God Bless America

von Yascha Mounk5.07.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Am 4. Juli zelebrieren die USA den Nationalfeiertag mit einer großen Ladung Pathos. Doch selbst wer dem Nationalismus kritisch gegenübersteht, sollte sich am Patriotismus der Amerikaner freuen: Er ist solidarisch, einladend – und gänzlich uneuropäisch.

Gestern war der 4. Juli, Amerikas Nationalfeiertag, und ich muss zugeben: ich bin diesem Lande gerade besonders wohlgesinnt. Vielleicht liegt das daran, dass ich das lange Wochenende mit guten Freunden in Vermont verbracht habe. Die Landschaft hier ist wunderschön, die Architektur nostalgisch-kolonial, und die Leute eine anrührende Mischung aus ländlicher Verschlossenheit und weltoffener Gastfreundschaft. In Vermont scheint mir der amerikanische Patriotismus – trotz der unzähligen Flaggen, die auch hier im Winde flattern, trotz der Feuerwerke und Paraden, mit denen der 4. Juli auch hier begangen wird – nichts Auftrumpfendes an sich zu haben. Er ist feierlich, solidarisch, einladend: der Kitt, der hilft, diese idyllische und doch moderne Gemeinschaft zusammenzuhalten.

USA Number One

Oft mag das anders erscheinen. Ohne Frage ist der amerikanische Nationalstolz robuster, selbstbewusster und wohl auch arroganter als wir es in Europa – nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Italien oder Schweden – gewohnt sind. Bei Sportveranstaltungen (oder wenn bin Laden gerade erschossen wurde) rufen die Massen hier schnell USA, USA. Und sie gehen dann auch bald zu einem verwandten Spruch über: Number One, Number One. In jenem Moment läuft der sonst eigentlich sympathische Patriotismus Gefahr, sich in etwas recht anderes zu verwandeln: nämlich in den Glauben an die eigene Besonderheit, Überlegenheit, ja geradezu welthistorische Mission. Dieser Glaube verführt Amerika nicht nur zu einem gewissen außenpolitischen Egoismus. Er zieht das Land auch oft in selbstzerstörerische Abenteuer wie den Irakkrieg hinein – denn der Glaube an die eigene Unschlagbarkeit ist ein schlechter Ratgeber. Vielleicht hat es deshalb Sinn, zwei verschiedene Begriffe voneinander zu unterscheiden. Zum einen ist da der Patriotismus. Ein Patriot erfreut sich an dem, was er hat – an seiner heimatlichen Landschaft und Sprache, an der Liebe zu seinen Mitbürgern, und natürlich auch an Ausländern (wie mir), die seinem Land gegenüber wohlgesinnt sind. Er braucht nicht zu vergleichen, oder gar auszugrenzen. Ein loyaler Ehemann muss nicht glauben, dass seine Gattin objektiv die beste aller Frauen sei – sondern nur, dass sie für ihn die richtige ist. Und genauso braucht ein Patriot sein Land auch nicht für besser als alle anderen Länder zu halten. Es ist eben sein Land. Das ist für ihn Grund genug, es besonders zu lieben. Zum anderen ist da der Nationalismus. Dem Nationalisten reicht, anders als dem Patrioten, zu seinem Glück nicht die Liebe zum eigenen Land, denn er bezieht sein Selbstwertgefühl gerade aus der Überlegenheit gegenüber anderen Ländern. Er begnügt sich nicht mit der Feststellung, dass er in eine schöne Landschaft hineingeboren ist – er muss außerdem auch noch beweisen, dass es überall anders recht hässlich ist. Zu der Vaterlandsliebe des Nationalisten gesellt sich deshalb stets auch ein wenig Nationalchauvinismus.

Nationalismus ist Chauvinismus

Vor dem Patrioten braucht die Welt keine Angst zu haben. Er liebt sein eigenes Land zwar besonders, und bildet mit seinen Landsleuten deshalb eine besondere Solidargemeinschaft. Wenn seine Mitbürger von einer Naturkatastrophe betroffen sind, spendet er ein wenig mehr, und, ja, wenn sie bedroht sind, ist er bereit, sie zu verteidigen. Gleichzeitig kann der Patriot aber durchaus andere Länder zu schätzen wissen – ja, vielleicht erkennt ein amerikanischer Patriot sogar, dass er, wäre er nur in Liechtenstein geboren, eben ein Liechtensteiner Patriot wäre. Der Nationalist dagegen ist gefährlich. Er muss ja der Beste sein, und sucht bei den anderen deshalb immerzu nach Fehlern. Ihm reicht es nicht, zu sagen: „mir san mir“ – er muss auch noch hinzufügen: „und so wie wir sollten alle sein“. Für die Unterschiede zwischen verschiedenen Völkern fehlt dem Nationalisten das Verständnis, und natürlich versteht er deshalb auch nur schwerlich, dass es zwischen seinem und anderen Ländern oft legitime Interessenunterschiede gibt, die auf friedlichem Wege geklärt werden sollten. Ich bleibe dabei: Es ist wichtig, den Patrioten vom Nationalisten zu unterscheiden. Aber ich gebe auch zu: Es handelt sich hier natürlich um Idealtypen. In der Praxis werden beide Protagonisten oft zusammen die politische Bühne betreten. Denn die meisten Nationalisten sind auch ein wenig patriotisch, und nur die wenigsten Patrioten schaffen es, sich ganz vom Nationalismus freizuhalten. Amerika ist deshalb nicht entweder patriotisch oder nationalistisch. Sondern beides.

Wie fühlen wir Europäer?

Wie jede Weltmacht in der Geschichte – wie die Chinesen heute, wie die Sowjets vor dreißig Jahren, wie die Briten im 19. Jahrhundert, oder gar die Römer zu Zeiten Julius Caesars – glauben die meisten Amerikaner an die eigene Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt. Dieser Glaube ist mir nicht ganz geheuer. Aber gleichzeitig teilen die Amerikaner viele Merkmale des Patrioten: sie sind den meisten anderen Ländern gegenüber wohlgewollt; sie respektieren, dass die Bürger anderer Länder ihren eigenen Nationalstolz haben; und sie heißen diese als Besucher oder gar Immigranten trotzdem herzlich bei sich willkommen. Dass Amerika sowohl patriotischer als auch nationalistischer ist als wir in Europa, erklärt vielleicht meine gemischten Gefühle ob des 4. Juli. Ich stehe dem amerikanischen Nationalismus, so wie allen Nationalismen, skeptisch gegenüber. Gleichzeitig bewundere ich die Amerikaner – nicht nur hier in Vermont, sondern auch in Ohio oder sogar Texas – aber auch für ihren feierlichen, solidarischen, einladenden Patriotismus. Ja, ich finde sogar, dass wir uns in Europa durchaus etwas von ihm abschauen könnten.

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