Worte kann man löschen, aber die Fakten bleiben bestehen. Ai Weiwei

Excel kann man nicht essen

Der Geist hängt am Tropf der Industrie – es wird nicht mehr lange dauern und das System der Zahl wird über das System des Buchstaben triumphieren. Für den Menschen wird das gravierende Folgen haben.

Oh ja, wir sind ja so gut. Um nicht zu sagen: Wir sind so großartig! Der Journalismus erfüllt eine bedeutende Aufgabe für unser Gemeinwesen. Unsere Zeitungs- und Magazinmarken gehören seit Jahrzehnten in jeden Haushalt in Deutschland. Oh, was sind wir gut!

Ja, wir sind so gut! Unsere Universitäten gehören zu den besten in der gesamten belebten Welt. Über Jahrhunderte war das Deutsche unabdingbare Voraussetzung, um in geistige Dimensionen besonderer Art vorzudringen und in Philosophie, Theologie, Literatur und „you name it“ mitreden zu können. Ja, wir sind gut.

Am Tropf der Unternehmen

Falsch! Wir waren gut. Alle Industrien, die im weitesten Sinne mit Geisteswissenschaften im Zusammenhang stehen, schweben bereits mit einem Fuß frei über dem Abgrund. Die Zeitungen und Zeitschriften, die Universitäten, die Theater, selbst Städte und Gemeinden brauchen für ihr kulturelles Engagement jeder Art die finanzielle Zuwendung der großen Corporates, der großen, weltweit agierenden Unternehmen. Werbegeld, Sponsoring. Daran ist nichts Verwerfliches. Aber der erfreuliche Umstand, dass wir mit unseren Produkten (noch) in der Lage sind, Werbeeinnahmen zu erzielen, darf nicht über eine grundlegende Erkenntnis hinwegtäuschen: Das, was wir über unsere Konsumenten erwirtschaften, reicht bei Weitem nicht aus, um die Grundanforderung an jede Form des Wirtschaftens zu erfüllen: aus sich selbst heraus zu wachsen. Wir, die journalistischen Produkte ebenso wie die Wissenschaft oder der Kulturbetrieb, generieren aus unseren Produkten heraus nicht solche Gewinne, die es uns ermöglichen, unsere Unternehmen größer zu machen. Das heißt, wir haben eigentlich keinen Business-Case, keine Grundlage für Wirtschaften.

Kultur war, so werden Sie einwenden, schon immer ein Zuschussgeschäft. Universitäten sind öffentlich, Bildung eine staatliche Aufgabe. Ok, die Zeitungen und Magazine, das ist Privatwirtschaft. Gestatten Sie ein klärendes Wort: Die Universität, das Theater und das Verlagshaus gehören deshalb zusammen, weil sie zusammen ein oikos bilden, ein habitat. Es ist eine Welt: Die Geisteswissenschaften bringen die hervor, die in Medien, Kultur, Wissenschaft Lösungen erarbeiten, neue Denkmodelle anbieten, Analysen herstellen, die Anwendungen auf unsere Gesellschaften, auf unser politisches System und auf die Wirtschaft ermöglichen. Die einzelnen Gewerke dieses Ökosystems greifen ineinander. Alle gemeinsam haben dasselbe Problem: das der Unterfinanzierung.

Das trifft nicht nur für Medien-Marken wie The European oder die „FAZ“ zu; auch große, weltweit bekannte Marken und Kultureinrichtungen wie das Guggenheim brauchen dieses Geld. Deswegen gibt es jetzt in Berlin das BMW Guggenheim Lab. Wenn sie an der Uni sind und ein Professor über den anderen spricht, dann raunt er über einige seiner Kollegen, mit ebenso viel Adoration und innerer Inklination wie ein Priester die Wandlung spricht, das Wort „Drittmittelmaschine“. Eine „Drittmittelmaschine“ ist ein universitärer Lehrkörper, der in der Lage ist, aus Unternehmen Kohle für seinen Lehrstuhl zu generieren.

Was wären wir ohne Sponsoring?

Lassen Sie uns gemeinsam mit der Drittmittelmaschine hinüberschauen in ein anderes oikos, ein anderes habitat, in das der Industrie. Was wären wir hier ohne das Sponsoring von dort drüben, von der Automobilindustrie oder großen Technologieherstellern beispielsweise. Der Umbau in eine Dienstleistungsgesellschaft klingt angesichts dieser Sachlage wie ein Hohn: Geld erwirtschaften nach wie vor die, die Autos und Waschmaschinen herstellen. Sie haben die Kraft, anders als wir, zu vermitteln, worin der Wert dessen besteht, was sie anbieten. Sie erwirtschaften aus eigener Kraft das Mehr, das benötigt wird, um eine Industrie aus sich heraus zu erhalten. Sie haben einen Business-Case.

So und so viel Arbeit steckt in einem Fön! Wie viel Arbeit steckt in einem Artikel? Die Kosten für einen Fön kann man leicht aufgliedern, die von dreizehn Schuljahren, einem Studium, mehreren Auslandsaufenthalten und einer Promotion hingegen nicht. Deshalb sehen die Erwerbsbiografien in beiden Industrien auch so verschieden aus. Gehen Sie nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre mit 25 Jahren zu einer Beratung, starten Sie zwischen 60.000 und 80.000 Euro. Beginnen Sie im selben Alter in einer Redaktion, sind es vielleicht 35.000. In der Beratung steigt Ihr Gehalt kontinuierlich, in der anderen Industrie geht das so:

Sie fangen Ihren mäßig bezahlten Job an, aber, hey, sagt Ihre neue Chefin, Sie haben die Möglichkeit, auch mal woanders gegen Honorar zu veröffentlichen oder einen Vortrag zu halten. Perfekt. Dann also ein Vortrag. Dort heißt es dann: Ja, so mit Honorar ist schlecht, aber die Referenz sieht doch gut aus im Lebenslauf. Nach etlichen Vorträgen und Moderationen, die alle im Lebenslauf landen, dann der Lehrauftrag an der Uni. Da sagt der Dekan: Wir haben nicht viel Budget, aber, hey, der Lehrauftrag macht sich super in Ihrem Lebenslauf. Wenn Sie mal, zum Beispiel, Vorträge halten wollen, oder ein Buch schreiben. Ja, ein Buch schreiben, genau. Goldgräberstimmung. Der Verlag sagt. Oh, ja, super, aber ein üppiges Honorar können wir nicht zahlen. Aber so eine Buchveröffentlichung macht sich topp (!!) im Lebenslauf. Und da sehen Sie, wie in unserer Industrie alles zusammenhängt, egal, ob wir von öffentlichen Einrichtungen wie der Universität oder von privatwirtschaftlichen wie den Verlagshäusern sprechen. Der BWLer macht seine ersten 100k im Jahr, während der Geisteswissenschaftler, wenn er Glück hat, so um die 45.000 Euro herum verdient.

Es tobt ein Kampf der Systeme

Die Folge ist ein Exodus aus dem einen Haus ins andere. Und die Zeit wird kommen und sie ist schon da, in der wir nicht mehr die besten einer Generation für unsere Redaktionen, Universitäten und (sic!) Parlamente bekommen werden. Dann gibt es keine Wechsel mehr vom einen in das andere Haus; es wird schlichtweg „unser Haus“ nicht mehr geben. Die endzeitliche Konotation dieser Äußerung ist absolut sachdienlich: Denn es tobt ein kosmisch-endzeitlicher Streit zwischen dem System des Buchstabens und dem System der Zahl.

Wir haben in der neuzeitlichen abendländischen Moderne eine Bewegung weg von der Erkenntnisfähigkeit, die man dem Wort zugemessen hat, hin zu dem, was die Wissenschaft in Zahlen beschreiben und aussagen kann. Mit der religionskritischen Position gegenüber dem Dogma hat sich die Behauptung Raum und Anschlussfähigkeit erworben, dass das, was die Zahlen ausdrücken können, wahrer sei als das, wozu das Wort in der Lage ist.

Am Anfang war das Wort

Das ist natürlich Unfug! Auch das Wort ist wahrheitsfähig. Wer sagt, dass Zahlen alleine in der Lage seien, Wahrheit auszudrücken, weil sie unabhängig von kulturellen Einflüssen überall gälten, der verkennt, dass das Wort gerade wegen seiner Verankerung in den Zeitläuften einer Kultur und Zivilisation Antworten auf Fragen zu geben und Umstände zu benennen in der Lage ist, die eben nur mithilfe der Methode der Sprache möglich sind. Am Anfang war das Wort. Die Sprache ist näher am Menschen als die Mathematik.

Am Beginn dieser neuzeitlichen Entwicklung haben sich Atheismus und Rationalität miteinander vermählt. Deswegen haben wir alle auch noch nie etwas von einer atheistischen Spiritualität gehört. Verschiedene Aspekte der menschlichen Wirklichkeit, wie zum Beispiel seine Befähigung zum Spirituellen und seine zeitweise Hingabe an das Irrationale, wurden für die neuzeitliche Naturwissenschaft marginal und unbedeutend. Der Mensch in seinem Da- und seinem Sosein spielt bei Thomas von Aquin noch eine Rolle, in unserer Zeit hingegen wird er von den Excel-Schiebern in die Zahlen gepresst und ist als Nummer aller Individualität entkleidet. Es wundert mich nicht, dass Ethik sowohl bei Programmierern als auch bei Beratern und Medizinern heute durch die Bank ein Achselzucken hervorruft: Hier ist Sprechfähigkeit verloren gegangen!

„Nutrimentum Spiritus“ steht über dem Eingang der Humboldt-Universität am Bebel-Platz in Berlin-Mitte. Nahrung für den Geist. Und wenige Kilometer weiter spricht der „Tagesspiegel“ mit „Rerum cognoscere causas“, den Grund der Dinge verstehen, seine Leser an. Erst wenn der letzte Geisteswissenschaftler gefällt ist, werdet ihr erkennen, dass man Excel-Tabellen nicht essen kann.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Görlach: Europäische Staatsbürgerschaft jetzt!

Leserbriefe

Aus der Kolumne

Alexanderplatz

Europäische Staatsbürgerschaft jetzt!

Big_05b154b0e9 8

Eine europäische Staatsbürgerschaft ist super. Nicht weil Deutschsein so scheiße wäre, sondern weil Europäersein so geil ist.

Small_69f9a5dd40
von Alexander Görlach
08.05.2013

Gefährliche Abwärtsspirale

Big_6a9543ec96 4

Wenn man als Medienschaffender Medien kritisiert, kritisiert man das System, von und indem man lebt. Trotzdem.

Small_69f9a5dd40
von Alexander Görlach
02.05.2013

Vollendung

Big_706b45d16c 1

Wenn die Wissenschaft in neue Räume vor stößt, wirft das Fragen auf. Fragen, die bis zur Existenz und darüber hinaus gehen.

Small_69f9a5dd40
von Alexander Görlach
21.03.2013

Mehr zum Thema: Innovation, Bwl, Humboldt-universitaet

meistgelesen / meistkommentiert