Weil er ein Jude ist

von Yascha Mounk22.11.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Alle großen deutschen Zeitungen fragen sich, warum ausgerechnet Jerzy Montag auf der Todesliste des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds aufgetaucht ist – und verschweigen dabei konsequent, dass er ein Jude ist.

Nach anfänglicher Verwirrung haben Politiker und Zeitungskommentatoren endlich eine einheitliche Sprachregelung zum Spuk der rechtsextremistischen Terrorzelle aus Zwickau gefunden. Es war ein Fehler, so beteuern sie, dass wir uns ob der – horribile dictu – „Dönermorde“ nicht schon längst über die neue Dimension des braunen Terrors klar geworden sind. Dass wir weiter so getan haben, als seien ein paar Linksextreme genauso gefährlich wie Tausende Glatzköpfe. Dass Teile des Verfassungsschutzes im besten Falle inkompetent und im schlimmsten Falle auf dem rechten Auge selbstgeblendet waren. Sie folgern daraus eine wohlmeinende Lehrstunde: es ist an der Zeit, so sagen sie, mit der Heuchelei, mit der Scheinheiligkeit, mit dem bequemen Verschweigen der eigentlichen Realitäten aufzuhören. Das stimmt sicher. Und doch schweigt man in Deutschland, wenn das Thema etwas komplizierter und auch peinlicher – sprich: jüdischer – wird, konsequent weiter.

Ist die NSU antisemitisch? Nein, wohl eher anti-münchnerisch!

Auf der Todesliste der NSU, des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ befanden sich zwei Politiker: Jerzy Montag und Hans-Peter Uhl. Warum wohl? Die „Süddeutsche“, die „Zeit“, die „FAZ“, sie alle befassten sich in der vorigen Woche mit dieser Frage. Und sie alle konnten sich keinen Reim darauf machen. Denn, so berichteten sie händeringend, der eine ist ein Linker, der andere ein Rechter; der eine ist Mitglied der Grünen, der andere ein Mitglied der CSU. Keiner von beiden ist ein Politiker ersten Ranges. So ließen es die Zeitungen schließlich auf einer vagen geografischen Vermutung beruhen. „Da muss es einen Link nach München geben“, sagte Uhl, und alle zitierten ihn brav. (Nur „Bild“ verpasste ihre Chance. Die Überschrift hätte sich doch selber geschrieben: „SCHOCK! Nazis gegen München rassistisch“.)

Aus Sicht der Neonazis ist Montag schlicht ein Jude

Nun muss ich zugeben, dass ich wirklich keine Erklärung dafür habe, warum ausgerechnet Hans-Peter Uhl auf der Liste der Terroristen gelandet ist. Im Kampf gegen Rechtsradikale mag Uhl gewisse Verdienste haben. Aber seine eigenen Meinungen über Ausländer und auch die deutsche Vergangenheit stehen seit Jahren hart am rechten Rand des demokratischen Meinungsspektrums. Wann immer es um die Entschädigung der Zwangsarbeiter ging, insistierte Uhl polemisch, dass es auch deutsche Opfer gegeben habe. Und

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