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Das sind keine Nazis, aber...

In der Debatte um die neue Rechte, wird der Satz “Ich bin kein Nazi, aber” immer wieder zu Analyse-Zwecken ins Feld geführt. Das bringt nichts, denn die allermeisten Flüchtlings- und Muslimhasser der Gegenwart sind in der Tat keine Nazis.

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Ein Nazi sein ist so zwanzigstes Jahrhundert. Runenschrift, Rassenideologie, Millionen Tote, der Führer. Mir scheint, dass viele derer, die heute rechte Einstellungen haben, mit dem Dritten Reich und seiner Ideologie, die zur Vernichtung der Juden, dem tausendfachen Mord an Sinti und Roma, Homosexuellen, politischen Gegnern geführt hat, erst einmal nichts anfangen können. Sie sind heute rechts und nicht in den ersten Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Der rechte AfDler, der rechte Christ, der rechte besorgte Bürger ist in den meisten Fällen kein Nazi in diesem, kurz skizzierten, historischen Sinne. Er ist ein Modernisierungsgegner, ein Globalisierungsgegner, ein Bewahrer des Status Quo. Er will keinen Lebensraum im Osten, er will innerhalb seiner Grenzen in Ruhe gelassen werden. Er trifft primär keine Urteile über Menschen aufgrund ihrer Religion oder Hautfarbe, sondern in dem Maße wie sie ihm als Fremde auf die Pelle rücken und ihm etwas wegnehmen. Der Rassist heute ist aus seiner Sicht ein Verteilungskämpfer: er, der Deutsche, hat sich etwas durch das Deutschsein verdient, der andere, der in sein Land kommt, nicht.

Keine Nazi-Ideologie aus der Feder Hitlers

Ein Muslim darf zudem wegen ihm oder ihr gerne in einem muslimischen Land Muslim bleiben, das gesteht der neue Rechte ihm zu. Nur eben nicht in seinem Lebensumfeld. Da ist alles Fremde verpönt und wird bekämpft. Um es gleich zu sagen: diese Form des Rechtssein ist gewaltbereit, führt Gewalt aus und es ist nahezu ein Wunder, dass noch kein Flüchtling und Asylbewerber vom entfesselten Mob getötet wurde. Allein: die Ideologie, die dahinter steckt, ist keine Nazi-Ideologie aus der Feder Adolf Hitlers. Wer sich auf diese Spur begibt, versteht die Motive der selbsternannten Montagsspaziergänger nicht. Mit einem Blick in “Mein Kampf” werden die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime heute nicht erklärt.

Beunruhigend ist, dass das Ressentiment gegen das Neue mittlerweile auch in den bürgerlichen Kreisen, bei der intellektuellen Elite, verfängt. In den Villen und Stadtpalais hört man näselnd und pseudo-wissenschaftlich vorgetragen immer wieder, dass die massenhafte Einwanderung nicht ginge, dass die Muslime aus dem Morgenland nicht zu unserer Kultur passten, dass es zu lange dauere, bis sie uns aufgrund mangelnder Sprachbegabung und fehlender Ausbildung als Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. Für dieses Unbehagen der Satten und Reichen an der Veränderung geben sich auch Journalisten und Medienerzeugnisse als Sprachrohr her. Unsere Industrie ist eben auch von einem großen Wandel heimgesucht worden. Die Umsätze kommen nicht mehr so wie in den goldenen Jahren, ebenso ist der Leser kein stummes Vieh mehr, sondern einer, der sich artikuliert und Forderungen stellt.

Dass diejenigen, die in Deutschland am unteren Ende der Nahrungskette um ihre Existenz bangen, und dieses Bangen sich mit Angst mischt, das sich dann in Hass ausdrückt und in Schreierei entlädt, ist zwar ebenso dumm wie töricht, aber in einem gewissen Sinne nachvollziehbar, verständlich. Gerade dann sind die Eliten gefragt, die selbst ernannten schlauen Führer, die zudem auch häufig reich oder zumindest vermögend sind, und die, wenn man diese Rechnung schon aufmachen möchte, mehr dafür verantwortlich sind, wie es am unteren Ende unserer Gesellschaft zugeht, als der Kriegsflüchtling aus Syrien, der Flüchtling aus Afghanistan, dem Irak oder Eritrea.

Flüchtlinge nehmen unserer Kultur nichts weg

Das kulturelle Argument wird, bei allen Fragen, die zurecht mit der Zuwanderung gestellt werden, nur vorangeführt. Die Kanzlerin sagt zu recht: Zuwanderer nehmen uns doch kulturell nichts weg, sie bereichern uns, sie stellen eine Anfrage an uns, auf die sie ja in der Regel auch eine Antwort wollen, den Dialog suchen und verstehen möchten, wer die Menschen sind, die sie in ihrer äußersten Not aufgenommen haben. Viele von ihnen werden eine Faszination für unsere freiheitliche Art zu leben entwickeln, manche auch in Zukunft ihren spirituellen Weg über die Religion des Christentums gehen.

Was uns aber als Menschen im Morgen- und im Abendland, eigentlich auf der ganzen Welt, niemals abhanden kommen sollte, ist unsere Fähigkeit zur Empathie, die es uns erlaubt, den anderen Menschen als Mensch zu sehen. Mit welcher Kälte auch in den bürgerlichen, auch in manchen christlichen Kreisen, der Fremde, der hier Schutz, Aufnahme und, ja auch das, ein besseres Leben für sich und seine Familie sucht, begegnet wird, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Was für ein Christentum soll das bitte sein? Was für ein Humanismus auf den sich unsere Kultur beruft?

Was alle die Bürgerlichen, die nun mit dem Feuer ihrer Besserwisserei in den gut beheizten Villen und Stadtpalais räsonieren, gerne ausblenden, ist, dass sie die Axt anlegen an die Formen der Freiheit, die sie lebst ihr Leben lang genossen haben. Denn der Umschwung, den sie herbei schwadronieren, wird zuerst die Freiheit des Denkens, der Presse, der Kunst, des Glaubens einschränken und beseitigen. Erst müssen die Gegner in einer Gesellschaft still gelegt werden, bevor der Umsturz gelingen kann. Die ersten Erfolge feiern die Demagogen ja schon: die Presse wird diskreditiert, unsere politische Ordnung wird diskreditiert.

Eine Ideologie der Verachtung der Wirklichkeit

Die Ideologie, die dahinter steckt, ist eine Ideologie der Verachtung: eine Verachtung der Veränderung, des Anderen, der Globalisierung, der Gegenwart, im Prinzip: der Wirklichkeit. Dafür wird an der Wirklichkeit geschraubt und sie wird verdreht, bis es passt, da wird Fremdenfeindlichkeit auf einmal christlich und der Arbeitsmarkt zu einer Glaubensveranstaltung. Wie sehr erinnert das an das Wort von Friedrich Schleiermacher: “Soll so der Knoten der Geschichte auseinandergehen? Das Christentum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben?” Soll er nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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