Ich will Pizza

von Yascha Mounk14.03.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Das Urheberrecht ist auch im digitalen Zeitalter nicht überflüssig – doch die Netzaktivisten haben recht, wenn sie die derzeitige Situation für untragbar erklären; drakonische Strafen helfen im Diskurs nicht.

Wenn es um das Urheberrecht geht, verbreiten sich sofort die schiefen Vergleiche. Und zwar auf beiden Seiten der Debatte. Verteidiger der Autorenrechte bemühen gerne drastische Metaphern: das illegale Kopieren von Dateien wird dann auf Deutsch zur „Raubkopie“ und auf Englisch zur „online piracy“. Dies ist schlicht falsch. Raub ist die _gewaltsame_ Entwendung von Eigentum. Gewalt aber wenden sogenannte Raubkopierer nicht an – ja, und Piraten sind sie (bei aller Selbstromantisierung, die gerade die Piratenpartei bewusst betreibt) schon gar nicht. Insofern hat Stefan Niggemeier durchaus recht, wenn er in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ die Raubkopie ein dummes Wort nennt. Nur leider fällt Niggemeier dann in eine ebenso tiefe – und für Gegner des Urheberrechts leider typische – Falle. Denn Niggemeier schießt sich dann auf die völlig sinnlose Diskussion ein, ob das Kopieren einer Datei nun mit dem Diebstahl anderer Arten von Eigentum vergleichbar sei. Wenn ich jemandem eine Pizza stehle, so schreiben die Lieblinge der Netzgemeinde gern, dann kann dieser keine Pizza mehr essen. Wenn ich einen Song downloade, ist das Original noch immer auf dem Server. Vermeintliche Raubkopien sind also gar kein Diebstahl. Diese seltsamen Vergleiche helfen keinem. Denn tatsächlich besteht das eigentliche Problem darin, dass beide Seiten der Debatte das Pferd von hinten aufzäumen. Beide fangen mit der Frage an, ob das Kopieren von Dateien der Entwendung von Gegenständen ähnlich sei. Sie scheinen sich sicher: Ist die Antwort ja, dann sollen wir gegen „Raubkopierer“ härter vorgehen; ist die Antwort nein, dann sollen wir mit der „ungerechten Verfolgung“ all der armen Internetuser aufhören. Tatsächlich aber sollten wir die Debatte genau andersherum führen. Im allgemeinsten Sinne ist der Diebstahl schlicht als Verstoß gegen die Eigentumsrechte anderer Personen zu verstehen. Um herauszufinden, wer als Dieb zu betrachten ist, müssen wir uns also zunächst einmal darüber klar werden, wem wir welche Eigentumsrechte zugestehen sollten. Und das hängt wiederum davon ab, wie wir am besten die legitimen Interessen der Allgemeinheit, der Kulturschaffenden und der Konsumenten balancieren können.

Ohne Urheberrecht profitieren die Ultrareichen

So kommen wir zur wichtigeren Frage. Wie würde das Internet eigentlich ohne einen effektiven Schutz der Urheberrechte aussehen? Netzaktivisten werden da gleich träumerisch: Ohne Urheberrechte, so sind sie sich sicher, würden wir in einer Online-Utopie leben, wo alles Schöne, Gute und Wahre umsonst zu haben ist. So wie Patentgesetze aber die Forschung ankurbeln, so sichern Urheberrechte auch die wirtschaftliche Grundlage vieler Kulturschaffender. Selbst sehr beliebte Autoren und Musiker müssten sich ohne einen effektiven Schutz ihrer Rechte einen anderen Job suchen. Auch viele der besten Filme würden dann gar nicht erst produziert. Das „Schöne, Gute und Wahre“ der Vergangenheit wäre umsonst verfügbar – aber in der Gegenwart hätte kaum jemand das Geld, die Zeit oder die Muße, selber etwas Schönes, Gutes oder Wahres zu schaffen. Auch für unser politisches System wären die Folgen verheerend. “Denn wie sollten sich Zeitungen und Zeitschriften finanzieren, wenn ihre Inhalte problemlos von anderen Webseiten kopiert werden könnten?(Link)”:http://www.theeuropean.de/presseschauer/10293-streit-ums-leistungsschutzrecht Und wer wird Auslandskorrespondenten und investigativen Journalisten ihre Gehälter bezahlen, wenn diesen Medien der Nährboden für ihre wirtschaftliche Existenz entzogen wird? Die Antwort lässt sich heute schon dem Schicksal vieler einst ernst zu nehmender US-Zeitungen entnehmen: Sie werden von Milliardären aufgekauft, die für die Möglichkeit, die öffentliche Meinung nach Belieben zu beeinflussen, gerne Zigmillionen ausgeben. Ohne das Urheberrecht gäbe es also nicht nur weniger Kunstwerke und weniger Qualitätsjournalismus. Darüberhinaus wären viele Berufe und Jobs – vom Romanschriftsteller bis hin zum Chefredakteur – allein den Ultrareichen und ihren Günstlingen vorbehalten. Das liegt weder im Interesse von Kunstschaffenden noch von Konsumenten.

Schaden an der Allgemeinheit

Das richtige Argument für Urheberrechte (ein Argument übrigens, das Linken mindestens genauso sehr gefallen sollte wir Rechten) sieht meiner Meinung nach also so aus. Aus künstlerischen wie auch aus politischen Gründen ist es uns wichtig, dass manche Menschen ihr Leben ihrer Kunst oder dem Journalismus widmen können. Der Lebensunterhalt von vielen Menschen, die nicht wahnsinnig reich zur Welt gekommen sind – oder die sich weigern, den Ultrareichen ihre Dienste anzutragen –, hängt aber von ihrer Fähigkeit ab, illegale Kopien ihrer Werke zu untersagen. Dies ist ein guter Grund, ihnen das Recht darauf zuzusprechen, selber zu entscheiden, wer ihr geistiges Eigentum auf welche Weise benutzen darf. Alle diejenigen, die gegen die Ausübung dieser legitimen Eigentumsrechte verstoßen, richten der Allgemeinheit Schaden an: sie können deshalb auf privatrechtlichem wie auch kriminellem Wege belangt werden. Es gibt nur eine Einschränkung, die hierbei natürlich befolgt werden muss: Die Strafen für Verbrecher müssen in einem vernünftigen Verhältnis zu dem Schaden stehen, den sie anrichten. Allzu drakonische Maßnahmen gegen Internetnutzer, die illegale Kopien herunterladen, sind deshalb unfair – genauso wie in Deutschland auch die vorgesehenen Höchststrafen für Diebe von Lappalien wie Pizzas unfair sind. Netzaktivisten haben also ganz recht, wenn sie uns davor warnen, bei der Diskussion über vermeintliche Raubkopierer und Online-Piraten auf die Scharfmacher hereinzufallen. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir weiterhin so tun sollten, als seien wirksame Urheberrechte nur im Interesse von Reaktionären und Kapitalisten.

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