Nirgends wird so viel gelogen und betrogen wie im Krieg und vor einem Krieg. Hans-Peter Kaul

Die Wir-Währung

Das Problem sind nicht die Ratingagenturen, sondern deren Berechnungsgrundlage. Entgegen jeder Vernunft behaupten die Ökonomen noch immer, Wachstum würde Schulden tilgen. Alternative Ansätze müssen jetzt von unten durchgesetzt werden.

Die Kritik am bisherigen Länderrating von Fitch, Moody’s und Standard & Poor’s, dessen Ergebnisse die sogenannten Investment Grade Bonds sind, beschränkt sich auf die Punkte Unabhängigkeit (Emittent bezahlt das Rating), Unilateralismus (alle Agenturen sind amerikanisch) und fehlende Kontrolle. Was bisher aber nicht hinterfragt wird, ist die Datengrundlage des Ratings. Was, wenn – nicht nur in Griechenland – auch die zur Bewertung verwendeten Daten über Wachstum und das BIP manipuliert sind? Und sind diese überhaupt geeignet, die Fähigkeit eines Landes zur Schuldentilgung zu beurteilen? Immerhin sind Schulden eine Fixgröße, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eine Fließgröße. In keiner Unternehmensbilanz ist es gestattet, Schulden gegen Umsätze zu rechnen.

Was Politiker aller Parteien am meisten bemängeln, ist seit der Finanzkrise der Vertrauensverlust in die Ratingmethoden. Vertrauen aber ist eine der wichtigsten Grundlagen des sogenannten Sozialkapitals. Als Sozialkapital können die nichtmateriellen Dinge bezeichnet werden, die eine Gemeinschaft verbinden. Neben Vertrauen sind das Geschenke, Hilfsbereitschaft, Solidarität und Gastfreundschaft. Von diesen Tugenden hängt es ab, ob ein Staat seine Schulden tilgen kann, nicht von fiktiven Wachstumsraten auf dem Papier. Für Jerry Brown, Gouverneur des pleitegefährdeten US-Bundesstaates Kalifornien, hängt die Zukunft des Staates von der „Bereitschaft der Menschen ab, den Schuldenberg abzutragen und nicht über ihre Verhältnisse zu leben“. Eine kluge Erkenntnis.

Barometer des sozialen Zusammenhaltes

Warum eigentlich im Zeitalter der demokratischen Revolutionen das Rating von Staaten weiter der Hofastrologie von Beamten überlassen? Das Basel Institute of Commons and Economics hat in Nepal, Brasilien, der Schweiz und in Deutschland erstmals Bürgerbefragungen durchgeführt, um das Sozialkapital zu messen und zu bewerten. Dabei wird nach Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Geschenkkultur gefragt und auf einer Skala von eins bis zehn bewertet. Das Ergebnis ist ein Sozialkapitalindex, der ähnlich wie der Konsum- und Geschäftsklimaindex ein Barometer des sozialen Zusammenhaltes darstellt. Je größer nämlich das Sozialkapital, desto größer die Chance, dass die Bürger – wie einst die Deutschen im Lastenausgleichsgesetz von 1952 – gemeinsam ihren Schuldenberg abtragen.

Von Finanzkapital zu Sozialkapital

Der Paradigmenwechsel vom manipulierbaren Finanzkapital zum komplexen Sozialkapital wird eine ganze Reihe von neuen Bewertungsansätzen hervorbringen. Eine zentrale, europäische Ratingagentur dagegen wird von den bisherigen Wirtschaftsberatern der Regierungen und der EZB gestaltet werden – also von jenen, die mit ihrer Wachstumsideologie die Regierungen bis heute in die Verschuldung beraten haben, weil sie noch immer gegen jede Wirklichkeit behaupten, Wachstum tilge Staatsschulden.

Es wäre sicher am besten, wenn ab jetzt mehrere alternative Ratingansätze in Europa erprobt würden. Die Förderbedingungen der EU wie der Einzelstaaten werden aber verhindern, dass dies zeitnah oder gar mit staatlicher Förderung geschieht. Die Ratingrevolution wird im Grassroot-Bereich stattfinden müssen. Starten wir sie also jetzt!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roland Benedikter, Oliver Everling, Claire Hill.

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Mehr zum Thema: Rating-agentur, Eurokrise, Bruttoinlandsprodukt

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