Früher retteten die Grünen Frösche, heute eben den Kanzler. Harald Schmidt

Afrika: Mit Kryptowährungen die Armut bekämpfen

Seit mehr als drei Jahren hält das Thema Flucht und Einwanderung die deutsche Politik in Atem. Viele Flüchtlinge kommen aus Bürgerkriegsländern, andere jedoch meist aus wirtschaftlichen Gründen und weil ihnen eine Zukunft in der Heimat als aussichtslos erscheint. Ein Interview mit Yasin Sebastian Qureshi.

Herr Qureshi, mit Ihren Finanzprodukten und -dienstleistungen möchten Sie den Zugang zu allen Facetten der Finanzwelt drastisch vereinfachen. Gleichzeitig möchten Sie Menschen helfen, vor allem in Afrika, damit sie wieder eine Perspektive in ihrem Heimatland sehen. Was hat beides miteinander zu tun?

Yasin Sebastian Qureshi: Die traditionelle Finanzwelt mit ihren Strukturen, Akteuren und Methoden bedient in keinster Weise die Bedürfnisse der Kunden von heute. Dies gilt in der westlichen Welt, der Heimat der Hochfinanz, besonders aber auch in ärmeren Ländern. Für Westler ist es ein Ärgernis und teuer, für Afrikaner beispielsweise hat es jedoch fundamentale Konsequenzen: Viele von ihnen sind vollständig vom Finanzsystem ausgeschlossen. Sie können kein Geld sparen, es unkompliziert überweisen, vorsorgen oder Versicherungsprodukte kaufen. Sie haben schlichtweg keinen Kontozugang – und das betrifft sage und schreibe 1,7 Milliarden Menschen weltweit. Wer nun aber an solch grundsätzlichen Dingen nicht teilhaben kann, der überlegt sich eher, sein Heimatland zu verlassen. Dies wollen wir mit unseren Dienstleistungen zu verhindern helfen, auch wenn es natürlich noch viele andere Fluchtursachen gibt, allen voran die Überbevölkerung und die Korruption.

Sie sind mit Leib und Seele Unternehmer. Was ist Ihre Lösung?

Yasin Sebastian Qureshi: Bleiben wir einmal bei Afrika. Die Bevölkerung dort ist überdurchschnittlich jung, die meisten von ihnen haben ein Mobiltelefon; bezogen auf die Gesamteinwohnerschaft sind es zwei Drittel. Und dieses Mobiltelefon ist von nun an das Konto, die Geldkarte und der Überweisungsträger. Mit Hilfe der Digitalisierung erleichtern wir den Zugang zu Finanzprodukten dramatisch, denn keiner der etablierten Finanzakteure ist für die Abwicklung noch nötig – und muss somit auch nicht mehr bezahlt werden. Denn das Wesen der Blockchain-Technologie – die hierfür verwendet wird – sind dezentrale Prozesse. Auf diese Weise verbessert sich die gesamte Kostenstruktur, ermöglicht mehr Menschen Zutritt – und mit den Finanzprozessen können sie endlich an wirtschaftlichen Aktivitäten teilhaben. Wir sehen hierin einen großen möglichen Beitrag zum Wirtschaftswachstum und damit zu Arbeitsplätzen, die in der Heimat entstehen. Für uns ist es nichts Geringeres als eine Demokratisierung des Finanzwesens.

Sie haben innerhalb Ihres NAGA-Universums eine Fülle von Anwendungen entwickelt und auf den Markt gebracht, darunter NAGA WALLET, die Kryptowährung NAGA COIN oder den NAGA TRADER. Nun sind Sie eine Kooperation mit dem börsennotierten Unternehmen MyBucks eingegangen. Was versprechen Sie sich davon?

Yasin Sebastian Qureshi: Die Blockchain-Technologie, die wir nutzen, ist schnell, mobil einsetzbar und günstig. Ein zweiter Wesenszug unserer Produkte ist, dass wir alle klassischen und neuen Finanzprodukte unter einem Dach versammeln. Es gibt also keine isolierten Spartenlösungen mehr, was zusätzlich kostbare Ressourcen gebunden hat und ein Kostentreiber war. Jetzt reicht ein Smartphone. Die Partnerschaft mit MyBucks ermöglicht uns nun, unsere digitale Geldbörse, die NAGA WALLET, in verschiedene Kontinente zu bringen, besonders nach Afrika. MyBuckets ist in zwölf afrikanischen Ländern mit mehr als 1,5 Millionen Kunden präsent, weitere folgen. Auf diese Weise erschließen wir neue Kundenschichten – und ermöglichen ihnen den Zugang zu kostengünstigen Alternativen, oft die erste Finanzdienstleistung überhaupt, die sie nutzen.

Ein wichtiges Thema dort wie in anderen ärmeren Staaten ist es, Geld nach Hause zu schicken und damit die Verwandtschaft zu unterstützen. Die einschlägigen Dienstleister nehmen dafür aber saftige Gebühren. Können Sie auch hier Abhilfe schaffen?

Sie sprechen hier ein skandalträchtiges Thema an, das mir besonders am Herzen liegt. Ohne Namen zu nennen: Die bekannten Geldtransferdienstleister verlangen oft horrende Gebühren, durchaus 15 Prozent der Überweisungssumme. Und das ausgerechnet von den Ärmsten! Diese Zusatzkosten sind keineswegs gerechtfertigt. Sogar die EU, die Weltbank, ja selbst ein G8-Gipfel haben sich schon dieses Themas angenommen, da unglaubliche 34 Milliarden Dollar jährlich nach Afrika geschickt werden. Nur passiert ist bis heute wenig, auch wenn etwa mit dem kenianischen M-Pesa eine kluge Lösung den Markt erobert hat, die jedoch auch ihre Kosten hat, vor allem aber nicht grenzüberschreitend funktioniert. Auch hier helfen die NAGA-Produkte und die Zusammenarbeit mit MyBuckets. Egal, wo Sie sind, Sie können einfach von ihrem Handy Geld zu anderen Leuten schicken und dies – aufgrund der günstigen Technologien – zu einem Bruchteil der bisherigen Gebühren. Auf diese Weise erreicht die Empfänger nahezu die volle Transfersumme, was wiederum den lokalen Wirtschaftskreislauf zusätzlich unterstützt. 

Und damit kommt jeder zurecht? Oder sind da nicht besondere Vorkenntnisse nötig?

Das ist ja gerade das Tolle. Unsere Apps und Produkte sind sehr eingängig, leicht verständlich und funktionieren intuitiv. Bei anderen Anwendungen, wie etwa dem NAGA TRADER können sie anderen folgen und von deren Finanzwissen profitieren. Vor allem unsere Zielgruppe, selbstverständlich auch in Afrika, ist mit Social Media groß geworden. Sie kennen also die Funktionsprinzipien und können sich somit in unsere Produkte – die grundsätzlich einfach aufgebaut sind – sofort einfinden. 

Bekanntlich ist gerade die Infrastruktur in Afrika nicht sonderlich entwickelt. Ist das nicht ein Hindernis bei Ihren Plänen und Ideen?

Das ist richtig und mit ein Grund dafür, warum bislang so viele, besonders Landbewohner, von Finanzdienstleistungen ausgeschlossen sind. Die Wege in die Provinzhauptstadt etwa, wo sich die Bank befindet, sind mühsam. Das Mobilfunknetz jedoch, und nur das ist für uns relevant, ist hervorragend. Es ist – anders als die sonstige kümmerliche Infrastruktur – nahezu ausschließlich privat organisiert und deckt weite Teile der afrikanischen Länder ab. Dieses Problem ist also aus unserer Sicht gelöst, zumal die meisten Afrikaner sehr handyaffin sind, längst Bezahlverfahren via Smartphone gewohnt sind und die Mobilfunkunternehmen dort zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren und Innovatoren gehören. Einen gewissen Wermutstropfen gibt es allerdings noch: die hohen Mobilfunktarife. Sie sind nicht nur relativ, sondern auch absolut höher als bei uns. Pauschalpreise dort sind so gut wie unbekannt, fast jeder nutzt Guthabenkarten. Das muss sich ändern, bevor es dort wirklich zum digitalen Durchbruch kommt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lioudmila Chatalova, Pierre Lucante, Eduardo Villanueva.

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