Unser Glück verpflichtet uns zum Kampf. Jean Ziegler

Wahrheiten zur Flüchtlingskrise

Immer wieder wird die aktuelle Zahl der Einwanderer mit der Gesamtzahl der bundesdeutschen Bevölkerung verglichen. Das erzeugt keine zutreffenden Prognosen. Die Grundlage für Zahlenvergleiche sollte ohne Denkverbote bei Lichte betrachtet werden. Um zu Ergebnissen zu kommen, genügt die Anwendung der Grundrechenarten.

2015 sind etwa eine Million Menschen nach Deutschland gekommen, neuerdings nicht mehr Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge oder Asylantragsteller genannt, sondern „Schutzsuchende“. Allen Entscheidungsträgern ist nach eigener Aussage bekannt, dass dies nicht das Ende der euphemistisch als Zuwanderung bezeichneten Einwanderung ist. Daran werden weder die mit der Türkei getroffenen Vereinbarungen noch andere Maßnahmen etwas ändern, solange nicht ein grundsätzlicher Kurswechsel vollzogen wird, falls dieser gewünscht wird. Dieser Kurswechsel ist indes von den etablierten Parteien nicht zu erwarten. Die im September getroffene Feststellung des deutschen Vizekanzlers Sigmar Gabriel, dass 500.000 Menschen jährlich aufgenommen werden können, also auch werden sollen, ist bis in den Januar 2016 hinein nicht überzeugend dementiert und dann vom BAMF wie beiläufig bestätigt worden worden. In fünf Jahren könnten also, und diese Zahl ist damit wahrscheinlich geworden, etwa drei bis vier Millionen Menschen mehr in Deutschland leben als noch am Anfang des Jahres 2015.

Vergleich zur Einwohnerzahl unzulässig

Neben dem Hinweis auf das Asylrecht lautet das Hauptargument der Befürworter dieser beispiellosen Einwanderung gegen eine angebliche Panikmache durch die Kritiker dieser Entwicklung, gegen die Deutschland nach Feststellung der Bundeskanzlerin Angela Merkel machtlos sei, dass ein, zwei oder auch drei Millionen wenig sind im Vergleich zu den 79 bis 80 Millionen Menschen, die zur Zeit in Deutschland leben. Doch dieser Vergleich ist unzulässig.

Nach Ausweis der vom BAMF veröffentlichten Zahlen sind die Einwanderer nicht zwischen einem und 100 Jahren alt, sondern es handelt sich fast ausschließlich um Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, ansonsten eher noch jüngere. Damit muss korrekterweise exakt diese Alterskohorte der in der Bundesrepublik Lebenden verglichen werden. Das Statistische Bundesamt zählt in dieser Altersgruppe nur noch knapp 15 Millionen Menschen in Deutschland. Das kann auf dessen Webseite anhand der dort gezeigten interaktiven Alterspyramide jeder nachprüfen. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, um dieses Unwort zu benutzen, gerade in dieser Altersgruppe beträgt etwa 3,5 Millionen Menschen.

Bei der Tatsache, dass es sich bei den sogenannten Schutzsuchenden meist um Männer handelt, ist ein Familiennachzug auf jeden Fall zu erwarten. Zur Zeit weiß aber niemand, wie viele von den Einwanderern bleiben oder wie viele Menschen beim Familiennachzug auf einen dauerhaft Bleibenden kommen werden. Es gibt Schätzungen zwischen drei und acht Personen. Bliebe etwa nur die Hälfte der drei bis vier Millionen in Deutschland und kämen nur drei Personen pro anerkanntem Flüchtling beziehungsweise Asylantragsteller, dann handelte es sich um acht Millionen Menschen, die im Jahr 2020 zu den 15 Millionen der genannten Altersgruppe dazukämen.

Anteil der Migranten wird weiter steigen

Von den 23 Millionen Einwohnern hierzulande, die zwischen 20 und 35 Jahren alt sind, hätten also in fünf Jahren rund 11,5 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund. Das ist die Hälfte. Dabei ist die zumindest in der ersten Generation höhere Geburtenrate der Einwanderer noch nicht berücksichtigt. Man muss nur 30 Jahre weiterdenken, wenn die Mehrheit, also über 50 Prozent der jetzt in Deutschland Lebenden, und das sind ältere Menschen, gestorben sein wird, um sich die Zusammensetzung der bundesdeutschen Bevölkerung in der Zukunft vorzustellen. Es gibt einige Unsicherheiten bei dieser Hochrechnung, nämlich die Höhe der Einwanderung, der Bleiberechtvergabe und des Familiennachzugs in den nächsten Jahren. Trotzdem ist sie sehr wahrscheinlich.

Man prüfe an diesen Zahlen die Verlautbarungen der Politiker fast aller Parteien.
Die Forderung des Bundespräsidenten Joachim Gauck aus dem August, man müsse sich von der Vorstellung lösen, dass für fast alle Bürger Deutsch die Muttersprache sei und Bundesbürger überwiegend christlich und hellhäutig seien, beruht nicht auf einer Prophetie. Sie ist richtig. Es fällt lediglich auf, dass er von „Deutschen" überhaupt nicht mehr gesprochen hat. Auch das ist konsequent. Man mag es bedauern oder nicht: Die Bundesrepublik Deutschland wird tatsächlich überwiegend nicht mehr von einem deutschen Volk, sondern von einer multiethnischen Bevölkerung aus Bundesbürgern bewohnt werden. Dabei handelt es sich in der Tat um eine nachhaltige Veränderung.

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