Die Musik die vielleicht in 20 Jahren spannend sein wird, wurde bereits vor 100 Jahren komponiert. Karl Bartos

Kampfsport statt Straßenkampf

In der Öffentlichkeit regiert immer noch das Bild von Kampfsport als dumpfer Prügelei zwischen zwei einfach gestrickten Typen. Das ist bitter, denn wer hinter die Kulissen schaut, sieht, dass man als erfolgreicher Kampfsportler nicht ohne Werte wie Disziplin, Respekt und Kontrolle auskommt.

Derzeit läuft vor allem in der Schweiz wieder eine Debatte über die Verbindung von Kriminalität und Kampfsport. Vor allem Muay Thai, meistens als Thaiboxen bekannt, gerät immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, weil es als härtester Kampfsport der Welt auf viele Menschen zunächst brutal wirkt. Dabei können Muay Thai, Kickboxen und Co. einem nicht nur helfen, seine Aggressionen kontrolliert loszuwerden, sondern einem auch einen neuen Weg im Leben weisen. Der beste Beweis dafür bin ich selbst.

Will man den Einfluss von Muay Thai auf mein Leben beschreiben, kann man es kurz machen: Ohne das Thaiboxen wäre ich heute tot – oder zumindest für lange Zeit im Gefängnis. Ich war schwer erziehbar – oder besser: ein Albtraum für meine Eltern und Lehrer. Obwohl ich aus einem ordentlichen Elternhaus komme, war ich in der Schule immer auffällig, später auch gewalttätig. Ich flog von der Schule, nachdem ich einen Mitschüler im Pausenteich versenkt hatte, bedrohte und verprügelte meine Lehrer, schmiss meine Lehre – und rutschte ins kriminelle Milieu ab. Raub, Diebstahl, Drogenhandel, Körperverletzung, Verfolgungsjagden mit der Polizei und am Ende auch das Drucken von Falschgeld brachten mich immer wieder in Konflikt mit dem Staat und am Ende ins Gefängnis.

Demütig werden lassen

Muay Thai bot mir damals den Ausweg aus dem Dilemma, weil ich dort nicht nur meine überschüssigen Kräfte loswurde, sondern auch zum ersten Mal lernte, diszipliniert zu handeln und mich unterzuordnen, weil ich sonst in hohem Bogen aus dem Training rausgeflogen wäre. Beim Muay Thai sind fast alle denkbaren Tritte und Schläge erlaubt, inklusive Ellbogenschlägen gegen den Kopf des Gegners. Wer sich dieser Auseinandersetzung stellt, hat schon alleine dafür größten Respekt verdient – und natürlich muss man sich im Training extrem kontrollieren, um den Gegner nicht zu verletzen. Und das strahlt dann auch auf den Rest des Lebens aus. Die inzwischen gültigen Regeln schützen die Kämpfer im Ring vor schlimmen Verletzungen und am Ende der meisten Kämpfe verneigt sich der Gewinner tief vor dem Verlierer, um ihm seinen Respekt zu zeigen. Man geht in die Ringecke des Opponenten und bekommt von dessen Trainern aus dessen Trinkflasche zu trinken. Sieht so die Auseinandersetzung von zwei Idioten aus?

Muay Thai hat mich demütig werden lassen. Ich hatte ein Luxusleben als Krimineller – und habe es gegen ein hartes Leben in den Slums von Bangkok und abgelegenen Trainingscamps im Norden Thailands eingetauscht. Um meinem kriminellen Leben zu entkommen und um ein wirklich guter Muay Thai zu werden. Es war meine Entscheidung, ich wollte es so, auch wenn es sicher nicht der leichte Weg war. Hätte mir jemand befohlen, diesen Weg zu gehen, ich hätte mich wahrscheinlich gewehrt. Was nur zeigt: ohne (Selbst-)Erkenntnis geht es nicht. Aber wenn die vorhanden ist, dann macht Kampfsport aus einem Menschen nicht etwa eine unkontrollierbare Kampfmaschine, sondern das Gegenteil. Ich gehe heute allem Stress aus dem Weg und setze meine Fähigkeiten nur im Ring ein.

Schmerzen im Kämpferherzen

Muay Thai ist eine der ältesten Kampfkünste der Welt. Tradition wird groß geschrieben. Rund um die Welt fasziniert der Sport immer mehr Menschen, was die Basis dafür war, dass ich über eine internationale Show berühmt werden und auf Dauer mein Geld mit dem Sport verdienen konnte. Wer nicht mehr als ein Straßenkämpfer ist, wird es in diesem Umfeld nicht weit bringen. Die Härte des Trainings siebt diejenigen, die es nicht ernst meinen, längst aus.

Die Blessuren, die man in den Kämpfen davon trägt, verheilen mit der Zeit. Die Schmerzen allerdings, die die schlecht geführten Debatten in der Öffentlichkeit in einem Kämpferherzen verursachen, werden noch solange bleiben, wie es diese geben wird. Ich wünsche mir, dass das nicht mehr ewig so weitergeht – und will meinen Teil dazu beitragen, indem ich meine Geschichte erzähle und jungen Menschen, die dort stehen, wo ich stand, Hilfestellung gebe, durch Muay Thai ihr Leben zu verändern.

Zidov Akumas Buch „Bad Boy“ ist 2013 erschienen (Orell Füssli).

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Agnes Klein, Andreas Stockmann.

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