Wer weiß, wie Gesetze und Würste zu Stande kommen, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen. Otto von Bismarck

Israel investiert

Israel bietet Unternehmern einen Markt voller Fachkräfte und einen gesunden Nährboden für neue Ideen. Die wirkliche Stärke liegt aber in der Ehrlichkeit seiner Bewohner.

In den letzten Jahren hat Israel als Heimat von ca. 4000 Start-ups in der Anfangsphase für große Aufmerksamkeit gesorgt: Das sind mehr als in jedem anderen Land außerhalb der USA und die größte Anzahl pro Einwohner in der Welt. Dieses Wirtschaftsphänomen war das Thema verschiedenster Studien, Artikel und Bücher, das bekannteste davon „Startup Nations“ von Dan Senor und Saul Singer. Ich möchte hiermit meine eigene Erfahrung vom Gründen in der „Startup Nation“ aufschreiben.

Kreatives Einwandererland

Zunächst eine Hintergrundinformation: Ich bin in der glücklichen Lage, Mitgründer von JoyTunes zu sein, einem Unternehmen fürs Lernen und Üben von Musikinstrumenten. JoyTunes hat sich die Mission gestellt, Musikunterricht fundamental zu verändern und dabei eine Social-Media Revolution in diesem traditionellen Umfeld durchzuführen. Unsere App hilft Kindern und Erwachsenen bei der (Neu-)Entdeckung ihrer Liebe zur Musik und dem Klavier. Die App heißt „Piano Dust Buster“ und funktioniert entweder mit einem echten Klavier oder per Touchscreen. Seit der Gründung unseres Unternehmens haben wir ein leidenschaftliches Team von Entwicklern und Musikern zusammengestellt – eine eher selten auftretende Mischung. Das bringt mich auch zu meiner ersten Beobachtung: Die Menschen.

Israel hat eine kreative und sehr gut ausgebildete Bevölkerung mit einem stark ausgeprägten Unternehmergeist. Diese Kreativität wird von vielen auf den Einwanderungscharakter des Landes sowie den Militärdienst zurückgeführt, bei dem Menschen zu großer Eigeninitiative angehalten werden. Der Dienst ist auch oft der Ort, wo starke Verbindungen zwischen Menschen entstehen, die später zum Basisteams eines Start-up Unternehmens werden.

Die oben erwähnte Anzahl der Start-ups umfasst dabei nicht einmal die diversen sozialen Organisationen, Initiativen oder Non-Profits, die sich diversen Aspekten unseres Alltags widmen. Menschen in Israel sind generell dazu bereit, neue Dinge zu beginnen, Veränderungen herbeizuführen und Probleme zu lösen – oft ohne Geduld, Fähigkeit oder den Wunsch, das im Rahmen eines großen Unternehmens zu tun. Neben einem lebendigen Nährboden hat dies zu einem Phänomen namens „early stage fixation“ geführt: Eine Explosion von kleinen Teams, welche darauf warten, von einer großen (ausländischen) Firma gekauft zu werden.

Die Vor- und Nachteile davon werden von den Unternehmern, Investoren und der Fachpresse in Israel intensiv diskutiert. Es sollte jedoch keine Zweifel bestehen, dass das hohe Entwicklungspotenzial der Angestellten in Israel gemeinsam mit den relativ niedrigen Löhnen (im Vergleich zu den USA und Teilen von Europa) das Land zu einem natürlichen Ort für Forschungs- und Entwicklungszentren machen. Vielen Start-Ups haben daher lediglich Büros und Marketingabteilungen im Ausland, belassen ihre Kernentwicklungszentren aber in Israel. Aus dem gleichen Grund haben auch viele globale Firmen Büros in dem Land eröffnet, unter ihnen eBay, Google, Microsoft, Yahoo und viele andere.

Man kann die Menschen in Israel auch als sehr offen und meinungsstark bezeichnen. Es kommt oft vor, dass frische Bekanntschaften einem bereits schnell ihre Meinung zu Ihren Projekten abgeben, warum es diese funktionieren werden und was Sie stattdessen machen sollten. Das bedeutet aber auch, dass man eine Meinung bekommt, ob man es will oder nicht.
Der Vorteil davon ist eine riesige Menge Feedback von Anfang an – herausfordernd ist es lediglich, mit der schieren Menge an Informationen umzugehen, anstatt (wie an anderen Orten) zwischen den Zeilen zu lesen.

In Israel leben viele Zyniker. Das mag an der politischen Atmosphäre, an jahrelangen Konflikt oder am mediterranen Klima liegen – was es auch ist, die Gesprächspartner oder potenzielle Kunden achten sehr auf das Kleingedruckte Ihres Angebotes und werden versuchen, Gründe zu finden warum ein Dienst nicht funktioniert. Daher sind lokale Unternehmer extrem abgehärtet und Sie werden für sich selbst und Ihr Produkt ohne Verschleierung kämpfen müssen, um ernstgenommen zu werden. Modebegriffe oder PR haben wenig Effekt, was zählt sind echte Werte und ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Dann wäre da noch der Standortfaktor: Israel hat lediglich 7,1 Millionen Einwohner und es ist daher zu klein, um als eigener Markt zu gelten. Dennoch lässt einen der gute Nährboden in dem Land perfekt nutzen, um Produkte für Europa oder sogar die USA abzustimmen, zumindest in der Anfangsphase. Das Büro von JoyTunes liegt in Tel Aviv, dem Wirtschafts- und Handelszentrum von Israel mit einem riesigen Arbeits- und Produktionsmarkt. Es ist die Heimat der Wirtschaftsinstitutionen des Landes, u.a. die Börse, der meisten internationalen Banken, Venture Capital Fonds und zahllosen internationalen Anwaltskanzleien sowie Beratungsfirmen. Mehr als 60% aller israelischen Start-ups kommen aus der Region Tel Aviv. Das Zentrum der Web und New Media Szene ist der pittoreske Rothschild Boulevard. Nur wenige Minuten vom Strand entfernt, besteht dieser aus diversen Cafés, Restaurants, Start-up Inkubatoren, Co-Working Spaces und hunderte von Start-ups mit Spezialisierung in den Bereichen Internet, Sicherheit und Mobile.

Öffentliche Initiativen zur Förderung des Unternehmertums

Die Stadt hat eine Initiative, um dank ihrer Stärken mehr ausländische Start-ups und Investments anzulocken. Dazu soll die lokale Umgebung leichter für ausländische Besucher zugänglich zu machen, inklusive einer Plattform namens „Tel Aviv soft landing“. Diese soll ausländischen Start-ups bei der Ankunft und Gewöhnung an das Land assistieren und helfen, erste Kontakte in die lokalen Gemeinschaften zu knüpfen. Damit einhergehend ist das Ziel, die Anzahl der internationalen Studenten in der Stadt zu verdoppeln. Aus der anderen Seite, jedoch nicht weit entfernt, entwickelt sich Jerusalem langsam als Zentrum für Start-ups mit musikalischem sowie kreativem Fokus.

Die lebendige unternehmerische Atmosphäre in Israel macht das Land zu einem tollen Ort, um ein Start-up zu gründen, Schlüsselpositionen zu besetzen und Gelder zu sammeln. Für jede Firma die dies tut, JoyTunes inbegriffen, besteht die Herausforderung im Wachstum sowie in der Suche nach einer perfekten Übereinstimmung von Markt und Produkt. Was am Ende zählt, ist das Verständnis für die eigene Zielgruppe.

Übersetzung aus dem Englischen.

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