Gegen Leitkultur und Kulturrelativismus

von Yascha Mounk28.03.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Kulturrelativismus ist gefährlich. Laut und stolz müssen wir sagen, dass unsere freiheitlich demokratische Grundordnung besser ist als ein islamistischer Gottesstaat. Mit einer etwaigen Leitkultur aber ist diese Grundordnung nicht vereinbar.

Die blutigen Anschläge von Toulouse und Montauban haben, wie es kaum anders zu erwarten war, mal wieder große Diskussionen über die europäische Identität ausgelöst. Auf der einen Seite stehen jene Kulturrelativisten, die Mohammed Mehra selber für das Opfer halten. Nur weil wir ihn als Araber und Moslem aus der Mitte unserer Gesellschaft ausschlossen, habe sich der Arme schließlich radikalisiert. Was wir wirklich bräuchten, sei eine weniger ethnozentrische Gesellschaft, in der wir erkennen könnten, dass unsere westlichen Werte keineswegs besser oder aufgeklärter seien, als Wünsche nach Scharia und Gottesstaat. Auf der anderen Seite stehen die “Anhänger einer kompromisslosen Leitkultur(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/4709-deutsche-leitkultur. Sie meinen, man müsse endlich mal aussprechen, dass die Inspiration für Mehras Gewalt direkt vom Islam stamme. Um ähnliche Gräuel künftig zu verhindern – und um sicherzustellen, dass Frankreich französisch und Deutschland deutsch bleibt – müssten wir fortan von allen Einwanderern verlangen, sich voll an das christliche (oder, je nachdem, vielleicht auch mal christlich-jüdische) Abendland zu assimilieren. „Und sonst …“, schreiben diese Kommentatoren, heben ihre Hand von der Tastatur, und ballen sie drohend zur Faust.

Freiheit für alle

Beide Ansätze sind falsch. Es gibt beileibe Ungerechtigkeiten in unseren Gesellschaften, besonders gegenüber Einwanderern. Aber Mehras Taten unter Bezug auf diese Ungerechtigkeiten wegzureden, verniedlicht die reelle Gefahr, die vom islamistischen Terrorismus ausgeht – noch immer und auch hier in Europa. Wer es nicht schafft, Mehra ohne Wenn und Aber zu verdammen – oder wer sich schämt, offen zu sagen, dass unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung besser ist als jegliche islamistische Theokratie – der legt sich trotz all seiner vorgeblichen Toleranz mit gewaltvernarrten Faschisten ins Bett. Das Gleiche gilt aber für diejenigen, die jetzt danach schreien, Einwanderern endlich mal die Grenzen aufzuzeigen. Dass sich Einwanderer genauso wie Einheimische an gerechte Gesetze halten müssen, versteht sich von selbst. Auch dass wir entschieden gegen die Bedrohung durch islamistische Fundamentalisten vorgehen müssen, sollte nicht ernsthaft in Frage stehen. Aber dabei dürfen wir nicht vergessen, warum wir uns für besser halten als die Taliban. Der Grund dafür kann nicht ernstlich sein, dass wir Bockwurst für besser als Kebab und Miniröcke für besser als Kopftücher halten. Der wirkliche Grund dafür, so hoffe ich inständig, ist, dass unser Staat auf einer Philosophie fußt, in der jeder Bürger für sich selbst entscheiden darf, wie er sein Leben zu leben beliebt. Es stimmt: Integration kann nur klappen, wenn wir ohne Scham für unser Gesellschaftsmodell eintreten. Aber: Wie sehr die lange Geschichte des Abendlandes auch unser kulturelles und architektonisches Umfeld prägen mag, das Wichtigste an unserem Gesellschaftsmodell lässt sich weder auf Leitkultur noch auf Geschichte reduzieren. Es muss gerade darin bestehen, jedem hier Ansässigen die gleiche Freiheit zu erlauben zu beten wie er mag, so zu essen wie er mag, sich so anzuziehen wie er mag, und, ja, auch dies, sich seine eigene Kirche oder Moschee oder Synagoge zu erbauen.

Toleranz ist der Preis der Freiheit

Wie der Philosoph Thomas Scanlon in „The Difficulty of Tolerance“ schreibt, ist diese Freiheit nicht immer einfach zu akzeptieren. Wenn unsere Mitbürger frei über ihr Leben entscheiden dürfen, dann verändern sie unser Umfeld manchmal auf eine Weise, die wir für falsch oder gar tragisch halten. Der eine fühlt sich in einer Gesellschaft unwohl, in der viele ihre Freizeit mit Ballerspielen oder Pornos verbringen. Der andere fühlt sich in einer Gesellschaft unwohl, in der viele nach strengreligiösen Vorschriften leben oder sich Kopftücher anziehen. Aber gerade die Toleranz gegenüber Lebensweisen, die uns nicht besonders gefallen, ist ein notwendiger Preis der Freiheit. Wenn wir mit den freien Entscheidungen unserer Mitbürger nicht einverstanden sind, dann dürfen wir – auch dies ist in einer freiheitlichen Gesellschaft ein elementares Grundrecht – uns gerne mit ihnen streiten. Jeder darf Einwanderern erklären, warum ihr Leben seiner Meinung nach reicher wäre, wenn sie nur endlich gemäß der deutschen Leitkultur leben würden. Aber zu dieser Leitkultur zwingen dürfen wir niemanden – weder als private Bürger noch gemeinsam in Form der Staatsgewalt. Zwang soll unsere Gesellschaft nämlich nur denen gegenüber ausüben, die gegen unsere freiheitlich demokratische Grundordnung verstoßen. Mohammed Mehra ist fraglos einer von ihnen. Leider hat er reichlich Möchtegernnachahmer – die Kulturrelativisten, die dies nicht kapieren, schaufeln sich letztlich ihr eigenes Grab. Aber das Gros der Immigranten, selbst das Gros der Immigranten, deren Leben nicht einer etwaigen europäischen Leitkultur entspricht, gehört nicht in diese Kategorie. Wenn wir das vergessen und Immigranten unsere Leitkultur per Gesetz aufzuzwingen versuchen, dann treten wir selbst unsere freiheitlich demokratische Grundordnung mit Füßen.

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