Zweifellos hat es perfekte Morde gegeben, sonst wüsste man ja etwas von ihnen. Alfred Hitchcock

Die Fälscher

Das Alte Testament ist streckenweise von Geschichtsglättung durchzogen. Jetzt, wo wir endgültig wissen, dass die Bibel unrecht hat, kommt uns die Koran-Verteilung gerade recht. Wird sich Deutschland religiös umorientieren?

Es klingt wie eine Geschichte für archäologische Feinschmecker, die der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe über „Gottes vergessene Kinder“ aufgeschrieben hat. Die Samariter, die wir aus der Bibel kennen, sind die eigentlichen Durchstarter des Alten Testaments. Die Herrschaft des König David und der Tempel des Salomon sind fromme Erfindungen einer Jerusalemer Priesterkaste, die neidisch auf Tempelanlage und Einfluss jener Gruppe schauten, die den Berg Garizim als Ort ihres Heiligtums gewählt haben und nicht den Berg Zion. Es gab Zoff im Heiligen Land, schon immer. Die Auswertungen der Ausgrabungen sagen deutlich, dass im Alten Testament rumgeschrieben und rumredigiert wurde, wie es der Tempelaristokratie in Jerusalem gerade gepasst hat. Die Heilige Schrift der Juden und das Alte Testament der Christen unterliegen also streckenweise Fälschungen und Geschichtsglättungen.

Das wussten die Muslime schon immer. Der Koran weist darauf hin, dass die Juden aus Boshaftigkeit ihre Heilige Schrift verändert hätten. Die Juden sind daher, wie Sure 1 des Koran sagt, die, die Allahs „Zorn verfallen sind“. Auch die Christen haben nach islamischer Vorstellung ihr Neues Testament verfälscht, allerdings aus Unwissenheit im Prozess der Übersetzung. Deswegen sind sie in Sure 1 diejenigen, die „in die Irre gehen“. Das Verdikt des Koran ist daher gegenüber den Christen etwas milder als gegenüber den Juden und als „Buchvolk“ werden sowohl Juden als auch Christen anerkannt und von den krass verhassten Polytheisten und Atheisten unterschieden.

Lies halt und stress nicht

Der Koran also als Schriftstück, das ist das Substrat der Aussage, unterliegt keinen redaktionellen Prozessen, ist keine gewachsene Schrift, die aus vielen einzelnen Schriften besteht wie das Buch der Bücher. Und in der Tat weisen wissenschaftliche Erkenntnisse darauf hin, dass der Koran aus einer Feder stammt. Allerdings sieht dieselbe Wissenschaft auch Redaktoren am Werk und die heute gültige Fassung des Koran wurde dadurch kanonisch, dass alle anderen zur damaligen Zeit sich im Umlauf befindlichen von Kalif Uthman (574-656) zerstört wurden.

In Deutschland tobt derzeit ein Streit um Heilige Bücher: Der Koran soll in deutschen Fußgängerzonen verteilt werden. Die Gruppierung, die die Aktion durchführt, ist umstritten, wer hinter der Finanzierung steckt, ist unklar. Die Wogen schlagen hoch: Wollen Fundamentalisten das Land unterwandern? Stehen Massenkonversionen zum Islam bevor? „Lies“ heißt die Aktion, die auf ein Wort des Koran verweist. Die einfache Weltsicht der Initiatoren besagt, dass derjenige, der den wahren Islam kennt, nach allen Gesetzen der Logik sich auch zu ihm bekehren werde. Die Initiatoren werden an der Wirklichkeit irre werden. Denn nichts wird passieren. Gegen das Verteilen von Koranen spricht nichts; in einer pluralen und säkularen Gesellschaft dürfen Religionen um ihre Positionen werben.

Sandalen und Bettruhe

Die Berichterstattung des „Spiegel“ kennen die Salafisten wahrscheinlich nicht, obwohl die Erkenntnisse, die dort reportiert werden, Wasser auf ihre Mühlen sind. Seht die Schriftverfälscher! Wir haben das wahre, das unverfälschte Buch! Dem Judenhass, wie er vom Verfassungsschutz in islamistischen Milieus gemessen wird, wird das noch einmal Vorschub leisten. Wie wichtig sind denn nun eigentlich die heiligen Texte? Als Gründungsdokumente einer Religion sind sie ein Ausgangspunkt, der von Generation zu Generation interpretiert und neu gelebt wird. Die katholische Religion spricht in diesem Zusammenhang von Tradition und weist ihr einen gleichberechtigten Platz neben der Schrift zu. Eine Religion in Reinform gibt es nicht: Weder kennen wir den historischen Jesus noch den historischen Mohammed. Sie sind als Gründer großer religiöser Traditionen dem unbefangenen, journalistischen oder wissenschaftlichen Zugang verschlossen. Das, was Christen über Jesus aufgeschrieben haben, haben sie lange nach dem notiert, was die „Oster-Erfahrung“ heißt. Die Lebensgeschichte des Propheten Mohammed, die für Muslime von unüberbietbarer Wichtigkeit ist, ist nach seinem Tod verfasst und im glaubenden Vertrauen auf den Fortgang einer glorreichen islamischen Geschichte.

Wir wissen über unsere Religionsstifter wenig Authentisches im modernen Sinne. Die Salafisten deuten ihre Welt vormodern. Ein Christ trägt keine Sandalen, weil Jesus welche getragen haben soll. Ein Salafist hingegen schläft auf der Seite, von der er glaubt, dass auch der Prophet Mohammed so gebettet geruht hat. Zwischen „haben soll“ und „hat“ gibt es einen Unterschied. Offenbar auch in den heiligen Texten selber.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Görlach: Menschen, die auf Hitler starren

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