Chancen für den FinTech-Standort Deutschland steigen

von Yasin Sebastian Qureshi31.03.2019Wirtschaft

Es ist paradox: Die Unsicherheit über den Brexit – und vor allem auch den Weg dorthin – ist seit drei Jahren virulent. Dennoch liegt London bei FinTech-Investitionen recht komfortabel vorn. 16 Milliarden Dollar an Kapital zog Großbritannien allein im ersten Halbjahr 2018 an, so der KPMG-Report „The Pulse of Fintech 2018“.

Vier der zehn größten europäischen Finanzierungsrunden in den ersten sechs Monaten 2018 fanden ebenfalls im Vereinigten Königreich statt: Revolut (250 Millionen Dollar), eToro (100 Millionen Dollar), Flender (60 Millionen Dollar) und MoneyFarm (54 Millionen Dollar). Dabei können britische Unternehmen auch auf die Unterstützung der Regierung bauen, etwa mit der „FinTech-Sektor-Strategie“, die Großbritannien dabei helfen soll, seine Füh-rungsposition in Europa zu halten.

Höhenflug wird stoppen

Doch der Höhenflug wird nicht ewig andauern, vielmehr führt kein Weg daran vorbei: britische FinTechs, die in der EU Geschäfte machen wollen, müssen früher oder später zumindest Nieder-lassungen in Kontinentaleuropa errichten. Manche packen bei dieser Gelegenheit dann gleich ihre Sachen, zumal alle Unternehmen Personal aus dem EU-Ausland beschäftigen, deren Status ebenso ungeklärt ist. Deutschland bietet sich hierbei als Zielland geradezu an: Es ist Sitz der Europäischen Zentralbank, hat mit Frankfurt einen großen internationalen Finanzplatz und ist die größte Volkswirtschaft Europas. Und Frankfurt ist als Location beileibe nicht allein. Mit Berlin und Hamburg locken gleich zwei etablierte Start-up-Metropolen, durchaus auch für die Finanzbranche. Die Auswahl ist also da, auch wenn sich Frankfurt für Neuansiedlungen sicherlich am ehesten anbietet. Ein Grund dafür ist auch der Exodus von Banken aus dem Vereinigten Königreich. Goldman Sachs, Citi, JPMorgan oder Barclays haben signifikante Teile ihres Geschäfts nach Frankfurt verlagert. Insgesamt zählt die Branche bereits 25 große Geldhäuser, was die Mainmet-ropole aktuell zum Hauptprofiteur macht, noch vor Paris, Luxemburg oder Dublin.

Etablierte Geldhäuser und FinTechs kooperieren inzwischen

An dieser Stelle kommt ein entscheidender Faktor ins Spiel: Seit mindestens zwei Jahren gibt es nicht mehr den krassen Gegensatz zwischen Banken und FinTechs. Vielmehr arbeiten sie zu-sammen, fungieren jeweils als Dienstleister für den anderen oder kaufen einander auf. Das be-deutet, dass sie im Schlepptau der Banken FinTechs ein fruchtbares Biotop vorfinden. Hinzu kommt, dass die bereits in Deutschland/Frankfurt etablierten Banken eine Reihe von Kooperati-onsprogrammen gestartet haben, die FinTechs anziehen oder fördern. Die Deutsche Börse etwa hat gleich einen eigenen FinTech-Hub aufgemacht, der fördert, berät, untereinander vernetzt, finanziert und sich an den Jungunternehmen beteiligt. Auch die kriselnde Deutsche Bank ist auf-gewacht und hat die Digitalfabrik ins Leben gerufen.

Standortfaktor Regulierung

Umzugswillige FinTechs aus UK finden also beste Bedingungen in Frankfurt vor, deutsche Fin-Techs bekommen wiederum mit den geflüchteten Banken neue Kunden und Kooperationspartner. Doch auch das Thema Regulierung macht den FinTech-Standort Deutschland nach einem Brexit stark. So sehr Unternehmen auch über Vorschriften fluchen, gerade im Finanzsektor sind sie nötig, um Vertrauen gegenüber den Kunden zu gewinnen und vor allem faire Wettbe-werbsbedingungen zu garantieren. Die Branche profitiert von den Aufsichtsbehörden und klaren Gesetzen. Es liegt daher auf der Hand, dass Finanzfirmen nach dem Ausscheiden Großbritanni-ens einen EU-Standort finden müssen, um das jeweilige „Prüfsiegel“ zu erhalten. Nun sind gerade die deutschen Behörden als besonders streng bekannt. Wer hier also erfolgreich tätig ist, hat es daher geschafft, zumindest in punkto Compliance. Und das wissen auch die Kunden im Ausland.

RegTechs stehen in den Startlöchern

Gleichzeitig hat das notwendige Managen regulatorischer Anforderungen und von Compli-ancefragen eine eigene FinTech-Sparte hervorgebracht, in die ebenfalls kräftig investiert wird: RegTechs, ein junges, aber noch weitestgehend unterschätztes Wachstumsfeld. Diese Spezial-firmen bekommen durch den Brexit und die Neuansiedlungen in Kerneuropa nun ebenfalls reichlich Arbeit und Rückenwind.

Frankfurt jedenfalls, als mindestens eine von drei relevanten FinTech-Metropolen Deutschlands, freut sich jedenfalls schon auf den Zuspruch. Besonders wer mit Banken ins Geschäft kommen will, für den führt an Mainhattan kein Weg vorbei: „In Frankfurt mischen sich die Fintechs und die Banken … und die Banken kommen nicht zu den FinTechs-Unternehmen, sondern in der Regel die FinTechs zu den Banken“, sagt selbstbewusst Jochen Biedermann, Seniorberater bei Frankfurt Main Finance, der Finanzplatzinitiative Frankfurts.

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