Der Colbert-Faktor

von Yascha Mounk18.01.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Humor in den deutschen Medien ist häufig gähnend langweilig und oft nur oberflächlich politisch. Dabei zeigt die Titanic, wie es gemacht werden könnte. Der US-Polithumor ist uns sowieso um Längen voraus.

Vor einigen Wochen verstarb Georg Kreisler, eine der letzten Größen des deutschen politischen Kabaretts. Kreisler ist heutzutage für bitterböse Lieder bekannt, die mit dem Abstand von einem halben Jahrhundert doch auch ein wenig süß und gemächlich klingen: Kreisler konnte aber noch viel böser sein. In „Dann geht’s mir gut,” einem Lied das auf „Vorletzte Lieder“ – seinem vielleicht besten, aber weithin unbekannten, Album – erschien, fühlt sich Kreisler zum Beispiel so sehr in die Gedankenwelt eines Linksterroristen ein, dass der Effekt noch viel gruseliger ist: Es ist unklar, wer die Leere, die Kreisler uns hinterlässt, füllen könnte. Im letzten Jahrzehnt hat Deutschland zwar ein recht grauslicher Comedy-Boom heimgesucht. Dieser ist aber weithin unpolitisch. Und selbst die paar Witzchen über Angela Merkel, die man bei RTL2 nun ab und an hören kann, sind eher seicht: psychologische Tiefen oder systemische Fehler, wie Kreisler sie noch aufgriff, sind nie Thema.

Ist die große Zeit des politischen Humors also unwiederbringlich vorbei?

Vielleicht. In der Nachkriegszeit, die für den politischen Humor so anregend war, gab es noch echte Tabus. In Heimatfilm und Volksmusik klang es so, als ob sich in der deutschen (und natürlich auch der österreichischen) Geschichte außer Idylle und zwischenzeitlichem Herzschmerz nie etwas ereignet habe. In so einer Zeit war selbst „Taubenvergiften“ noch wirklich schockierend, da es emblematisch aufzeigte, wie verlogen diese verklärende Selbstdarstellung war. Heute aber ist Selbstkritik tatsächlich kein Tabu mehr. Nicht nur das deutsche Geschichtsbild ist ehrlicher geworden. Wenn die mediale Öffentlichkeit (und damit meine ich übrigens sowohl linke als auch rechte Blätter) heutzutage zur Übertreibung neigt, dann eher ins Negative: unsere miese wirtschaftliche Zukunft, die schlechte Integration der Einwanderer, die zerstörte Umwelt, die wachsende Bedrohung durch Terroristen – das einzige Verbrechen wäre es, den allgegenwärtigen Pessimismus in Frage zu stellen. Die alte Rolle des Tabubrechers kann der politische Humor also kaum mehr spielen. Der Tabubruch ist aber nicht das einzige Betätigungsfeld des politischen Humors. Während Kabarettisten in der Nachkriegszeit die Öffentlichkeit auf Themen aufmerksam machten, die sonst kaum jemand erwähnen wollte, ist das logische Betätigungsfeld des politischen Humors heutzutage – da kaum mehr etwas Tabu ist – das satirische Nachahmen der Politik. Titanic zeigt seit Jahren, wie das geht. Indem die Redakteure selber zu politisch Agierenden werden, zeigen sie auf, wie Politik eigentlich funktioniert. Martin Sonneborns Die Partei ist das Paradebeispiel: denn tatsächlich unterscheiden sich die Slogans und politischen Aktionen dieser Satiretruppe, trotz all ihrer Absurditäten, letztlich erschreckend wenig von den großen Volksparteien. Der Schockeffekt entsteht also nicht durch Neuheit sondern gerade durch Ähnlichkeit. (Ein vielleicht noch besseres Beispiel ist diese wunderbar “fiese Entlarvung der FDP(Link)”:http://www.titanic-magazin.de/heftarchiv00-06.html?&f=0702%2Ffdp1&cHash=b7f83ec0b8eaf37b4a07536ced4b97cf aus den Zeiten da die „Spaßpartei“ es noch auf 18% schaffen wollte.)

Der wunderbare Stephen Colbert

Leider erreicht der Humor der Titanic in Deutschland nur wenige Menschen – zum Teil, da die Medienmacher hierzulande zu wenig Mumm haben, um etwas ähnliches im Fernsehen zuzulassen. In den USA dagegen gibt es seit Jahren eine Personifizierung dieser Art von Humor: den wunderbaren Stephen Colbert. In seiner täglichen Show The Colbert Report spielt Colbert einen rechten Fernsehmoderator. Zunächst war die Show als Veräppelung von Fox-News-Moderatoren wie Bill O’Reilly konzipiert. Aber in den letzten Jahren emanzipiert sich die Kunstfigur Stephen Colbert immer mehr vom Komödianten Stephen Colbert – und tritt mittlerweile auch im wirklichen politischen Leben auf. Der erste berühmte Auftritt der Kunstfigur Colbert im richtigen Leben fand beim White House Correspondents’ Dinner 2006 statt, als er George W. Bush, der nur wenige Meter von ihm entfernt saß, auf Schärfste aufs Korn nahm. “Video: Colbert Roasts President Bush – 2006 White House Correspondents Dinner(Link)”:http://video.google.com/videoplay?docid=-869183917758574879 Aber dieses Jahr könnte Colbert eine noch wichtigere Rolle spielen. Denn letzte Woche hat er offiziell seine Ambitionen bestätigt, von den Republikanern zur Präsidentschaft nominiert zu werden. Und in dieser neuen politischen Funktion als Präsidentschaftskandidat entlarvt Colbert jetzt schon den Politbetrieb der USA – inklusive der absurd laxen Regeln über Wahlkampfmittel und der extrem aggressiven Wahlkampfspots, die dabei herauskommen:

Wir werden Georg Kreisler und die alte Garde des Kabaretts schmerzlich vermissen. Aber die Zeit ist ohnehin reif für eine neue Art des politischen Humors. Wie das Beispiel von Titanic und The Colbert Report zeigt, kann dieser zeitgemäß und auch äußerst populär sein. Falls deutsche Fernsehmacher statt seichter Comedy auch mal wirklicher Gesellschaftskritik eine Chance geben würden, dann könnte der politische Humor des 21. Jahrhunderts auch in Deutschland ein Millionenpublikum erreichen.

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