Gut gewusst ist halb gewonnen

von Yascha Mounk20.12.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Heutzutage schämen sich viele Experten ihres eigenen Wissens oder behaupten gar, sie hätten keinen Wissensvorsprung vor dem durchschnittlichen Bürger. Dabei brauchen wir ihre Expertise – gerade auch in der Demokratie.

Aus Liebe zur Basisdemokratie – oder vielleicht einfach nur aus Sensationslust – machte das Hamburger Thalia-Theater aus jedem, der über eine Internetverbindung verfügt, einen Hobby-Dramaturgen: „Sie bestimmen einfach selbst, was gespielt wird“, schrieb das Theater auf seine Webseite. Die drei Stücke mit den meisten Stimmen, so versprachen Intendant Joachim Lux und Chefdramaturg Carl Hegemann, würden sie dann brav auf die Große Bühne bringen – welche es auch immer seien. Tja, das Resultat, wie hätte es auch anders sein können, ist ein mittelgroßes Debakel. Auf dem ersten Platz steht eines der schwülstigeren Stücke des ohnehin schon reichlich schwülstigen Friedrich Dürrenmatt. An dritter Stelle steht „Wir sind noch einmal davon gekommen“ – nicht das beste Stück von Thornton Wilder, aber da ist die Chefetage wohl noch einmal recht glimpflich davongekommen. Auf dem zweiten Platz aber lauert die wirkliche Peinlichkeit: „Peers Heimkehr“, ein „modernes Metal-A-cappella-Schauspiel“ der recht unbekannten Band Van Canto.

Das demokratische Potenzial des Internets überschätzt

Die meisten Artikel zur Blamage haben sich bisher auf die Naivität der Hamburger Theatermacher gegenüber dem Internet eingeschossen. Und tatsächlich war es zutiefst naiv, einen Wahlvorgang, bei dem so wenige Stimmen abgegeben werden – und ein paar Leute ein so starkes Eigeninteresse haben – überhaupt für demokratisch zu halten. Um für eine ganze Spielzeit auf die Große Bühne des Thalia-Theaters katapultiert zu werden, gebrauchte es gerade einmal 636 Stimmen. Das sind nicht einmal zwei Drittel der Besucheranzahl, die für eine ausverkaufte Premiere vonnöten wäre. Wenn man bereit ist, jeden Kommilitonen, Facebook-Freund und Großonkel um Hilfe anzubetteln, ist diese Zahl an E-Mails nicht so schwer zu erreichen – und so verwundert es kaum, dass sich unter den ersten zehn Stücken reichlich viele Autorenkollektive vorfanden: drei Autoren = dreimal mehr Großonkel. Die Diagnose, laut derer Lux und Hegemann das demokratische Potenzial des Internets überschätzt hätten, liegt also nicht ganz falsch. Aber hinter der Thalia-Posse steckt noch etwas anderes: nämlich das Schämen über die eigene Expertise und die Überschätzung des Publikumsgeschmacks. „Wir akzeptieren, dass wir keinen Wissensvorsprung haben“, erklärte Hegemann. Dies ist aber schlicht falsch: Hegemann, einer der angesehensten Dramaturgen der deutschen Theaterlandschaft, hat fraglos einen Wissensvorsprung vor dem durchschnittlichen Theaterbesucher. Noch wichtiger aber ist, dass Hegemanns Spruch mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Denn wenn Hegemann wirklich weniger wüsste als viele Theaterbesucher – sollten wir dann nicht jene anstatt diesem zum Chefdramaturgen bestellen?

Demokratie braucht Experten

Als ich in der siebten Klasse war, erklärte mein Deutschlehrer – wie Hegemann, ein Altachtundsechziger –, dass er uns autonomen Individuen nicht etwa vorschreiben wolle, einen literarisch gehaltvollen Autor zu lesen. Stattdessen sollte jeder Schüler ein Buch vorschlagen. Dann würden wir abstimmen, „welches am besten klingt“. („Klingt“ war das richtige Wort, denn gelesen hatten wir von den Büchern, die zur Wahl standen, ja keines.) Nun, auch damals kam es wie solche Dinge eben kommen müssen. Bei der Abstimmung stellte sich schnell heraus, dass die Popularität der Nominierenden ausschlaggebender war als die Qualität der von ihnen nominierten Werke. Und so gewann eine halb pornografische Lovestory von niedrigster Qualität. (Erst nach monatelanger Lektüre musste ich der Konsequenz meines Lehrers einen gewissen Respekt zollen: Immerhin schien er auch bei den peinlichsten Passagen nie auf die Idee zu kommen, sein basisdemokratisches Experiment per Putsch zu beenden.) Die Schnapsidee des Thalia-Theaters wird deshalb nicht nur ein paar verkorkste Inszenierungen nach sich ziehen – sondern sie ist auch für ein tieferes Problem emblematisch. Denn es zeigt, wie verwirrt in unserer Gesellschaft viele darüber sind, welche Rolle Experten in einer Demokratie spielen sollen. So wie Herr Hegemann und mein gutmeinender Deutschlehrer wollen sich viele Experten mit ihrer Expertise nicht aufdrängen. „Das ist ja nur meine rein persönliche Meinung“, sagen sie vorsichtshalber – oder, frei nach Hegemann, „wer bin denn ich, dass ich anderen sagen könnte, was gut und was schlecht ist?“ Tatsächlich brauchen wir aber auch – vielleicht sogar gerade – in der Demokratie Experten. Wenn wir Wissenschaftler, Anwälte, Architekten, Dramaturgen oder Lehrer beschäftigen, ist es nicht, weil sie so bescheiden sind – sondern weil sie begabte Menschen sind, die sich lange mit einem Thema beschäftigt haben, und jetzt mehr darüber verstehen als ihre Mitbürger. Dass unsere pädagogischen und kulturellen Einrichtungen seit 1968 weniger elitär geworden sind, hat viel Gutes an sich. Aber wenn sich dieser Antielitismus in Beliebigkeit verwandelt, dann geht er beileibe zu weit.

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