In schlechter Gesellschaft

von Yascha Mounk10.01.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

An der Präsidentschaft Wulffs wird nicht das Abendland untergehen. Doch die Affäre wirft ein interessantes Schlaglicht auf das Verhältnis zwischen den Medien und ihren Kunden, den Bürgern.

Die Bundesrepublik hatte in ihrer Geschichte ein paar großartige Präsidenten. Gustav Heinemann, zum Beispiel. „Einige hängen noch immer am Obrigkeitsstaat“, merkte er in seiner Antrittsrede an – und man möchte hinzufügen: Auch heute ist das wohl noch so. Um den Deutschen die Tradition des Obrigkeitsstaates auszutreiben, warb Heinemann um ein nüchterneres Bild des Staates. Der Staat, so soll Heinemann einmal gesagt haben, ist nichts mehr als „eine Notverordnung Gottes, um Böses zu verhindern. Man darf ihn nicht mit Gemütswerten behängen.“ In der momentanen Kontroverse über Wulff täten wir gut daran, uns an Heinemann zu erinnern. Im doppelten Sinne wird dann nämlich klar, wie unwichtig Christian Wulff eigentlich ist. Erstens erinnern wir uns dann vielleicht daran, dass Wulff sowieso nie einer der großartigen Präsidenten der Bundesrepublik hätte werden können. Denn dass er kaum das Zeug dazu hatte, das Land auf ähnliche Weise zu prägen wie einst Heinemann, hätte selbst Wulffs Unterstützern schon lange vor seinem Amtsantritt klar sein müssen. Zweitens wird uns dank Heinemanns Worten vielleicht klar, wer Wulff trotzdem weiterhin eine so besondere Bedeutung gibt: nämlich nur diejenigen, die den Staat fälschlicherweise noch immer „mit Gemütswerten behängen“. Wie auch immer man wegen seiner schwelenden Skandale und Skandälchen zu Wulff stehen mag, eines sollten wir alle deshalb nicht aus den Augen verlieren: ob Wulff schlussendlich im Amt bleibt, ist nicht gerade eine Frage von welthistorischer Bedeutung.

Es täte allen Seiten dieser Debatte gut, sich abzukühlen

Dies gilt sicher für die sensationsgeilsten Artikel und Kolumnen, die in den vergangenen Wochen gegen Wulff geschrieben wurden. Wulff hat augenscheinlich moralische Fehler begangen. Seine Drohungen gegen die Presse, mehr noch als die peinlichen Gefälligkeiten von „Freunden“, waren sogar ein wenig erschreckend. Ebenso augenscheinlich aber ist Wulff kein Ganove oder Generalabzocker. Vielleicht sind seine Verfehlungen so schwer, dass sein Rücktritt für alle Beteiligten am besten wäre. Vielleicht auch nicht. So oder so sollte es uns vielleicht näherliegen, Wulff zu belächeln, als ihn zu verteufeln. Was für Wulffs Kritiker gilt, gilt allerdings im doppelten Maße für die noch sensationsgeileren Kritiker seiner Kritiker. In seiner “Kolumne auf „Spiegel Online“(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807969,00.html schreibt Jan Fleischhauer beispielsweise, Wulffs „unheimliche Verfolger“ seien vor allem an einem „Machtkampf“ mit dem Bundespräsidenten interessiert. „Wer glaubt, das Volk stünde geschlossen hinter der ,vierten Gewalt‘, unterliegt einem gravierenden Irrtum“, orakelt Fleischhauer. „Tatsächlich drückt sich in den Umfragen neben Mitleid für den Verfolgten auch ein Unbehagen über die Macht der Verfolger aus.“ Das aber ist absurd. Ein paar Kommentatoren mögen die Ernsthaftigkeit der Lage übertrieben haben. Im Großen und Ganzen aber tun die Medien nur ihre Arbeit. Denn es ist ganz selbstverständlich ihre Aufgabe, ausgiebig über etwaige Kumpeleien zwischen Spitzenpolitik und Wirtschaft zu berichten – oder vor der versuchten Einflussnahme der Politik auf die Medien zu warnen.

Vertrauen ist wichtiger

Das Vertrauen zwischen Volk, Medien und Politik ist letztlich viel wichtiger als die Personalie Wulff. Wer möchte, kann sehr einfach am Beispiel der USA beobachten, wie schnell dieses Vertrauen von ein paar Demagogen kaputt gemacht werden kann. Am Anfang wurden die Republikaner, die sich über die Reporter der „Mainstream Media“ und ihre angeblichen Lügen beklagten, noch ausgelacht. Mittlerweile aber glauben viele Wähler, dass so etwas wie journalistische Objektivität nicht einmal als nie ganz erklimmendes Ideal eine wichtige Rolle zu spielen hat. Stattdessen glotzen sie in Scharen Fox News, und sind mit jedem Jahr schlechter über die Fakten des politischen Geschehens informiert. Ach, und viele derselben Politiker und Meinungsmacher, die aus kurzsichtigen Erwägungen heraus lange gegen die traditionellen Medien hetzten, sind mittlerweile selbst der immer hysterischeren Ideologie der heutigen Medien zum Opfer gefallen. Von einem solch zerrütteten Vertrauensverhältnis gegenüber den Medien sind wir in Deutschland glücklicherweise noch weit entfernt. Aber die Bereitwilligkeit, mit der ein paar Demagogen Misstrauen gegen die Medien schüren, wenn diese nur ihre Arbeit tun, erinnert mich trotzdem („Walle walle, / manche Strecke, / dass zum Zwecke / Wasser fließe, / und mit reichem, vollem Schwalle / zu dem Bade sich ergieße“) ungut an den Zauberlehrling und seine sich verselbstständigenden Geister.

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