Der Tod und die Moral

Yascha Mounk25.10.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Darf man sich über den Tod von schlimmen Schurken freuen? Ja, findet unser Kolumnist. Aber nicht nur.

Nach der Hinrichtung Saddam Husseins führten wir diese Debatte. Als amerikanische Soldaten Osama bin Laden erschossen, stritten wir uns über das gleiche Thema. Und jetzt, da Gaddafi unter noch immer ungeklärten Umständen zu Tode kam, holt uns die elende Diskussion schon wieder ein: Darf man sich über den gewaltsamen Tod eines Diktators oder Terrorfürsten eigentlich freuen? Die Fronten sind dabei immer die gleichen. Die einen zählen die furchtbaren Verbrechen dieser fraglos schlimmen Schurken auf. Massaker an den Kurden, 9/11, ein sinnloser Bürgerkrieg. „Ist es nicht ganz natürlich“, fragen die Hartgesottenen, „sich ob so viel Schuld und Unmenschlichkeit über den wohlverdienten Tod von Hussein, bin Laden und Gaddafi zu freuen?“ „Falsch!“, widerposaunen die Mitfühlsamen. „Was für einer Rohheit bedarf es denn eigentlich, um an der blutrünstigen Hinrichtung eines Mitmenschen – ja, auch eines verbrecherischen Mitmenschen – Gefallen zu finden?“

Der Wunsch nach gerechter Strafe ist natürlich …

In ihrer Schwarz-Weiß-Malerei liegen dabei beide Seiten gleich falsch. Statt auf die universelle Deutungshoheit unserer eigenen Urteile zu pochen, täte es uns gut, erst einmal zu prüfen, ob wir denn überhaupt die gleiche Frage beantworten. Geht es nämlich um die Frage, ob Hussein, bin Laden und Gaddafi eine harte Strafe verdient haben, dann sind wir uns ja wohl einig: natürlich verdienen sie eine harte Strafe. Insofern ist es zunächst einmal ganz natürlich, sich zu freuen, wenn furchtbare Verbrecher, die bisher ungeschoren ihr Leben weiterleben durften, zur Rechenschaft gezogen werden. Dass wir (fast) alle diesen Instinkt teilen, sollte uns im Umkehrschluss schon daran klar werden, dass wir (fast) alle uns empören, wenn ein Verbrecher seiner gerechten Strafe entkommt. General Pinochet, zum Beispiel, starb im greisen Alter von 91 Jahren, ohne dass er für seine Schreckensherrschaft belangt worden wäre. Es ist ganz natürlich, über diese Ungerechtigkeit erbost zu sein.

… aber unsere Bedenken sind es auch.

Geht es aber um die Frage, ob man Hussein nicht auch weniger blutrünstig bestrafen, bin Laden nicht auch lebendig fassen, und Gaddafi nicht besser vor Gericht hätte stellen sollen, dann ist es natürlich vollkommen legitim, mit „ja“ zu antworten. Genau genommen gibt es zumindest zwei Gründe, die Art und Weise dieser Bestrafungen zu beklagen. Erstens kann man natürlich die Todesstrafe falsch finden, selbst wenn man Schwerverbrecher schwer bestraft sehen möchte. Zweitens macht es in einem Rechtsstaat einen riesigen Unterschied, ob der Staat nach einem fairen Prozess im Namen des Volkes ein Urteil fällt – oder ob ein paar Leute auf eigene Faust Selbstjustiz ausüben. Wenn das im Fall eines Kindermörders gilt, dann wohl auch im Fall eines Terrorfürsten. Es geht dabei übrigens nicht nur um die Moral, sondern auch um die Langzeitfolgen: Die Nürnberger Prozesse haben der Demokratisierung Deutschlands sicher einen guten Dienst erwiesen, und auch ein zukünftiger libyscher Staat hätte wohl von einem fairen Gerichtsverfahren gegen Gaddafi profitiert.

Ein klein wenig Mitleid auch mit Schwerverbrechern

Wenn wir mit uns selbst ehrlich sind, dann hatten wir, als wir vom Tod Husseins, bin Ladens und Gaddafis hörten, wohl alle gemischte Gefühle. Einerseits freuten wir uns, dass diese Verbrecher ihrer gerechten Strafe nicht entkommen konnten. Andererseits war uns ob der Art, und vielleicht auch ob der Härte, dieser Strafen unwohl. Emotional mag uns diese Reaktion widersprüchlich erscheinen. Rational aber können wir erkennen, dass beide Teile unserer Reaktion notwendig sind: nur zusammengenommen stellen sie die richtige Antwort auf zwei verwandte, aber doch subtil verschiedene Fragen dar. Ein letztes Wort noch, denn auch ein letztes Gefühl ist vielleicht nicht ganz überwindbar. Ob Gaddafis Verbrechen halte ich es beinahe für absurd, Mitleid mit ihm zu haben. Aber wer die Videos seines Todes betrachtet, der betrachtet eben nicht nur den herzlosen Verbrecher seiner Regierungsjahre, sondern auch einen verstörten, alternden Mann, dem die Todesangst aus dem Gesicht schreit. Wir mögen es deshalb für noch so falsch oder „irrational“ halten, für Gaddafi Mitleid zu empfinden. Aber wenn uns unser menschliches Einfühlungsvermögen selbst in Extremfällen ein bisschen Mitleid abverlangt – und auf diese Wiese die Ausübung jeglicher Form von Gewalt ein klein wenig erschwert – dann hat diese „Irrationalität“ sicher auch etwas Gutes an sich.

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