheinlicher ist, dass sie einfach keine Lust mehr hatten, sich zum hunderttausendsten Mal zu erklären. Sie haben mein vollstes Verständnis – eine Solidaritätsadresse.

Ein gut geschriebener Kommentar beschäftigte sich mit der Sarrazin-Debatte, um dabei festzustellen, dass die Diskussion ohne die Türken geführt werde. Die würden abwinken, wenn es auf Sarrazin zu sprechen käme. Und: Außerdem war ja Ramadan. Ein Blick in die Runde bei unserer Redaktionskonferenz. Stimmt. Auch bei uns arbeitet niemand muslimischen Glaubens. Wie sich also in die Situation hineinversetzen, ein türkischstämmiger Deutscher, ein Muslim in Deutschland zu sein?

Zum Glück sind Redaktionssitzungen bei The European keine einsilbige Angelegenheit. Es wird heftig debattiert, Position bezogen. Es werden argumentative Allianzen geschmiedet. Gerne auch gegen mich. Denn: Ich bin bei uns der einzige praktizierende Katholik. Ich bin der Einzige, der für Schwarz-Grün ist. Der Stempel schlägt hart auf das tintendurchtränkte Kissen und landet auf meiner Stirn: wertkonservativ! Ein Verdikt.

Psalmodie und Steinigung

Dann werde ich in die Mitte des Kreises gestellt und fixiert – ecce homo: “Religion ist rückwärtsgewandt und nicht relevant.” “Kirchenthemen interessieren unsere Leser nicht.” Oder: “Konservativ ist unsympathisch.” Das heißt nichts anderes als: Ich bin unsympathisch, meine Religion steht für etwas, was meine Kollegen ablehnen. Die Tinte ist rot; sie läuft über meine Stirn, an meiner Wange hinab. Ich denke an den Erzmärtyrer Stephanus: “Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.” Ob sie auch Steine aufnehmen?

Es ist unnötig, zu sagen, dass ich mich weder für aus der Zeit gefallen geschweige denn für unsympathisch halte. Der heilige Augustinus sagt, dass alle Menschen vom Licht der Vernunft gestreift seien. Also versuche ich es mit der Kraft der Argumente. “Die Kirche ist auch heute noch ein Kulturträger.” Mein Chef vom Dienst psalmodiert etwas von Jugend ohne Gott und Jugendweihe. Oder: “Öffentliche Trauerarbeit, ob nach der Loveparade oder dem Tsunami, wird von den christlichen Kirchen geleistet.” Ich ernte einen mitleidigen Blick von meinem leitenden Redakteur. Es ist, als schaute er auf Hiob, den Duldner.

“Schlechtes und Inhumanes”

Ich muss einsehen: Argumente helfen an dieser Stelle nicht weiter – denn hier geht es um Einstellungen, Emotionen. Das Mantra ergeht also weiter über mich: unsympathisch, unsympathisch, unsympathisch. Ich hauche den Argumentationsgeist aus. Nichts ist vollbracht. Das ist mein Moslem-Moment.

Denn: Auch Muslime können doch sagen, was sie wollen – zum Beispiel, dass sie der Gewalt abschwören oder dass sie mit dem islamistischen Terror nichts zu tun haben wollen –, und dennoch erklären wir ihnen, dass ihre Religion gewaltsam ist, dass auch sie, irgendwo tief drinnen, gewaltsam sind. Denn schon Mohammed habe ja nichts anderes gebracht als “Schlechtes und Inhumanes”, wie es in einem durch Papst Benedikt XVI. bekannt gewordenen historischen Zitat heißt. Dieses Mantra dreht sich länger als jede Redaktionssitzung, unaufhörlich, seit dem 11. September 2001. Es übertönt, wenn Muslime selbst sagen, dass viele ihrer Glaubensbrüder nicht integriert seien. Es hört nicht auf, wenn Spitzenvertreter der Muslime sagen, dass sie nichts gegen Kreuze in Klassenzimmern haben.

Rückzug und Diskursverweigerung

Ich beobachte mich: Was sind meine Möglichkeiten bei einer solch ablehnenden Front? Rückzug und Diskursverweigerung. Wenn einem selbst etwas wichtig – um nicht zu sagen heilig – ist, die Umwelt das aber partout profanieren möchte, werden die Pforten geschlossen. Der Rückzug ins Innere. Wenn man sich nicht richtig wiedergegeben oder verstanden weiß, bleibt nur die Tabuisierung. “Darüber rede ich nicht”. Die Konsequenz aus beidem: Radikalisierung. Dadurch wird man das, was man eigentlich nicht war oder nie werden wollte. Er verteidigt die Kirche, wo man doch lieber fein ziseliert über sie debattieren möchte. Sie wird zur frommen Muslima, obwohl sie nie wie eine Schleiereule rumlaufen wollte.

Heute haben wir die nächste Sitzung. Der Ramadan ist vorbei: der Kairos für einen neuen Moment.

Leserbriefe

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    lukasz – 08.09.2010 - 12:34

    cooler artikel – alex, wirst du dann jetzt radikal? ;)

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    Nobody – 08.09.2010 - 14:42

    Also Goerlach,
    habe ich das richtig verstanden: Wenn man Sie nur lange und laut genug als Unsympath beschimpft, ziehen Sie sich zurueck und halten endlich die Klappe? Das sind ja gute Aussichten! Na dann, frisch ans Werk…

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    Alexander Görlach – 08.09.2010 - 14:53

    Sehr geehrte/r Herr/ Frau Nobody,

    Sie haben natürlich den Text nicht verstanden. Macht nichts. Und: Es kommt immer darauf an, wer etwas sagt. Notorische Querulanten ohne Freunde so wie Sie können mir nichts anhaben.

    Seien Sie dennoch herzlich gegrüßt – Sie haben ja keine andere Freude, als die hier zu stänkern

    Ihr

    Alexander Görlach

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    Nobody – 08.09.2010 - 15:33

    Na, jetzt seien Sie mal nicht gleich beleidigt, Goerlach. Sie muessen doch wohl zugeben, dass das eine Steilvorlage war!

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    S.H. – 08.09.2010 - 15:43

    Der Artikel hat das Empfinden vieler Muslime – denke ich – auf den Kopf getroffen. Das ewige Debattieren auf einem leider selten hohen Niveau ist sehr anstrengend geworden, das schwarze Schaf, das von der Mediengesellschaft geschaffen wurde kann sich nur schwerlich in ein beliebtes, unschuldiges weißes Schaf verwandeln, wenn es nicht soll. Andererseits sind manche ja auch gerne und mit voller Überzeugung die schwarzen Schafe. Also der Artikel hat mir seelisch gut gemundet ;)

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    Helena – 08.09.2010 - 18:40

    Also Nobody. Wie Lukasz schon festgestellt hat und wie dem Text zu entnehmen ist, würde “Goerlach” in letzter Konsequenz des Gedankenspiels radikal. Wenn Sie ihn also nur lange und laut genug als Unsympathen beschimpfen, dann zieht er sich zwar zunächst zurück und hält die Klappe, schwingt sich jedoch alsbald auf ein Fluggerät der Gebrüder Erbsenstein und wirft eine dicke Stinkbombe in ihr Schlafzimmerfenster. Meinen Segen hat er. Amen.

    Zum Artikel bzw. zum Thema:
    Bei dem oben Beschriebenen handelt es sich um einen winzigen Ausschnitt, einen von vielen Standpunkten, eine von unzähligen Sichtweisen und Meinungen in der noch nicht einmal klar abgegrenzten Debatte.
    Ich finde, Herr Görlach leistet hiermit durchaus einen konstruktiven Beitrag zur Horizonterweiterung. Mag ich.

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