Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann darüber soll man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Die Wir-Währung

Das Problem sind nicht die Ratingagenturen, sondern deren Berechnungsgrundlage. Entgegen jeder Vernunft behaupten die Ökonomen noch immer, Wachstum würde Schulden tilgen. Alternative Ansätze müssen jetzt von unten durchgesetzt werden.

Die Kritik am bisherigen Länderrating von Fitch, Moody’s und Standard & Poor’s, dessen Ergebnisse die sogenannten Investment Grade Bonds sind, beschränkt sich auf die Punkte Unabhängigkeit (Emittent bezahlt das Rating), Unilateralismus (alle Agenturen sind amerikanisch) und fehlende Kontrolle. Was bisher aber nicht hinterfragt wird, ist die Datengrundlage des Ratings. Was, wenn – nicht nur in Griechenland – auch die zur Bewertung verwendeten Daten über Wachstum und das BIP manipuliert sind? Und sind diese überhaupt geeignet, die Fähigkeit eines Landes zur Schuldentilgung zu beurteilen? Immerhin sind Schulden eine Fixgröße, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eine Fließgröße. In keiner Unternehmensbilanz ist es gestattet, Schulden gegen Umsätze zu rechnen.

Was Politiker aller Parteien am meisten bemängeln, ist seit der Finanzkrise der Vertrauensverlust in die Ratingmethoden. Vertrauen aber ist eine der wichtigsten Grundlagen des sogenannten Sozialkapitals. Als Sozialkapital können die nichtmateriellen Dinge bezeichnet werden, die eine Gemeinschaft verbinden. Neben Vertrauen sind das Geschenke, Hilfsbereitschaft, Solidarität und Gastfreundschaft. Von diesen Tugenden hängt es ab, ob ein Staat seine Schulden tilgen kann, nicht von fiktiven Wachstumsraten auf dem Papier. Für Jerry Brown, Gouverneur des pleitegefährdeten US-Bundesstaates Kalifornien, hängt die Zukunft des Staates von der „Bereitschaft der Menschen ab, den Schuldenberg abzutragen und nicht über ihre Verhältnisse zu leben“. Eine kluge Erkenntnis.

Barometer des sozialen Zusammenhaltes

Warum eigentlich im Zeitalter der demokratischen Revolutionen das Rating von Staaten weiter der Hofastrologie von Beamten überlassen? Das Basel Institute of Commons and Economics hat in Nepal, Brasilien, der Schweiz und in Deutschland erstmals Bürgerbefragungen durchgeführt, um das Sozialkapital zu messen und zu bewerten. Dabei wird nach Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Geschenkkultur gefragt und auf einer Skala von eins bis zehn bewertet. Das Ergebnis ist ein Sozialkapitalindex, der ähnlich wie der Konsum- und Geschäftsklimaindex ein Barometer des sozialen Zusammenhaltes darstellt. Je größer nämlich das Sozialkapital, desto größer die Chance, dass die Bürger – wie einst die Deutschen im Lastenausgleichsgesetz von 1952 – gemeinsam ihren Schuldenberg abtragen.

Von Finanzkapital zu Sozialkapital

Der Paradigmenwechsel vom manipulierbaren Finanzkapital zum komplexen Sozialkapital wird eine ganze Reihe von neuen Bewertungsansätzen hervorbringen. Eine zentrale, europäische Ratingagentur dagegen wird von den bisherigen Wirtschaftsberatern der Regierungen und der EZB gestaltet werden – also von jenen, die mit ihrer Wachstumsideologie die Regierungen bis heute in die Verschuldung beraten haben, weil sie noch immer gegen jede Wirklichkeit behaupten, Wachstum tilge Staatsschulden.

Es wäre sicher am besten, wenn ab jetzt mehrere alternative Ratingansätze in Europa erprobt würden. Die Förderbedingungen der EU wie der Einzelstaaten werden aber verhindern, dass dies zeitnah oder gar mit staatlicher Förderung geschieht. Die Ratingrevolution wird im Grassroot-Bereich stattfinden müssen. Starten wir sie also jetzt!

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Moritz Lindenau – 17.07.2011 - 10:13

    Sehr geehrter Herr Dill,

    Ihr Ansatz das Sozialkapital als Bewertungsgrundlage für die Bonität eines Staates zu verwenden, ist m.E. durchaus interessant. Leider bleiben Sie in Ihrem Artikel jedoch einen zentralen Punkt schuldig: um die Bonität eines Schuldners zu bewerten, interessiert mich vor allem das Haftungskapital, das dieser im Falle des Zahlungsausfalles aufbieten kann. Bei Staaten ist dieses heutzutage kaum noch vorhanden, die Staaten haben sich vor allem Zahlungsverpflichtungen aufgeladen und Ihr “Tafelsilber” weitgehend liquidiert. Entsprechend ändert auch ein berechnetes Sozialkapital nichts daran, dass ich als Gläubiger darauf vertrauen muss, dass der oder die Schuldner tatsächlich das geplante Einkommen realisieren um ihre Schulden zu bedienen. Dieses Vertrauen sinkt mit steigenden Schulden und wir sitzen weiterhin in der aktuellen Situation fest.

    Mit freundlichen Grüßen
    Moritz Lindenau

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander Dill – 17.07.2011 - 19:50

    Sehr geehrter Herr Lindenau!
    Das Haftungskapital eine Staates besteht natürlich nicht nur im Vermögen des Staates (das ja oft an Private verschenkt wurde), sondern im Vermögen seiner Bürger. Dieses ist ja nur entstanden, wenn der Staat Sicherheit, Frieden und Wohlstand finanziert hat, zum Teil über Schulden.
    Damit entsteht auch ein Anspruch, die Vermögen der Bürger zur Tilgung der Staatsschulden heranzuziehen. Deutschland ist es so 1952 mit dem Lastenausgleichsgesetz gelungen, schuldenfrei zu werden. In Staaten, die erfolgreich ihre Schulden senkten – etwa der Schweiz und Schweden – konnte dies nur durch die überproportionale Besteuerung Wohlhabender gelingen, nicht durch Sparen an Sozialhilfe oder Schulen.
    Das Sozialkapital aber ist maßgeblich, wenn die Bürger für ihre Haftung motiviert werden müssen. Auf jeden Fall ist es berechtigt, als Haftungskapital auch die privaten Nettovermögen anzusehen.
    In den USA und GB liegen sie nahe Null. In Deutschland immerhin bei 400% der Staatschulden und selbst in Griechenland und Irland bei 200%.
    Da aber unter Politikern und Wohlhabenden weitgehende Einigkeit darin besteht, nicht für “den Staat” persönlich haften zu wollen, ziehen sie den Ruin des Gemeinwesens, damit Armut und Bürgerkrieg der Sanierung vor – solange die Wähler das toll finden.
    Aber auch Atomkraft war ja noch vor ein paar Monaten Regierungskonsens….

  • Theeuropean-placeholder
    Moritz Lindenau – 17.07.2011 - 21:17

    Sehr geehrter Herr Dill,

    vielen Dank für Ihre Antwort!

    Wenn ich Ihrem Gedanken folge, dass Privatvermögen zur Deckung staatlicher Schulden herangezogen werden können bzw. sollten, komme ich bzgl. der Bonität eines Staates immer noch zum gleichen Ergebnis. Das private Haftungskapital hat m.E. eine geringe Haftungsqualität, da es (überwiegend) weder vermögensfundiert noch einer direkten Zugriffsmöglichkeit unterliegt. In der Folge kann ein Staat seine Bonität nur verbessern, indem er tatsächlich dieses private Kapital abruft. In der Folge sinkt der Kapitalstock und die Investitionstätigkeit dürfte massiv gestört werden (angesichts der Masse an vorhandenen Schulden).

    Vor allem sehe ich jedoch kein Einnahmenproblem, das unser Schuldenproblem verursacht, sondern ein Ausgabenproblem – staatliche Leistungen werden kontinuierlich ausgeweitet. Entsprechend sollte m.E. vorrangig darauf geachtet werden, dass der Staat Primärüberschüsse aufweist um so die finanziellen Spielräume wieder zu erweitern. Alternativ könnte ein Wechsel im Geldsystem erwogen werden, aber das scheint mir derzeit illusorisch zu sein.

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    inti – 20.07.2011 - 05:14

    Hallo Mortiz,

    ich empfehle von zeit.de das herdentrieb blog, dort wird seit jahren aufgezeigt, dass der anteil des staates und auch der konsumptiven ausgaben des staates am bip recht konstant geblieben ist … der staat gibt heute nur mehr aus, da auch mehr BIP vorhanden ist. das wachstum kommt also durch den staat, und nicht durch den markt unten an

    grüße

  • Theeuropean-placeholder
    Bakwahn – 24.07.2011 - 21:00

    Der Begriff „Sozialkapital“ stammt aus der Soziologie des französischen Sozialphilosophen Pierre Bourdieu; „Die feinen Unterschiede“.

    Nach Bourdieu sind moderne Gesellschaften geschichtet bzw. in Klassen gegliedert, wobei diese Strukturierung in Klassen durch einen je unterschiedlichen Anteil an Sozialkapital verläuft. Mit Sozialkapital meint Bourdieu
    (a) ökonomisches Kapital (Geld, Aktien, Immobilien, Ersparnisse etc.),
    (b) kulturelles Kapital (Bildung, Sprachbeherrschung, akademische und berufliche Titel),
    ( c) soziales Kapital (Familie, Herkunft, Beziehungen),
    (d) symbolisches Kapital (Umgangsformen, Habitus, eine gewisse Ästhetik in Kleidung und Einrichtung, soziales Prestige und Anerkennung etc.)

    Mit diesen Bourdieuschen Differenzierungen lassen sich das Strukturgefüge und die Macht- und Einflußbeziehungen einer Gesellschaft sehr genau beschreiben; auch welche Stelle, welchen Ort die Individuen in dieser Gesellschaft einnehmen. Aber damit läßt sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft, genauer, ihr Vermögen, ihre Potenz zu einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung, nicht erklären oder plausibel machen.

    Sozialkapital als zentraler Begriff, der die kulturellen Grundlagen wirtschaftlichen Erfolges einer Gesellschaft erläutern, beschreiben, erklären soll, muß daher anders definiert werden.

    Es gibt diese Forschungsrichtung des „Culture Matters“ in den USA und in Südamerika, vertreten z.B. durch David Landes, Lawrence E. Harrison, auch Samuel Huntington (Who are we?), Thomas Sowell, Eric L. Jones, dem Australier Gregory Clarks (A Farewell to Alms), sowie einigen südamerikanischen Forschern. Bei uns in Deutschland existiert eine solche Forschungstradition nicht.

    Die einzigen, die es wagen (!!!) sich mit diesen Fragestellungen zu beschäftigen, sind die Autoren Siegfried Kohlhammer und auch gelegentlich Uwe Simson. Beide veröffentlichen im MERKUR – Zeitschrift für europäisches Denken.
    Der links-liberale Mainstream, die veröffentlichte Meinung in Deutschland, die Kulturrelativisten und Kulturpluralisten, die alle menschliche Kulturen für gleich wertvoll erachten, die jeder Kultur die gleiche Wertschätzung zubilligen, haben solche Fragestellungen weitgehend be- und verhindert; es ist dieser sublime Fanatismus der Multikulturalisten a la Claudia Roth, der das Denken stillstellt.
    Dahinter steht ein durch und durch illusionäres Menschenbild sowie die Unterschätzung der Differenzen zwischen den Kulturen, die in der Tradition einer optimistischen Anthropologie steht, die bereits dem sozialistischen Gleichheitsdenken zugrunde gelegen hatte, so in etwa der Theologe Heinz Theisen. Die prozedurale Gleichbehandlung aller Kulturen ist kein Anlaß für ihre substanzielle Gleichschätzung, so der Philosoph Hans Ebeling; und ich ergänze, jedenfalls nicht, was ihre Fähigkeit anbelangt, wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand zu generieren.

    Denn hinter dem wirtschaftlichen Erfolg einer Volkswirtschaft stehen in der Regel enorme Leistungen und Anstrengungen. Die Forschungsarbeiten der oben genannten Wissenschaftler zeigen überdeutlich, daß einige Kulturen besser, erfolgreicher als andere sind, jedenfalls was die Ermöglichung positiver wirtschaftlicher Entwicklung mit all den vielen vorteilhaften Nebenwirkungen anbelangt. Dieser Sachverhalt wird in Deutschland verschwiegen. Warum?
    Das gehört zu einer spezifischen Gestalt des grün-links-liberalen, gut-menschlichen Geistes, der mit einem Tabu belegt, wenn nach den kulturellen Grundlagen wirtschaftlichen Erfolges gefragt wird.

    Warum hier nationaler Wohlstand und warum dort nationale Armut? Es könnte sich nämlich herausstellen, daß einige Kulturen deutlich leistungsfähiger sind als andere, was dem Gleichheitspostulat widerspricht. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.

  • Theeuropean-placeholder
    Bakwahn – 24.07.2011 - 21:04

    Der Autor dieses Artikels, Alexander Dill, schreibt:
    „Als Sozialkapital können die nichtmateriellen Dinge bezeichnet werden, die eine Gemeinschaft verbinden. Neben Vertrauen sind das Geschenke, Hilfsbereitschaft, Solidarität und Gastfreundschaft.“
    Verehrter Herr Dill, wenn Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Geschenke die Tugenden sein sollen, die zu wirtschaftlichem Wohlstand führen, dann müßten Länder wie Burma, Laos, Kambodscha, Thailand – Länder, die ich seit 20 Jahren bereise und gut kenne – an der Spitze des internationalen Wohlstands und Wohlergehens stehen. Deutschland wäre dann höchstens in der Mitte aller ca. 200 Länder dieser Erde zu finden.

    Nein, es sind wahrhaft andere Tugenden, Einstellungen und Werte, die Individuen und Gesellschaften zu wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit befähigen.
    Grundlegende positive Einstellungen zu Arbeit, Eigenverantwortung, Eigeninitiative, Mobilität, Fleiß, Leistungsbereitschaft, Sparsamkeit, nützlich-effizienter Umgang mit knappen Ressourcen, Bildungs- und Ausbildungsaffinität, Kreativität und wirtschaftlicher Wagemut etc.; dazu metaphorisch formuliert: ein langer Atem, Stehvermögen, die Fähigkeit, Rückschläge wegzustecken; das ist die kulturelle Tiefenprägung, aus der erfolgreiche Nationen und Volkswirtschaften geschnitzt sind; so sieht das kulturelle Kapital, das Sozialkapital aus, mit dem Gesellschaften sich im internationalen Wettbewerb behaupten können.

    Die von Herrn Dill geforderte zentrale europäische Ratingagentur, die die kulturellen Tugenden und Werte des von mir skizzierten Sozialkapitals zur Grundlage ihrer Bewertung von überschuldeten und in Not geratenen Länder machen würde, müßte im Falle von Griechenland zum Ergebnis kommen: Hoffnungslos! Die Gläubiger sehen ihr Geld nie wieder.
    Staatsschulden in dieser Höhe – und hier argumentiere ich mit Ihnen gegen Sie – werden nur von einer leistungsfähigen Volkswirtschaft zurückbezahlt werden können; jedenfalls nur von einer solchen, von der die Griechen meilenweit entfernt sind.

    Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Sparsamkeit tilgen Staatsschulden, nicht „Vertrauen, Geschenke, Hilfsbereitschaft, Solidarität und Gastfreundschaft“.

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander dill – 03.08.2011 - 11:14

    Der von unserem Institut verwendete Begriff Sozialkapital unterscheidet sich in der Tat von dem theoretischen Begriff der “Netzwerke” der Ära Bourdieu und Putnam.
    Das Ziel der von uns betriebenen Sozialkapitalmessung ist auch nicht die Erklärung von Wohlstand und das Setzen von Benchmarks, sondern wir gehen davon aus, dass Sozialkapital ein eigener Indikator ist. Es könnte tatsächlich sein, dass das in den von Ihnen erwähnten Ländern auf diese Art erhobene Sozialkapital hoch ist. Dass sie dennoch nicht an der Spitze des Wohlstandes stehen, zeigt, was wir zeigen können: Dass Wohlstand nicht zu sozialem Zusammenhalt, dass Armut nicht zu Asozialität führen muss.
    Das ist in dieser Form neu, denn die Politik der Armutsbekämpfung setzt faktisch die Schweiz und Norwegen als Benchmarks. Beide verfügen allerdings ebenfalls über ausserordentlich hohes Sozialkapital.

    Wie Sie wissen, gibt es auch wohlhabendere Länder mit einem Sozialkapital nahe Null, die nur durch monetäre Verteilung funktionieren.
    Bleibt diese aus, brechen sie zusammen.
    Und was den Zusammenhang von Schuldentilgung und Sozialkapital angeht: Nicht Vertrauen und Hilfsbereitschaft tilgen die Schulden, sondern vom Vertrauen und der Hilfsbereitschaft der Bürger hängt es ab, ob überhaupt durch Sparmaßnahmen und Sonderopfer eine Tilgung erfolgen kann. Also ist auch Sparsamkeit letztlich nur ein Ausdruck von Sozialkapital, denn zumindest bisher wird bei uns das Sparen immer mit dem Argument abgelehnt, “der Staat” gebe ja dann doch nur wieder mehr aus.
    Es ist das Problem des kategorischen Imperativs. Dieser ist die reine, philosophische Version des von uns Soziologen als “Sozialkapital” bezeichneten, nichtmateriellen Potentials.

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