Ich bin der Jesus Christus der Politik. Silvio Berlusconi

Der Islam braucht Veränderung, aber keine Ratschläge

Wir Muslime müssen unseren eigenen Weg gehen.

Aus der Perspektive vieler Europäer ist der Islam im Mittelalter verhaftet. Buchstabengläubigkeit, religiöser Fanatismus, Kampf gegen die Moderne, Anti-Säkularismus und andere Missstände werden uns zugeschrieben. Ob der Islam eine Reformation (mit großem „R“) brauche, wird deshalb oft gefragt: „Wann werden die Muslime endlich aufwachen und sich der modernen westlichen Welt anschließen?“

Mit Blick auf die glorreiche Vergangenheit des Islam ist das eine schmerzhafte Frage. Eine Vergangenheit, die unzweifelhaft mit Perioden intellektuellen und wissenschaftlichen Fortschritts verknüpft war, von denen das Europa der damaligen Zeit nur träumen konnte. Jeder Wissenschaftshistoriker weiß um die fundamentalen Beiträge der muslimischen Welt zu Chemie, Mathematik, Astronomie, Geografie, Biologie, Medizin und Philosophie. In der Frühzeit und dem Mittelalter zog der Islam anderen Zivilisationen schlicht davon.

Lediglich in den letzten fünf Jahrhunderten, und insbesondere den letzten zwei, ließen sich erstmals Zerfall und Stagnation beobachten. Darauf beruht die Annahme, es sei die Weigerung, dem Westen auf dem Weg zu Reformation und Aufklärung zu folgen, die die muslimische Welt zurückhält. Ich halte das aus drei Gründen für falsch.

Erstens, weil die Annahme impliziert, die heutigen Probleme der muslimischen Zivilisation seien deckungsgleich mit den damaligen Europas. Zweitens, weil sie die Rolle westlicher Kolonialpolitik völlig übersieht und drittens, weil sie die Dynamik und religiösen Überzeugungen der Mehrheit der Muslime nicht beachtet.

Der islamische Weg ist nicht der christliche

Das mittelalterliche Europa litt enorm unter dem Joch des theokratischen Staats. Es ist nicht zu leugnen, dass das Papsttum Fortschritt an allen Fronten verhinderte: politisch, wissenschaftlich, wirtschaftlich. Die Menschen litten. Die religiösen Kriege und die fanatische Intoleranz des Mittelalters verlangten geradezu nach radikalem Wandel. Es bedurfte einer Reformation. Die Philosophie des Säkularismus war notwendig, um die bürgerliche Gesellschaft voranzubringen.

Ohne die Angelegenheit zu romantisieren, kann ich sagen, dass muslimische Zivilisationen nicht unter diesen Problemen litten. Natürlich hatten sie eigene Sorgen, aber ein Mangel an Bildung und Fortschritt gehörten ebenso wenig dazu wie die Form religiöser Kriege, die Europa erlebte. Die Behauptung, der Islam bräuchte eine komplette und totale „Reformation“ sowie westlichen Säkularismus, basiert auf der Annahme, unsere Probleme seien identisch. Das stimmt aber nicht.

Die letzten zwei Jahrhunderte zeugen vom Aufstieg des westlichen Kolonialismus. Unter den zahlreichen negativen Begleiterscheinungen dieser Zeit sind nicht zuletzt der totale Bruch mit der Vergangenheit und die zwangsweise Auferlegung fremder Gesetze, Staatsformen und kolonialistischer Werte. Nachdem das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg den fatalen Fehler beging, den Deutschen beizustehen, zerstückelten die siegreichen Alliierten das einstige Imperium. Das berühmte „Sykes Picot“-Abkommen schuf dann jene Staaten, die heute den Mittleren Osten ausmachen. Diese oktroyierten Identitäten und Gesetze waren den Menschen fremd, sie wollten sie nicht. Sie sind schuld am Blutvergießen des letzten Jahrhunderts.

Jedes Gesetz wandelt sich im Laufe der Zeit – auch das islamische

Zu guter Letzt ist es nicht nur unsensibel, sondern auch arrogant, zu behaupten, andere Religionen müssten dem Christentum folgen. Nur weil Christen keine allumfassenden Gesetze wie der Islam und das Judentum kennen, ändert das nichts an der Tatsache, dass für viele Muslime religiöse Vorschriften ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens sind. Die jüngsten Wahlerfolge islamistischer Parteien in der arabischen und der muslimischen Welt belegen das.

Rechtfertigen wir damit die Version des Islam von Gruppen wie den Taliban oder dem Islamischen Staat? Natürlich nicht. Ich bin kein Freund solch extremistischer Interpretationen und die Mehrheit der Muslime sieht das ähnlich, wie man klar an der mangelnden Unterstützung erkennt. Tatsächlich glaube ich aber, dass wir eine reformation mit kleinem „r“ brauchen.

Es ist entscheidend, dass die Muslime sich mit ihrer Tradition beschäftigen und so Lösungen für den Umgang mit der uns umgebenden Moderne entwickeln. Doch dieser Wandel muss von innen kommen und darf nicht aufgezwungen werden. Es muss ein Wandel sein, der von den Menschen akzeptiert wird und von dem sie glauben, dass er in Einklang mit ihren Gesetzen und Schriften steht. Das Gesetz wandelt sich im Lauf der Zeit unter Berücksichtigung kultureller Unterschiede – islamisches Recht macht da keine Ausnahme.

Die Art von Reformation, die mir vorschwebt, wird mit Sicherheit keine Reformation im europäischen Sinne sein. Sie wird nicht in einen westlichen Säkularismus münden. Warum sollte sie auch? Lasst die Muslime entscheiden, welcher Weg der beste ist. Nur eine Reformation, die den Menschen die Freiheit zur Entwicklung ihrer heiligen Gesetze gibt, wird eine wahrhaft islamische Reformation sein.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Muhammad Sameer Murtaza .

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Reformer haben dem Islamischen Staat und Boko Haram den Kampf angesagt. Die bislang schweigende Mehrheit der Muslime kämpft bereits für eine Erneuerung ihrer Religion. Was kann die islamische Gemeinschaft der Gläubigen den Radikalen unter ihnen entgegen?

Zudem: Der Westen vs. Putin. Linkspartei vs. Alle. Politik vs. Heuschrecken. Dazu Gespräche mit Anne Applebaum, John Major, Dietmar Bartsch.

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