Es gibt würdigere als mich. Barack Obama

Ein Brief von der Front

Der Infokrieg ist in vollem Gange und es gibt gute Gründe, ihn zu führen. Der Bericht eines Veteranen, der sich schließlich doch entschieden hat, Partei zu ergreifen.

In all meinen Jahren an der American University in Kairo habe ich meinen Studenten stets vermittelt, dass die einzige Hoffnung, sich dem journalistischen Ideal von Distanz und Objektivität auch nur zu nähern, darin besteht, sich die absolute Unmöglichkeit dieser Aufgabe stets vor Augen zu führen. Das gilt umso mehr, wenn Journalisten über politische und gewalttätige Konflikte berichten, in denen sie trotz allem mit einer Partei sympathisieren.

Dennoch weiß ich, dass es ihn gibt, den Krieg um Information. Wäre ich noch immer ein Journalist – womit ich einen Journalist amerikanischer Prägung meine, der mindestens so sehr nach Distanz und Objektivität strebt wie nach Analyse – würde ich sagen: Ohne mich! Und dennoch: Ich denke, dass ich selber in den Infokrieg verwickelt bin. Denn als regelmäßiger Autor von Meinungsbeiträgen für „Al Arabiya News“, die englische Webseite des arabischen Fernsehkanals, habe ich selbst in jüngster Zeit Partei ergriffen und Stellung bezogen im Ringen um die Deutungshoheit im Kampf um die Ukraine.

Ich habe das getan und tue es weiterhin, weil die Amerikaner seit 20 Jahren das Einflussgebiet der Nato näher und näher an die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion heranrücken lassen. Russland muss dabei ganz ohne die Unterstützung lokaler NGOs auskommen, die mit finanzieller Hilfe quasi offizieller US-Organisationen agieren – anders als die Revoluzzer von Kiew, die mit solcher Hilfe einen in freien Wahlen bestimmten Präsidenten stürzten, weil er ihnen zu korrupt war. Die die Massen mobilisierten und deren beste Straßenkämpfer – und wohl auch Scharfschützen – sich aus zwei faschistischen politischen Gruppen rekrutierten, nämlich Svoboda und den Rechten Sektor. Die haben dann auch direkt alle offiziellen Gebäude pro-europäischer Städte und Dörfer besetzt, ohne dass sich in der amerikanischen Presse jemand darüber echauffiert hätte. Hingegen wird die gleich Taktik pro-russischer Milizen im Osten und Süden des Landes aufs Schärfste verurteilt.

Gussform der eigenen Gedanken

Natürlich, ich beziehe mich hier vor allem auf amerikanische Mainstream-Medien. Die allerdings stehen vollständig linientreu zur Regierung Obama. Da ich selber kein Russisch spreche habe ich keinen Zugang zu russischen Medien, mit Ausnahme des englischsprachigen Nachrichtenkanals „RT“. Ich kann also sehr wohl feststellen, dass beide Seiten eine kriegslüsterne Rhetorik pflegen.

Dennoch: In einem Beitrag für das linksliberale Wochenblatt „The Nation“ haben Katrina van der Heuval und der Russland-Experte Stephan F. Cohen mit großer Sorge festgestellt, dass es so gut wie keine Debatte und sehr wenig Widerstand des „politischen und medialen Establishments Amerikas“ gegen die offizielle Politik ihres Landes gegenüber der Ukraine gibt. Ein Beispiel von Komplizenschaft ohne Entsprechung in der neueren Geschichte – denn es gab, recherchierten die Autoren, solche Debatten sehr wohl vor den Kriegen in Vietnam, Irak und Afghanistan.

Diesen willfährigen amerikanischen Journalisten könnte das Studium wichtiger historischer Fakten dabei helfen, die eiserne Gussform der eigenen Gedanken zu verlassen. Sie könnten ihre Leser darüber informieren, dass Odessa von Katharina der Großen als eine russische Stadt erschaffen wurde und kurioserweise von Lenin an die damalige Sowjetrepublik Ukraine verschenkt wurde. Genau wie Chruschtschow in den 1950er-Jahren die Krim verschenkte und zwar nicht als Teil eines Territorialstreits sondern vermutlich aus einer Sektlaune heraus.

Amerikanische Journalisten wären auch deshalb gut beraten, Nachrichtenquellen wie die englisch-sprachigen Seiten von „Al Jazeera" und „Al Arabiya" und den „BBC World News Channel“ anzuzapfen. Denn überall dort wird ganz anders über globale Ereignisse berichtet als im amerikanischen Mainstream.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Rüdiger Kruse, Markus Linden.

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