Wir leben nicht mehr in der Wolfsgesellschaft. Christian Lindner

Krass der Grass

Will Günter Grass wirklich in die Walhalla der deutschen Gelehrten eingehen, indem er in einem Atemzug mit dem Kopftuch-Autor Thilo Sarrazin genannt wird? Hier wird die Geschichte ein gnadenloses Urteil fällen.

Es gibt einen Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus. Antisemitismus als Behauptung, dass der Jude an sich so und so sei aufgrund einer genetischen oder rassischen Disposition, kann keinen Boden gutmachen. Thilo Sarrazin hat es versucht, eine Behauptung über die Intelligenz mit einem Volksstamm und einer Religion in Verbindung zu bringen. Spätestens bei diesem Offenlegen seiner Gedankenwelt war es nicht mehr nötig, sich mit diesem Autor weiter zu beschäftigen.

Man darf in Deutschland alles sagen

Sarrazins „Man wird doch noch sagen dürfen“ gleicht der Überschrift des Poems „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass. Beide Autoren behaupten, dass es ein Tabu gäbe, dass man bestimmte Dinge, über Türken und Juden vornehmlich, nicht sagen dürfe. Das ist nicht korrekt. Sie dürfen in Deutschland alles sagen. Nur wenn es großer Unsinn ist, dann werden sie halt ausgelacht. Und wenn es falsch ist, werden sie unter Umständen vor Gericht dafür belangt.

Ein Vorurteil, das man im Stillen pflegt, sollte man auch allerhöchstens dort pflegen, denn meistens hat es in der Wirklichkeit keine Entsprechung. Das ist auch der Unterschied zum Klischee, das, meist mit einer süffisanten Note, beispielsweise feststellt, dass Katholiken frömmeln und Protestanten spaßbefreit seien. Ein Klischee stellt keine Seinsbehauptung auf. Ein Klischee sagt nie: „Der Protestant an sich“. Ein Vorurteil hingegen beinhaltet immer ein absolutes Werturteil. Also: Wenn man bestimmte Vorurteile in Deutschland besser nicht verbalisiert, dann einfach, weil sie saudumm und falsch sind: Hartzer sind nicht alle asozial, Türken sind nicht alle zwangsverheiratet, Juden haben nicht alle eine große Nase. Der Antisemitismus als Vorurteil ist durch; wer ihm anhängt, zeugt von einer maximalen Schlichtheit. Will Günter Grass wirklich in die Walhalla der deutschen Gelehrten eingehen, indem er in einem Atemzug mit dem Kopftuch-Autor Thilo Sarrazin genannt wird? Hier wird die Geschichte ein gnadenloses Urteil fällen.

Nun zum Antizionismus. Die heutige Kritik an Israel speist sich zu einem bestimmten Teil aus den Überlieferungen dieser Denkfigur. Die Bildung eines jüdischen Gemeinwesens auf dem Territorium des biblischen Heiligen Landes wurde seit der Prägung des Begriffs immer wieder kritisiert und geschmäht. In die Kritik an der Realpolitik der Regierung Netanjahu mischen sich nahezu unweigerlich die Topoi jener Diskurse. Der Antizionismus ist längst nicht aus der Mode. Das Gefährliche an ihm ist, dass er aus einer Zeit kommt, in der ein Israel Utopie war. Heute ist es Wirklichkeit. Das Schöpfen – und sei es nur unwillkürlich – aus dem sprachlichen Arsenal jener Bewegung trägt immer den Klang in sich, dass dieser Staat der Juden verschwinden möge.

Ursache und Wirkung wird verworfen

Niemand wünscht sich das mehr als Mahmud Ahmadinedschad. Häufig von ihm zu Protokoll gegeben, vereint er in sich die „Qualitäten“ des besten Antizionisten und Antisemiten. Nun hat der Begriff „semitisch“ sicher im Orient einen anderen Klang und eine andere Bedeutung als im Abendland. Gleichzeitig fühlt sich der Fast-Atomherrscher in seiner Haltung bestätigt, wenn er übersetzt zu lesen bekommt, was bei uns so publiziert wird. Den Juden einen eigenen Staat? Bitte schön, gerne! Warum denn nicht in Europa oder in Deutschland? Wir können ja ein bisschen zusammenrücken. Das ist die gemäßigtste Aussage, die man von ihm in dieser Sache bekommen kann.

Aber zurück zu dem, was gesagt werden muss. Josef Joffe hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der U-Boot-Deal, ob wessen Günter Grass sein Schweigen bricht, nichts Neues ist. Geschwiegen habe Grass bislang, weil seine „Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist“, ihm das verboten habe. In welcher Weise eher seine spät erinnerte SS-Mitgliedschaft der eigentliche Makel ist, kann an dieser Stelle offenbleiben. Der Iran ist der Aggressor in der Region, die Führung unter Ahmadinedschad fordert die Weltgemeinschaft mit ihrem Atomprogramm heraus. Nicht Israel, das sich als potenziell erstes Opfer der atomaren Bewaffnung sieht. Das ist das zutiefst Unredliche an dem Gedicht von Grass, dass er diesen Zusammenhang von Ursache und Wirkung bewusst verwirft.

Wer das Gedicht bis zum Ende liest …

Wer das Gedicht bis zum Ende liest, also wer so weit gekommen ist und nicht etwa ob der Genialität des Versmaßes und der Tiefe der Sprache verzückt entschwebt, wird feststellen müssen, dass es um die Sache, den möglichen Krieg zwischen dem Iran und Israel, gar nicht geht. Grass schließt im prophetischen Duktus: „… es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.“

Wenn es so ist, dass alles nukleare Streben, das zu kriegerischer Auseinandersetzung führen soll oder kann, überwacht wird, dann würde es am Ende auch überflüssig, weil es praktisch nicht mehr zu einem Einsatz kommen könnte. Diese Überlegung Grass’ zielt auf eine Welt ganz ohne Atomwaffen. Und natürlich: Am liebsten ist uns allen eine solche Welt! Das muss das Ziel der Politik sein: Pakistan braucht keine Bombe, Indien braucht keine, die Russen auch nicht, die Amerikaner nicht und auch Israel und Iran brauchen sie nicht! Wenn das so gemeint war, dann hätte Herr Grass ein anderes Gedicht schreiben müssen. Das drucken dann aber nicht drei weltweit bekannte und renommierte Zeitungen ab (es soll auch Zeitungen gegeben haben, die die Hoch-Lyrik nicht bei sich im Blatt haben wollten). Auch Thilo Sarrazin brauchte den gut platzierten Vorabdruck.

Mit „letzter Tinte“ konkludiert Grass: „Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.“ Dabei schweifen seine Augen in den Äther, in die ferne Zukunft unseres Planeten, deren Bewohnern der weise Dichter einen letzten Reim zur Mahnung kredenzt.

Er hätte schweigen sollen

Das passt zur Karwoche, in deren besinnliche Grundstimmung der Autor mit seinem Nonsens platzt. In den Großen Fürbitten der Karfreitagsliturgie heißt es: „Er reinige die Welt von allem Irrtum, nehme die Krankheiten hinweg, vertreibe den Hunger, löse ungerechte Fesseln, gebe den Heimatlosen Sicherheit, den Pilgernden und Reisenden eine glückliche Heimkehr, den Kranken die Gesundheit und den Sterbenden das ewige Leben.“ Gemeint ist nicht Grass, sondern Gott. Gottes Schweigen angesichts des Unrechts in der Welt wird, so meint es die christliche Tradition, durch den Tod seines Sohnes zu einer kreischenden Anklage der Kreatur gegenüber ihrem Schöpfer verdichtet. Wenn Grass schweigt, wiegen sich die Wipfel der Bäume – und nichts fehlt der Welt. Schöner gedichtet ist die Fürbitte auch.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Görlach: Menschen, die auf Hitler starren

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